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Designer Henrik Silvius: Schon von Kindheit an ist Mode seine große Leidenschaft. - Niklas Hoejlund

Designer Henrik Silvius: Schon von Kindheit an ist Mode seine große Leidenschaft.

Foto: Niklas Hoejlund

Laufsteg des Lebens

Der Däne Henrik Silvius ist Modeblogger, Stylist, entwirft seine eigene Modelinie für Männer – und sitzt im Rollstuhl. Die Assistenzregelung seines Landes lässt dem Designer viel kreativen Freiraum. Den braucht er auch.

Männliche Models in hochtaillierten Hosen und metallisch-schimmernden Jacken laufen zu wummernden Beats über den hell erleuchteten Laufsteg – raffinierte Designs, durchtrainierte Körper, viel nackte Haut. Plötzlich erlischt das Licht, fünf Sekunden nur, dann erscheint der rothaarige Designer im Scheinwerferlicht des Laufstegs. Er trägt schwarze Lackschuhe und einen kinnhohen dunklen Kragen über dem weißen Hemd. Ein leises Lächeln umspielt seine Lippen.

„Ich bin von Mode besessen“

So beschreibt sich Henrik Silvius, 26, der sich zunächst als einer der meist gelesenen Modeblogger Dänemarks einen Namen machte und nun auch als Designer durchgestartet ist. Henrik hat Muskeldystrophie. Seit seiner Geburt sitzt er im Rollstuhl, eine Maschine hilft ihm beim Atmen. Mit vier Jahren fing er an zu malen, „wenn man nicht rumrennen und auf Bäume klettern kann, fängt man eben an, mit Hilfe der Augen zu spielen.“ Noch heute sei das Malen von Modeskizzen sein Steckenpferd, „nicht nur weil mein Körper mir das ohne Einschränkung erlaubt, sondern weil dort glücklicherweise auch mein Talent liegt“. Auf dem Papier erwacht seine Fantasie zum Leben. „Wenn ich meine Designs entwerfe, habe ich einen maskulinen und perfekten Körper im Kopf, eine männliche Barbiepuppe, quasi einen Super-Ken. Mein Körper ist davon ziemlich weit entfernt, aber das stört mich nicht“, sagt Henrik, „auch ohne feste Bauchmuskeln fühle ich mich männlich, stark und attraktiv – und so sollen sich alle fühlen, die meine Designs tragen.“ Seine körperlichen Einschränkungen im Alltag gleicht ein Team von Assistenten aus, die ihm rund um die Uhr zur Seite stehen. 

Assistenzmodelle

In der westlichen Welt gehören Assistenzmodelle mittlerweile zur Lebensrealität vieler Menschen, ebenso wie inklusive Schulen und Antidiskriminierungsgesetze. Doch es gibt Unterschiede, die oft schon in der Definition beginnen. In den meisten Ländern hat der Mensch eine Behinderung, in Dänemark ist es die Umwelt, deren Barrieren die Teilhabe von Menschen einschränken oder verhindern. Zudem gehen in Dänemark neun von zehn Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf auf eine allgemeinbildende Schule – ein Spitzenwert. Als Erwachsene leben viele von ihnen außerhalb der großen Anstalten in privaten Wohnungen oder kleineren Einrichtungen. Und sie sind auf dem dänischen Arbeitsmarkt präsent. In der Privatwirtschaft hat sich die Zahl der Menschen mit Behinderung innerhalb der letzten sechs Jahre verdoppelt. Zudem erhalten die Dänen keine pauschalierten Pflegesätze, sondern ein vom Staat und der Kommune finanziertes Grundeinkommen, das ihrem Hilfebedarf entspricht und das sie selbstständig verwalten – egal ob sie in einer eigenen Wohnung leben oder in einer sozialen Einrichtung. 

Diva und Arbeitstier

Für Henrik ist diese Selbstständigkeit unabdingbar. Nicht nur im Alltag – ohne Assistenten wäre seine Arbeit in der Modewelt undenkbar. Bei Fotoshootings richten sie das Model nach seinen Anweisungen aus, zupfen, kämmen, schminken und polieren, bis der Designer zufrieden ist. „Ich habe immer schon zuerst die Klamotten der Menschen gesehen, bevor ich ihr Gesicht erblickte“, sagt der Jungdesigner, „das hat mein Blick für Details geschärft“. Und er sei nicht nur „eine Diva“, die sich Tage im Voraus überlegt, was sie anzieht, sondern auch ein Arbeitstier, „aber wenig freie Zeit zu haben, kann für einen kleinen Körper mit Muskeldystrophie hart sein“, trotzdem falle es ihm schwer loszulassen, „ich bin einfach extrem perfektionistisch“. Unterschiede zwischen sich und anderen Designern sieht er nicht. „Ich fühle mich gleichgestellt. Und mal ehrlich, es gibt doch keinen Designer, der allen Normen entspricht.“

Luxusproblem? 

Trotzdem muss der junge Designer im Arbeitsalltag täglich Kämpfe austragen. „Aufstrebende Labels mieten sich in der Altstadt von Kopenhagen gerne schrullige Lofts oder Kellerräume. Für Rollstuhlfahrer ist es viel schwieriger, geeignete Räume zu finden. Das klingt nach einem Luxusproblem, aber an dieser Stelle habe ich einfach nicht die gleichen Chancen.“ Es gebe eben immer noch viele Bereiche, in denen sich die oft gelobte Behindertenpolitik Dänemarks verbessern kann, „aber im Vergleich zu vielen anderen Ländern dürfen sich Menschen mit Behinderung in Dänemark wirklich nicht beschweren. Dank der vielen Hilfen im Alltag kann ich mein Leben so leben, wie ich es tue.“

 

Website: www.henriksilvius.com

Instagram: instagram.com/HENRIKSILVIUS/