Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten

 

Der syrische Flüchtling Abdullah Zaror sitzt vornübergebeugt im Rollstuhl und betet gemeinsam mit seinem Vater und Bruder in einem karg ausgestatte...

Foto: Sascha Montag
Report
Tarek Khello, Kristin Oeing

So weit die Hände tragen

Auf einer Demonstration gegen das Schreckensregime des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad trifft den 17-jährigen Syrer Abdullah Zaror eine Kugel in den Rücken. Seitdem sitzt er im Rollstuhl. Mit der Hilfe seiner Familie und Freunde floh er nach Deutschland. Wir erzählen die Geschichte seiner Flucht.

Verwackelte Handyaufnahmen zeigen Menschen, die in Panik die Straße entlang rennen, Männer, die Verletzte tragen – und Blut, das viel zu schnell aus Wunden fließt. Abdullah Zaror, 21, stoppt das Handyvideo und zeigt auf einen der Verletzten, „das bin ich.“ Auf seinen Kleidern wachsen Blutflecken, seine Beine hängen leblos hinab. Kurz schaut er auf, seine Augen – starr vor Schreck – blicken in die Kamera. 

Schüsse auf Demonstranten

Die Filmaufnahmen zeigen den Tag im Leben des jungen Syrers, der alles veränderte. Es war ein sonniger Tag im Juni 2012: Tausende Menschen demonstrierten gegen Staatspräsident al-Assad. Plötzlich schossen die Schergen des Regimes wahllos in die Menge und trafen Abdullah, damals gerade 17 Jahre alt, in den Oberkörper. „Ich hätte nie gedacht, dass sie auf uns schießen“, sagt Abdullah und schüttelt den Kopf. Er zieht sein T-Shirt hoch. Wulstige Narben ziehen sich über seine Brust und seinen Rücken. Am Steißbein suppt eine offene Wunde.

Heute lebt Abdullah in einem alten Plattenbau in Halle an der Saale. Sein Vater Ahmad, der vor dem Krieg als Kursleiter in einem Fitnessstudio gearbeitet hat, sitzt gebeugt und mit dunklen Ringen unter den Augen auf einem Doppelstockbett und zieht an seiner Wasserpfeife. „Es war ein Freitag“, erinnert sich Ahmad, „viele Menschen haben sich nach den Gebeten Protestmärschen angeschlossen.“ So auch sein Sohn. Kurze Zeit später klingelte das Telefon des Vaters. Jemand sagte ihm, dass Abdullah verletzt wurde. „Ist er tot?“, fragte der Vater. „Nein“, sagte der Anrufer, „aber er kann nicht sprechen. Wir bringen ihn jetzt in ein Krankenhaus.“ 

Doch die Klinik wies den schwerverletzten Jungen ab, „weil er ein Demonstrant gegen das System war“, so der Vater. Erst ein Verwandter der Mutter, der als Arzt in einer Klinik arbeitete, nahm Abdullah auf – ohne Namen, ohne Papiere. Die Kugel in Abdullahs Rücken konnte entfernt werden, doch die Taubheit in seinen Beinen blieb. 

Das Zuhause, eine tödliche Falle

Es dauerte nicht lange, bis die Geheimpolizei an seinem Krankenbett auftauchte. Also holte die Familie Abdullah nach Hause. „Es war Hochsommer“, erinnert sich der Vater, „die Hitze und die Schmerzen zerrten an Abdullah“. Ohne Strom konnten sie in ihrer Wohnung weder die Klimaanlage noch die Ventilatoren benutzen. „Also machten wir ein Handtuch nass und schwangen es immer wieder durch die Luft.“ Doch die Lage verschlechterte sich zusehends. Die Wunden heilten nicht. Der Physiotherapeut, der den Verletzten anfangs noch versorgte, musste seine Besuche schon bald einstellen. Die Straßen Aleppos waren zur tödlichen Falle geworden. „Es war wie Folter“, sagt Abdullah – sein Rücken heilte nicht, an eine Flucht war nicht zu denken und vor der Haustür herrschte Krieg.

Raus aus dem Kriegsgebiet

So musste die Familie ausharren, neun Monate lang, erst dann konnte Abdullah mit seinen Eltern und den zwei Brüdern fliehen. „Die Freie Syrische Armee eroberte unser Stadtviertel, sie halfen uns bei der Flucht an die türkisch-syrische Grenze“, betont der Vater. Dort untersuchte ein Arzt seinen Sohn und warnte die Familie: „In zehn Tagen ist ihr Sohn vielleicht schon tot, sie müssen ihn unbedingt in ein türkisches Krankenhaus bringen.“ Doch die Grenze schien unüberwindbar. Immer wieder versuchte die Familie, die Grenze zu passieren – erst legal, dann illegal. Ohne Erfolg. „Auch das Rote Kreuz half uns nicht, weil Abdul angeblich kein Notfall war“, erinnert sich der Vater. „Ich fragte sie, ob ich erst auf meinen Sohn schießen muss, damit sie ihn über die Grenze lassen.“ Erst nach Tagen erbarmten sich die Grenzbeamten und öffneten die Tore. Das war im April 2013. 

Die Familie reiste weiter nach Gaziantep. Dort musste Abdullah vier Monate das Krankenbett hüten, „ohne Fernsehen oder Internet. Das war eine schlimme Zeit“. Der Vater arbeitete derweil als Holzsammler und auch die beiden Brüder suchten sich einen Aushilfsjob, doch der Lohn war mager und reichte nur für das Nötigste. „Ein Arzt meinte, für 50.000 Lira könnte er unserem Sohn sogar seine Beine zurückgeben“, sagt der Vater, doch das Geld hatte die Familie nicht. 

Deutschland als Sehnsuchtsziel

Auch nach seiner Entlassung änderte sich für den jungen Mann im Rollstuhl wenig. Worauf warten, fragte er sich, der Krieg wollte kein Ende nehmen – und ohne Hilfe, würde sich sein Gesundheitszustand nicht verbessern. „Irgendwann konnte ich einfach nicht mehr länger warten.“ In Deutschland, so erzählten die Menschen, könne man ihm helfen, dort gebe es Ärzte, die schwierige Fälle wie seinen operieren. „Ich wollte fliehen und bat meinen Vater um Erlaubnis.“ Doch der winkte ab, „wir hatten kein Geld und mein Sohn konnte nicht schwimmen“. Aber Abdullah blieb stur. „Ich wollte lieber im Wasser sterben als dortzubleiben.“ Irgendwann gab sein Vater nach. 

Im Sommer 2015 war Abdullah kräftig genug, um aufzubrechen. Zusammen mit seinen Cousins – die ebenfalls in die Türkei geflohen waren – und seinen beiden Brüdern machte er sich auf die lange Reise nach Deutschland. „Die Kosten für Abdullahs Überfahrt übernahmen seine Cousins“, erzählt Ahmad, „das Geld für die Flucht unserer anderen beiden Söhne liehen sie uns“. Er blickt auf zwei junge Männer, die auf der Matratze im Wohnzimmer sitzen. Ihre vollen Bärte lassen sie älter erscheinen, als sie sind. „Ohne Abdullah aufzubrechen, kam für uns nicht infrage. Wir sind nicht nur Cousins, sondern auch Freunde“, sagen Yousef, 28, und Mostafa, 30. Der lange Weg schreckte sie nicht ab. „Ich kann meine Gefühle schlecht beschreiben. Aber immer wenn ich an Abdullah denke, tut es mir weh“, seufzt Mostafa, „ich habe fest daran geglaubt, dass wir es schaffen und keine Zweifel zugelassen“. 

Im Rollstuhl auf der Flucht

Es gibt Fotos von ihrer Flucht, man sieht junge Männer, die sich im Arm halten, den Daumen nach oben recken, lachen. Was nach einem Abenteuertrip aussieht, war für die Freunde eine Begegnung mit Gewalt, Kriminalität, Kälte, Angst und Hunger. 

An der türkischen Küste trugen sie Abdullah in ein Schlauchboot. Den Rollstuhl durften sie nicht mitnehmen, „der hätte zu viel Platz weggenommen“. Etwa 40 Menschen saßen im Boot, von den Schmugglern wie Vieh zusammengepfercht. „Da waren Frauen und Kinder, die nicht schwimmen konnten – und Abdullah“, sagt Mostafa. Eineinhalb Stunden dauerte die Überfahrt, dann erreichte das Boot eine nahe gelegene griechische Insel. „Dort bekam ich einen neuen Rollstuhl von einer Hilfsorganisation“, so Abdullah, „die wollten mich gleich dabehalten“, doch er stahl sich davon und nahm den Rollstuhl mit. Zunächst reiste die Gruppe auf einer Fähre nach Athen, dann im Bus weiter nach Mazedonien. Hier begann der beschwerlichste Teil ihrer Reise, erinnern sich die jungen Männer

Wenn der Rollstuhl im unwegsamen Gelände steckenblieb, trugen ihn seine Brüder und Freunde abwechselnd. Kilometerweit. Sie teilten sich eine Decke für die Nacht, froren und hungerten gemeinsam. „In Mazedonien haben uns die Polizisten im Flüchtlingslager geschlagen und wie Tiere behandelt“, betont Abdullah. Danach reisten sie an die serbische Grenze. „Dort hörten wir von Diebesbanden, aber unsere Gruppe war zu groß, also ließen sie uns in Ruhe.“ Die letzten Kilometer bis zur Grenze trugen die Freunde und Brüder ihn erneut über das unwegsame Terrain, stundenlang. Wenn einer nicht mehr konnte, übernahm der andere. Abdullah lächelt zum ersten Mal: „Ich bin stolz darauf, Freunde wie sie zu haben.“ 

Elf Tage dauerte ihre Reise. Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien, Slowenien, Österreich, die deutsche Grenze. 

Enttäuschte Hoffnungen

Nun wohnt Abdullah mit seinen Eltern und Brüdern im sechsten Stock eines grauen Plattenbaus. Da weder das Haus noch die Zwei-Zimmer-Wohnung behindertengerecht sind, kommt Abdullah ohne seine Eltern oder seine Freunde nirgendwo hin, nicht einmal auf die Toilette. Die Wohnung ist kahl, es gibt kaum Möbel, der Teppichboden ist fleckig und zerschlissen, eine alte blaue Matratze mit Brandlöchern dient als Sofa. Die Stimme des Vaters klingt bitter: „Ich dachte, ich könnte hier direkt arbeiten und Geld verdienen.“ Doch ohne gültige Papiere ist das unmöglich – und auf die warten sie seit Monaten. Nicht einmal einen Sprachkurs konnten die Zarors bislang besuchen. Vom Lernen hält sie das nicht ab. Der jüngste Bruder Mohamad, 19, holt einen Block und liest zusammen mit seiner Mutter Malak deutsche Wörter vor. „Wir sind ein schlaues Volk“, sagt der Vater. Trotzdem, die fehlende Unterstützung und die Sorge um die Gesundheit ihres Sohnes überschatten den Neuanfang. „Im Krankenhaus haben sie meinen Sohn gerade einmal zehn Minuten untersucht, danach sagte uns der Arzt, dass Abdullah niemals wieder gehen wird.“ Die erhoffte intensive medizinische Betreuung blieb bislang aus. 

Warten, ohne aufzugeben

Der schmächtige junge Mann sitzt auf seinem Bett und zieht an einer Zigarette. Die Erinnerungen wühlen ihn auf, dazu kommen die Schmerzen, die ihn ständig begleiten. Und wie so oft in den letzten Jahren muss er warten, auf Bescheide, die seinen Aufenthalt legalisieren und auf Ärzte, die seine Schmerzen lindern und die Hoffnung auf ein Leben ohne Rollstuhl zurückgeben. „Du wirst wieder laufen können“, sagt sein Cousin Yousef. Abdullah blickt auf den Boden und nickt stumm. Aufgeben will er nicht, doch die Kraft schwindet.

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Portraitfoto Christiane Nagy
Fachthema
Christiane Nagy

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Meine erste Begegnung mit FC (Facilitated Communication – Gestützte Kommunikation) liegt ziemlich genau 25 Jahre zurück. Unser autistischer Sohn hatte früh gesprochen, sich schon mit drei Jahren für Formen und Buchstaben interessiert – und dann bis zum fünften Lebensjahr allmählich die Sprache wieder verloren.

Was ich daraus gemacht habe / Foto: David Strenzler (Kathrin Lemler sitzt zufrieden lächelnd in ihrem Rollstuhl)
Was ich daraus gemacht habe / Foto: David Strenzler (Kathrin Lemler sitzt zufrieden lächelnd in ihrem Rollstuhl)
Aus meinem Leben
Kathrin Lemler

Was ich daraus gemacht habe – Unterstützte Kommunikation im Alltag

Es ist 7.47 Uhr. Ich liege in meinem Bett in meiner eigenen kleinen Wohnung. Unruhig bewege ich mich hin und her. Ich träume. Langsam wache ich auf. Was war das für ein gruseliger Albtraum? Hätte wohl so mein Leben ausgesehen, wenn mir die Mittel von Unterstützter Kommunikation (UK) nicht zur Verfügung gestanden wären?
Was wäre wohl gewesen, wenn meine Mutter nicht von Anfang an von der Tatsache überzeugt gewesen wäre, ihre Tochter könne kommunizieren? Was wäre wohl gewesen, wenn ich nicht immer wieder Menschen getroffen hätte, die mit unendlicher Geduld für mich nach individuellen Lösungen gesucht hätten? Und was wäre wohl gewesen, wenn ich irgendwann frustriert aufgegeben und nicht diesen verdammten Dickschädel gehabt hätte? Nun ja, ich wäre wohl wirklich im Bällchenbad versunken. Zum Glück bleibt es aber ein schrecklicher Albtraum!

LIFEtool (Ein junger Mann sitzt am Tisch vor seinem Laptop und bedient das Gerät mit einer Mundsteuerung)
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LIFEtool

Auch wer nicht sprechen kann, hat viel zu sagen! – LIFEtool hilft

Stellen Sie sich vor: Sie sind durstig und können sich kein Glas Wasser bestellen, weil Sie nicht sprechen können. Oder: Sie haben Bauchschmerzen und können nicht sagen, wo es genau wehtut. Niemand versteht Ihre Gesten oder noch schlimmer, Sie werden falsch verstanden.

Birte Müller und Sohn Willi, Foto: Birte Müller
Birte Müller mit Sohn Willi
Kolumne
Birte Müller

Das Richtige sagen

Immer wieder einmal bekomme ich vorgeworfen, dass man sich einer Familie mit einem Kind gegenüber ja gar nicht richtig verhalten KÖNNE! Egal, was man sagt – alles sei falsch.