Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten

 

Thema der Ausgabe 6/2019:

Spiel als Inklusion

„Freies Spiel beflügelt die Phantasie, 
die der Humus für Bildung ist.“
(Josef Fragner, Chefredakteur)

 

Intro:

Josef Fragner, Chefredakteur

Spiel als Inklusion

Essen, von der Muttermilch zum Brei zur festen Nahrung, das ist die natürlichste Sache der Welt. Nicht für Kinder, die mit einer Sonde ernährt werden müssen. Wird der Prozess des Essenslernens verpasst, kann er nur mehr schwer aufgeholt werden. Anja Reiter hat in Graz einen einzigartigen Ort aufgespürt, der schon tausende Kinder von der Sonde entwöhnt hat. Marguerite Dunitz-Scheer, die Gründerin der NoTube-Esslernschule, ist überzeugt, dass Essen nicht durch Erziehen und Vorzeigen gelernt werden kann, sondern nur durch Spielen. 

Das Thema Spiel steht diesmal im Mittelpunkt. Ulrich Heimlich hinterfragt so manch trügerische Gewissheit zum Spiel. Das Eingreifen in kindliche Spieltätigkeit wie Anleitungen zerstören nicht selten den Charakter des Spiels. Das gemeinsame Spiel ist der Humus für inklusive Prozesse. 

Die kindliche Phantasie ist eine zentrale Voraussetzung für die geistige und die sprachliche Bildung. Kinder entwickeln ihre Phantasie nahezu ausschließlich im Spiel. Das weist André Frank Zimpel auch durch neurophysiologische Erkenntnisse nach. „Auch Erwachsene brauchen, wenn sie andere und sich selbst besser verstehen wollen, Zeit zum freien Spiel.“

Der gemeinsame spieltherapeutische Dialog erfordert besondere Achtsamkeit und Aufmerksamkeit, so Traudel Simon, „um die mitunter feinen Nuancen in Kommunikation und Ausdruck des spielenden Kindes wahrnehmen zu können“.

Mit dem „Leitfaden für inklusive Kindertageseinrichtungen“, den Claudia Ueffing und Ulrich Heimlich erarbeitet haben, steht ein praxisnahes Instrument der Qualitätsentwicklung zur Verfügung, das vom Gedanken der Inklusion geprägt ist. 

Märchen bringen oft Kinder und Erwachsene zusammen. Sie geben symbolische Antworten auf unterschiedliche Entwicklungs- und Lebensprobleme. Barbara Senckel fordert uns deshalb auf: „Unterschätzt die Märchen nicht!“

„Neulich sagten mir nach einer Lesung an einer Uni ein paar Sonderpädagogik-Studis, es wäre toll gewesen, mal so konkret etwas über ein behindertes Kind zu erfahren.“ Sie müssten sich mit immer neuen Wörtern und Bezeichnungen herumschlagen, aber die Lebenswelt behinderter Menschen bliebe ihnen fremd, so Birte Müller in ihrer Kolumne, die wieder einen Blick in ihre und Willis Welt gestattet, um uns die Augen zu öffnen.

Das Renaissanceschloss Hartheim war in der Zeit von 1940 bis 1944 eine Euthanasie-Anstalt, in der zehntausende behinderte Menschen getötet wurden. Heute wird da an die Opfer erinnert und zu aktuellen Fragen Stellung bezogen. Einmalig ist dies Meinhard Lukas mit seiner aufrüttelnden Rede gelungen: berührend, dicht, historisch fundiert, authentisch und politisch hoch aktuell. Wenn doch solche Wörter die Welt verändern könnten!

Swinde Wiederhold besuchte einfühlsam mit ihrer Kamera das „Dorf der Blinden“. Trotz widriger Umstände ein Ort der gemeinsamen Hoffnung und Lebensfreude. „Eines Tages trug mir“, so berichtet sie, „der blinde 15-jährige Kazem auf Persisch ein Gedicht vor, das er zusammen mit seiner Schwester geschrieben hatte: ‚Ich weiß, dass der Himmel blau ist. Die Wolken weiß, der Berg braun, die Flügel des Schmetterlings verschiedenfarbig. Seit ich aber auf der Welt bin, habe ich keine Farben gesehen, nur schwarz‘“. Und weiter: „‚Es leben auf der Welt Menschen, die an ihre eigene Kraft nicht glauben, trotz ihres Augenlichts können sie die Schönheiten des Lebens nicht sehen. Heute verstehe ich, dass es Leute gibt, deren Augenlicht in der Welt schwächer ist als das meine.‘“

Schönheit und Begehren beginnen für Michael Wahl zwischen kleinen Gesten, Berührungen und der anregenden Stimme. „Manche weiblichen Stimmen ziehen mich einfach unverhohlen an, besonders wenn sich ihre Klangfarbe in leisen Tönen um die Worte schmiegt. Schönheit braucht manchmal keine Augen.“

„Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, mit meinem Sohn nicht allein zu sein.“ Claudia Menge berichtet über die erste arabische Website für Eltern behinderter Kinder, die Reem AlFranji in Jordanien aufgebaut hat, um Eltern wieder Hoffnung zu geben.

Die Idee zu diesem Heft stammt von Ulrich Heimlich. Im Entstehungsprozess hat er behutsam und kooperativ seine Kompetenz eingebracht. Lassen Sie sich anstecken von seinem Plädoyer für das Spiel. Legen Sie dieses Heft, wenn es auch noch so schwerfällt, manchmal weg und greifen Sie zu einem gemeinsamen Spiel!

Josef Fragner, Chefredakteur

 

Leseproben:

Bunte, ineinander verschachtelte Altstadthäuser
Foto: Ulrich Heimlich

Spiel als Inklusion – Inklusion als Spiel

Es ist an der Zeit, einige trügerische Gewissheiten zum kindlichen Spiel zu erschüttern. Vielfach wird gerade in der Qualifikation frühpädagogischer Fachkräfte angenommen, dass als bekannt vorausgesetzt werden kann, was unter Spiel zu verstehen sei. Wer allerdings in die einschlägige Literatur zum Thema schaut, wird dort eine große Unsicherheit in der Begriffsbestimmung feststellen. Auch die Gleichsetzung des Freispiels mit einer Methode (Lorentz 1992) verstellt eher den Blick auf das freie Spiel von Kindern und ihre phantasievollen Eigenkreationen, als dass die Kinder tatsächlich zur Freiheit im Spiel angeregt würden. Weder eine Didaktik des Spiels noch Interventionen in kindliche Spieltätigkeit sind ohne weiteres möglich, ohne den Charakter des Spiels zu zerstören. Gerade in der Ausbildung von frühpädagogischen Fachkräften bedarf es von daher einer grundlegenden Neuorientierung im Bereich der spielpädagogischen Qualifikation. Das gilt besonders angesichts der Gestaltung inklusive Spielprozesse in Kindertageseinrichtungen.

Blinde, iranische Frau in Hijab geht durch ein hohes Haferfeld und streckt die rechte Hand prüfend aus.
Blinde, iranische Frau in Hijab geht durch ein hohes Haferfeld und streckt die rechte Hand prüfend aus.
Fotoessay
Swinde Wiederhold

Das Dorf der Blinden

Chaharborj ist ein kleines Dorf im Nordosten des Irans. Dort hat ein angeborener Gendefekt überdurchschnittlich viele blinde Angehörige im Familienstammbaum hervorgerufen. Swinde Wiederholds Fotoreportage schafft ein einfühlsames Bild vom „Dorf der Blinden“.

Arkadengang im Innenhof von Schloss Hartheim. An der Wand hängen Gedenksteine.Am Boden stehen Blumengestecke.
Arkadengang im Innenhof von Schloss Hartheim. An der Wand hängen Gedenksteine. Am Boden stehen Blumengestecke.
Denkanstösse
Meinhard Lukas

Die Täter von Hartheim und was wir als Menschen sind

Der Mercedes Omnibus trägt das Kennzeichen der Reichspost. Er hält an der Westseite des Schlosses. Der Holzschuppen schützt vor neugierigen Blicken. Angestellte, die sich Pfleger nennen, empfangen die Menschen im Bus, begleiten, nein eskortieren sie auf ihrem letzten Weg. Auch der kleine Seppi muss sich anstellen.

Bunte Landschafts- und Stadteindrücke
Porträtfoto André Frank Zimpel, Foto: privat
Fachthema
Andre´ Frank Zimpel

Spiel und Förderung

„Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt. Phantasie umkreist die ganze Welt.“
(Albert Einstein 1929)

„Befehlen, fragen, erzählen, plauschen gehören zu unserer Naturgeschichte so wie gehen, essen, trinken, spielen.“
(Ludwig Wittgenstein 1953)

Willi,  seine Schwester Olivia und Mama Birte Müller liegen miteinander spaßend auf einer Decke im Gras.
Willi,  seine Schwester Olivia und Mama Birte Müller liegen miteinander spaßend auf einer Decke im Gras.
Willis Insiderwissen
Birte Müller

Bist du neurotypisch oder was?

Sitzen eine Normalo-Mutter und eine Behinderten-Mutter mit ihren Kindern im Café. Sagt die Mutter des neurotypischen Kindes: „Mein Sohn ist so intelligent! Er konnte schon mit zehn Monaten laufen.“ Denkt das behinderte Kind: „Was für ein Depp, ich hab mich schön bis zum sechsten Lebensjahr tragen lassen.“

Männer, Frauen und Kinder bewegen sich an Händen haltend im Kreis. Eine Frau in der Mitte des Kreises schlägt eine Trommel.
Männer, Frauen und Kinder bewegen sich an Händen haltend im Kreis. Eine Frau in der Mitte des Kreises schlägt eine Trommel.
Tanz und Rhythmus
Maria Glawitsch, Marcella Rowek

TaKeTiNa: Die Kraft des Rhythmus

Die tiefklingende Basstrommel und das surrende Berimbau – ein brasilianisches Saiteninstrument – erfüllen den Raum. Zum Ende hin werden sie immer leiser, bis der Klang ganz im Raum verhallt. Der Rhythmus ist noch immer ganz deutlich im Körper spürbar: „Ta“ „Ke“ „Ti“ „Na“.

Inhalt:

Artikel
Spiel als Inklusion
Spiel als Inklusion – Inklusion als Spiel
Spiel als Inklusion
Spiel und Förderung
Spiel als Inklusion
Das Spiel im (psycho)therapeutischen Kontext
Spiel als Inklusion
Leitfaden für inklusive Kindertageseinrichtungen
Spiel als Inklusion
„Unterschätzt die Märchen nicht“
NoTube-Esslernschule
Essen lernen: Ein Kinderspiel?
Hirnforschung und Spiel
„Spielen ist Dünger für das Gehirn“
Inklusionspreis
Mit guten Beispielen voran – inklusiver als vorher
Aus der Behindertenanwaltschaft Österreichs
Dürfen Menschen mit Behinderungen spielen?
EU-Forschungsprojekt „eCrisis“
Digitaler Spielplatz Schule?
Denkanstösse
Die Täter von Hartheim und was wir als Menschen sind
Blinde Sichtweisen
Verlieben zwischen den Zeilen
Anderswo
Unsere Lieben – Habaybna
Tiere
Brücken zueinander bauen
Aus Grolls Skizzenbuch
Herr Groll begründet eine Wissenschaft
Spiel
Gemeinsames Spielen als inklusiver Nährboden
Tanz und Rhythmus
TaKeTiNa: Die Kraft des Rhythmus
Kultur
Festival InTaKT: Inklusion greifbarer, spürbarer machen
Kultur
CONNECT – Kunst im Prozess
Kultur
20 Jahre „Kultur vom Rande“