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Grafik von Miel Delahaij zu Hochsensible sehen die Welt anders Beitragsbild

 

Report
Patricia Thivissen

Hochsensible sehen die Welt anders

Sie möchten sich am liebsten die Ohren zuhalten, wenn ein Rettungswagen mit Martinshorn vorbeifährt. Nach einem langen Arbeitstag ziehen sie sich zurück und brauchen ihre Ruhe. Dafür spüren sie beinahe hellseherisch schon beim Betreten eines Raums, wenn Streit in der Luft liegt, und werden von ihren Freunden für ihr großes Einfühlungsvermögen geschätzt. Sie gehen gerne in Kunstausstellungen und sind kreativ. Sie lieben die Natur.

Die Rede ist von hochsensiblen Menschen. Hochsensibilität ist eine Persönlichkeitseigenschaft, die die amerikanische Psychologin und ebenfalls hochsensible Elaine Aron 1997 im Fachjournal „Journal of Personality and Social Psychology“ erstmals beschrieben hat und seither immer besser erforscht wird. Aron geht davon aus, dass rund 15 bis 20 Prozent der Menschen ein empfindsameres Nervensystem haben. Sie reagieren dadurch stärker auf die Reize in ihrer Umgebung – auf Geräusche, Temperatur oder Licht, aber auch auf soziale Reize. Sie haben daher ein Auge für Details und sind für die Stimmungen anderer Menschen sehr empfänglich. Zudem haben viele hochsensible Menschen eine große ästhetische Sensitivität und interessieren sich für Kunst, Literatur und Musik. Indes betont Aron, dass Hochsensibilität nicht mit sozialer Kompetenz zu verwechseln ist – gerade, wenn die Nerven eines Hochsensiblen überreizt sind, kann er alles andere als verständnisvoll reagieren. 

Untersuchungen zur Hochsensibilität

Neuere Studien stützten Arons Konzept: Offensichtlich ist die Reizverarbeitung im Gehirn von Hochsensiblen anders. Für eine im Sommer 2014 in Brain and Behaviour erschienene Untersuchung studierten Elaine und ihr Ehemann Arthur Aron gemeinsam mit Bianca Avecedo von der University of California mit einem fMRT (funktionelle Magnetresonanz-Tomographie)-Scanner die Hirnaktivität von 18 frisch verheirateten Probanden. Diese schauten sich dabei Bilder von ihrem Partner und von Fremden mit glücklichem, traurigem oder neutralem Gesichtsausdruck an. Die Teilnehmer waren zuvor auf ihre Hochsensibilität getestet worden. 

Es zeigte sich: Betrachteten die hochsensiblen Teilnehmer die „emotionalen“ Bilder, waren bei ihnen Hirnregionen wesentlich stärker aktiviert, die mit Aufmerksamkeit, Aktionsplanung und Emotionen verknüpft sind, insbesondere mit Empathie. Ein Hinweis darauf, dass soziale Reize sehr intensiv verarbeitet werden. Diese Aktivierungen waren noch stärker bei den Bildern der Ehepartner – die Forscher nehmen an, dass diese besonders relevante Reize für die hochsensiblen Probanden waren.

Erstmals neurologische Besonderheiten bei Hochsensiblen zeigten die Arons mit Jadzia Jagiellowicz von der Universität von Stony Brook sowie Forschern der Universität Peking 2011: Dabei sollten 16 chinesische Studenten im fMRT-Scanner Veränderungen auf Landschaftsbildern benennen, die ihnen in verschieden stark veränderten Versionen präsentiert wurden. Hochsensible zeigten dabei vor allem bei den nur wenig veränderten Bildern andere Aktivierungsmuster im Gehirn als Nicht-Hochsensible. Aktiv waren bei ihnen Regionen, die mit visueller Aufmerksamkeit und Augenbewegungen in Verbindung stehen. Zudem waren sie bei der Beurteilung langsamer, aber nicht weniger treffsicher – dies könnte bedeuten, dass sie besonders auf Kleinigkeiten stark achteten und bei der Reizverarbeitung mehr Zeit benötigten.

Probleme von Hochsensiblen

Wie Hochsensible in ihrem Alltag zurechtkommen, ist individuell jedoch sehr unterschiedlich. Nicht selten ernten sie von Kindheit an Unverständnis für ihre „Überempfindlichkeit“ oder „Mimosenhaftigkeit“, die zu Problemen in Schule und Beruf führen kann. Zudem kann Hochsensibilität durch die intensivere Reizverarbeitung auch dazu führen, dass sich negative Reize wie eine unglückliche Kindheit besonders ungünstig auswirken. Mehrere Studien haben mittlerweile nachgewiesen, dass hochsensible Menschen auch zu Depressionen und Ängsten neigen – insbesondere, wenn sie eine schlechte Kindheit hatten. 

Auch Elaine Aron hatte als junge Erwachsene mit einer Scheidung und mehreren Unterbrechungen ihres Psychologiestudiums schwierige Zeiten hinter sich. Nachdem sie sich einige Jahre zurückgezogen und um ihren Sohn gekümmert hatte, machte sie eine Psychotherapie und arbeitete später auch selbst als Therapeutin. Diese Erfahrungen mit ihren Patienten ließen bei ihr die Vermutung aufkommen, dass manche Menschen empfindlicher auf die Bedingungen und Anforderungen unserer Welt reagieren.

Der Hochsensibilität kamen sie und ihr Mann in sieben qualitativen und quantitativen Untersuchungen an mehr als 1300 Versuchspersonen auf die Spur: In allen Studien zeigte ein Teil der Teilnehmer ein bestimmtes Muster von Verhaltensweisen: Dazu gehörte eine hohe Empfindsamkeit in Bezug auf visuelle oder akustische Reize, Koffein, Hunger, Details, Kunst und Literatur und die Stimmungen anderer Menschen. Zudem fühlten sich diese Versuchspersonen in fordernden Situationen sehr unwohl, wenn sie sich beobachtet fühlten, sie reagierten häufiger überreizt und hatten dann das Bedürfnis, sich zurückzuziehen. Aus diesen Daten entwickelten die Arons einen Fragebogen, den HSP-Scale: Dieser misst nach neueren Forschungsergebnissen drei „Sensibilitätsarten“: ästhetische Sensitivität, eine niedrige Reizschwelle und eine leicht auslösbare Erregung, die jedoch stark miteinander zusammenhängen, was wiederum für ein einheitliches Merkmal spricht. Eine weitere Erkenntnis war: Hochsensibilität ist nicht dasselbe wie Introversion. In Arons Daten waren nur etwa 70 Prozent der Versuchspersonen introvertiert, der Rest extrovertiert – vor allem diejenigen, die unter günstigen Bedingungen aufwuchsen. 

Biologische Grundlage der Hochsensibilität

Hochsensibilität ist laut Aron ein vererbtes Merkmal – erste Hinweise darauf brachte eine chinesische Untersuchung 2011, bei der Forscher zehn Genorte auf sieben Genen des Dopamin-Systems nachwiesen, die mit Hochsensibilität in Verbindung stehen. Dänische Wissenschaftler fanden 2011 zudem heraus, dass höhere Sensibilitätslevel zumindest zum Teil auf das s-Allel in dem Serotonin-Transporter-Gen 5-HTTLPR zurückzuführen sind: So tragen sehr sensible Menschen zwei kurze Allele, sie haben einen reinerbigen ss-Genotyp, statt einer Ss- oder SS-Kombination. 

Doch warum gibt es Hochsensibilität überhaupt – ist es nicht ungünstig, wenn ein Teil der Menschen so stark auf Reize reagiert? Dieser Frage ging Aron 2012 in einem längeren Review-Artikel zu den evolutionsbiologischen Grundlagen der Hochsensibilität auf den Grund. Demnach finden sich auch in der Tierwelt zwei „Typen“ – den Draufgänger, der zügig auf neue Nahrungsquellen zugeht, und den Abwartenden, der sich eine neue Situation erst einmal anschaut und bei der Bewertung mehr Zeit nimmt. Diese konnten bei mehr als 100 Tierarten nachgewiesen werden, von Fischen wie dem Gemeinen Sonnenbarsch über Fruchtfliegen bis hin zu Hunden und Rhesusaffen. Je nach Situation ist beides sinnvoll – und die Kombination aus beiden Sensibilitätstypen ist, so vermutet Aron, eine gute Überlebensstrategie für eine Population.

Ein weiterer evolutionsbiologischer Vorteil von Hochsensibilität könnte laut Aron ebenfalls sein, dass auch positive Reize stärker verarbeitet werden. In einer kürzlich erschienenen Studie wurde dies erstmals von Jagiellowicz und den Arons untersucht: 96 Personen, die entweder als sehr stark oder besonders wenig hochsensibel eingestuft wurden, betrachteten dabei Bilder, die positive oder negative Emotionen auslösten oder neutral waren. Darüber hinaus beantworteten sie einen Fragebogen zu ihrer Kindheit. Es zeigte sich: Hochsensible Teilnehmer reagierten im Vergleich zu den nicht-hochsensiblen besonders stark und auch schneller auf die positiven Bilder als auf die negativen Bilder. Dieser Effekt verstärkte sich noch, wenn sie eine glückliche Kindheit hatten. So sind hochsensible Menschen nicht nur für negative, sondern insbesondere für positive Reize „anfällig“ – und profitieren von einer liebe- und verständnisvollen Erziehung besonders stark.

 

Mehr zum Thema

Bücher: 

Elaine N. Aron: Sind Sie hochsensibel? Wie Sie Ihre Empfindsamkeit erkennen, verstehen und nutzen, mvg, 2005, 17,90 Euro (Standardwerk in populärwissenschaftlicher Darstellung von Aron)

Elaine N. Aron: Sind Sie hochsensibel? Ein praktisches Handbuch für hochsensible Menschen. Das Arbeitsbuch, mvg, 2014, 17,90 Euro

Georg Parlow: Zart besaitet. Selbstverständnis, Selbstachtung und Selbsthilfe für hochsensible Menschen, Festland, aktualisierte Auflage 2015, 23 Euro.

Sylvia Harke: Hochsensibel – Was tun?: Der innere Kompass zu Wohlbefinden und Glück – Mit grundlegenden Infos und zahlreichen Übungen, Via Nova, 2014, 19,95 Euro.

Der Festland Verlag Wien veröffentlichte bereits einige Kinderbücher speziell für hochsensible Kinder. „Wie Betty das Wutgewitter bändigt“, ein fröhliches und liebevoll gestaltetes Kinderbuch, richtet sich speziell an hochsensible Kinder mit starken Gefühlen und Wahrnehmungen. Von Stefanie Kirschbaum mit 50 farbigen Illustrationen von Anne Wöstheinrich. € 16,90

„Philipp zähmt den Grübelgeier“, ein feines schönes Buch speziell für die eher introvertierten und nachdenklichen Hochsensiblen. Von Magdalene Hanke-Basfeld mit zahlreichen Zeichnungen der Autorin. € 18,20.

Neuerscheinung: „Komm raus, ich seh dich! Von Glück, Selbstwirksamkeit und Wachsen hochsensibler und hochbegabter Kinder“. Von Britta Karres, € 21,50.

Informationen und Bestellmöglichkeiten: www.festland-verlag.com

Informationen im Netz

Informations- und Forschungsverbund Hochsensibilität e.V. (IFHS): www.hochsensibel.org

Verein „Zart besaitet – Gesellschaft zur Förderung und Pflege der Belange hochempfindlicher Menschen“ in Österreich: www.zartbesaitet.net

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