Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten

 

Thema der Ausgabe 4/5/2017:

Inklusion: Niemanden zurücklassen!

An jedem Ort kann jemand ausgeschlossen werden, obwohl er mittendrin lebt. Überall kann ein Mensch sozial unsichtbar gemacht werden, seine Menschen- und Bürgerrechte, ja sogar seinen Namen verlieren.

 

Intro:

Josef Fragner, Chefredakteur

Inklusion: Niemanden zurücklassen!

Beim Inklusionsdiskurs geht es meist um verkürzte räumliche Vorstellungen. Inklusion ist keine einfache Relation zwischen drinnen und draußen. An jedem Ort kann jemand ausgeschlossen werden, obwohl er mittendrin lebt. Überall kann ein Mensch sozial unsichtbar gemacht werden, seine Menschen- und Bürgerrechte, ja sogar seinen Namen verlieren.

Oft verläuft auch eine scharfe Trennungslinie zwischen „inkludierbaren“ und „nicht inkludierbaren“ Menschen. Georg Feuser spricht von „selektierender Inklusion“. Trotz schöner Worte bleibt in vielen Köpfen ein „Rest“, der angeblich nicht integriert werden kann. Soziologen sprechen von „Nutzlosen“, die keiner braucht und schätzt. Von „Überflüssigen“, um die sich keiner kümmert, was sie fühlen. Inklusion ohne Exklusion zu denken ist naiv und fahrlässig.

Die Denkfigur des „Schwerbehinderten“ wird im Inklusionsdiskurs zu einem Repräsentanten des Nichtintegrierbaren, schreiben Tobias Bernasconi, Ursula Böing, Harald Goll und Michael Wagner und entwerfen einen gemeinsamen, kooperativen Unterricht, in dem jedes Kind seinen Platz hat. Lehrerinnen und Lehrer fühlen sich oft allein gelassen, Sören Bauersfeld und Karin Terfloth, aber auch Claudia Omonsky zeigen konkrete Beispiele, wie ein inklusiver Unterricht für alle Kinder möglich ist.

Martina Kaack stellt den kommunikativen Anschluss in den Fokus ihres Beitrags. Willi Prammer, Eva Prammer-Semmler und Marianne Wilhelm fordern, dass bei der schulischen Kompetenzorientierung auch schwerbehinderte Schülerinnen und Schüler mitgedacht werden müssen. Kerstin Ziemen geht der Frage nach, was Didaktik im Kontext von Inklusion kennzeichnet.

 

Der Magazinteil ist wie immer informativ, bunt, kritisch – aus dem vollen Leben gegriffen:

„Mein Sohn hat das Down-Syndrom, und ich dachte, dass es in Deutschland nie eine bessere Zeit gab, behindert zu sein. Inzwischen bin ich mir nicht mehr sicher,“ schreibt Stefanie Flamm und Joscha Röder antwortet: „Ich bin Joscha, weiblich, 13 Jahre alt, Autistin. Und das hab ich zu sagen.“ Beeindruckend, berührend: „Ich will keinen Schutzraum. Ich will nicht, dass ich betteln muss um Teilhabe. Ich will dazugehören, wie ich bin. Ich will, dass die Behörden und die Medien aufhören, Behinderte wie lästige Mängelexemplare zu behandeln oder wie Sozialschmarotzer.“ 

Reimer Gronemeyer entlarvt in seinem Essay den Begriff Inklusion als Gegenbegriff von Freiheit und Befreiung. Auch ich persönlich möchte nicht in jede Gemeinschaft inkludiert werden! Eine Gemeinschaft muss als ein „Mit-Sein“ unter Aufrechterhaltung der eigenen Freiheit gesehen werden. Gelebte Inklusion stellt neben der sozialen Zugehörigkeit die Würde eines jeden Menschen in den Mittelpunkt.

Bei der Inklusionsdebatte entwerfen wir oft eine schöne Welt auf weißem Papier und rechnen nicht mit Widerständen, mit den Begrenzungen und Wechselwirkungen, die auf die Komplexität des Themas hinweisen. Eine andere Welt ist möglich, aber dazu braucht es auch konkrete Modelle.

 

Leseproben:

Die Illustration von Eva-Maria Gugg zeigt eine Hand, die mit zwei Fingern in den Schriftzug "Jeder ist wichtig" den Buchstabenteil "ich" einfügt.
Illustration von Eva-Maria Gugg
Aus Elternsicht
Stefanie Flamm

Gehört dazu

„Mein Sohn hat das Down-Syndrom, und ich dachte, dass es in Deutschland nie eine bessere Zeit gab, behindert zu sein. Inzwischen bin ich mir nicht mehr sicher.“

Abstraktes Gemälde von Adolf Beutler
Abstraktes Gemälde
Fachthema
Sören Bauersfeld, Karin Terfloth

Die Mischung macht's! – Individualisiert, kooperativ und gemeinsam lernen

Laut der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen haben alle Kinder und Jugendlichen einen Anspruch auf inklusionsorientierten Unterricht, unabhängig von ihren Lernvoraussetzungen bzw. von der Schwere einer Beeinträchtigung (vgl. Wagner 2013, 496). Dennoch werden Schülerinnen und Schüler mit schwerer Behinderung bundesweit kaum inklusiv an Allgemeinen Schulen unterrichtet.

Porträtfoto der rothaarigen, 13jährigen Joscha
Mädchen mit rotem Haar
Aus Betroffenensicht
Joscha Röder

Ich bin Joscha...

weiblich, 13 Jahre alt, Autistin. Und das hab ich zu sagen:

Willi, der Sohn der Autorin, steht in einem Konzertsaal ganz vorne an der Bühne, um den Musikerinnen und Musikern ganz nahe zu sein.
Orchesteraufführung - Sohn Willi steht ganz vorne
Willis Insiderwissen
Birte Müller

Klassik für Kloppis

In Deutschland scheint es so zu sein, dass jede Stadt, die etwas auf sich hält, ein Großbauprojekt haben möchte, welches sich mindestens über ein Jahrzehnt hinzieht und auf jeden Fall vier Mal teurer als geplant werden muss.

Die Illustration von Eva-Maria Gugg zeigt den Schriftzug "Inklusion ist schön, macht aber viel Arbeit", wobei das Wort Inklusion grafisch so aufgel...
Die Illustration von Eva-Maria Gugg zeigt den Schriftzug "Inklusion ist schön, macht aber viel Arbeit", wobei das Wort Inklusion grafisch so aufgel...
Report
Steffen Arora

Schulinklusion in Südtirol – Die schwierige Praxis gemeinsamen Unterrichts

In Italien wurden 1977 die Sonderschulen abgeschafft. Ist das Land nun ein Musterbeispiel für Schulinklusion? Ja, sagt eine betroffene Mutter und Lehrerin. Nein, entgegnet ein ehemaliger Schüler mit Sehbehinderung.

Autor Reinfried Blaha genießt auf einer Terrasse umgeben von grünen Pflanzen das Leben. Er liegt bequem in einer Hängematte und liest ein Buch. Dan...
Der Autor liegt in einer Hängematte
Reisen
Reinfried Blaha

Bin ich schon Brasilianer? – Ein Reise- und Lebensabschnittsbericht

Copacabana, Karneval & Bossa Nova … Brasilien strahlte für mich schon immer eine magische Anziehung aus – exotisch, bunt und lebensfroh. Bei meinem Erstkontakt mit dem Land konnte ich laufen. Nach einem folgenschweren Schiunfall haben sich mein Reiseverhalten und meine Motive verändert, doch auch mit Rollstuhl komme ich immer wieder …

Inhalt:

Artikel
Inklusion: Niemanden zurücklassen!
Wider den Ungeist selektierender Inklusion
Inklusion: Niemanden zurücklassen!
Inklusion und Exklusion von Schülerinnen und Schülern mit schwerer Behinderung
Inklusion: Niemanden zurücklassen!
Die Mischung macht’s!
Inklusion: Niemanden zurücklassen!
SchülerInnen mit schwerer Behinderung im inklusiven Unterricht
Inklusion: Niemanden zurücklassen!
Interaktion im Fokus
Inklusion: Niemanden zurücklassen!
Alle sind Menschen. Sind alle kompetent?
Inklusion: Niemanden zurücklassen!
Inklusion und Didaktik – Die Mehrdimensionale Reflexive Didaktik
Aus Elternsicht
Gehört dazu
Aus Betroffenensicht
Ich bin Joscha...
Aus der Behindertenanwaltschaft Österreichs
Keine pauschale Ablehnung von behinderten Versicherungswerbern
Ausgrenzungen / Kommentar
Von der Schule suspendiert
Report
Schulinklusion in Südtirol
Inklusive Bildung und Sonderpädagogik
Inklusion erfordert innere und äußere Schulreform
Tagung
Technik und Inklusion
Willis Insiderwissen
Klassik für Kloppis
Essay
Inklusion
Fotoessay
Lebensfreude mit unsichtbarer Behinderung
Reisen
Bin ich schon Brasilianer?
Barrierefreies Bauen
Wir bleiben dran!
Aus Grolls Skizzenbuch
Der Halbmord von Kindberg
Lifetool - Kommentar
VERBUND Empowerment Fund der Diakonie
Le petit fils
Österreich im Fieber
Report
Die Neugierde der Bienenhirten
Aus meinem Leben
Von Schildkröten lernen
Lebensgeschichte
„Klettern macht süchtig“
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Lesevergnügen: Herr Groll und der Dozent ermitteln wieder
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Besondere Künstler in Berlin