Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten

 

Aktfoto eines Mannes im Rollstuhl aus der Schwarz-Weiß-Serie "Ganz unvollkommen" von Rasso Bruckert - Rasso Bruckert

Aktfoto eines Mannes im Rollstuhl aus der Schwarz-Weiß-Serie "Ganz unvollkommen" von Rasso Bruckert

Foto: Rasso Bruckert
Report
Gerhard Einsiedler

„Fachstelle .hautnah.“ – Ein besonderer Raum für besondere Menschen

18 Libida-Sexualbegleiterinnen und -Sexualbegleiter wurden österreichweit in bisher drei Lehrgängen in der „Fachstelle .hautnah.“ im steirischen Kalsdorf ausgebildet. Die Libida-Sexualbegleitung® ist mittlerweile eine geschützte Marke. Weil diese Arbeit hoch sensibel ist, wird Qualität großgeschrieben – wissenschaftliche Evaluierungen, laufende Fortbildungen, Beratung, Fachberatung und sexualpädagogische Materialien zeugen davon. Ein besonderes Angebot sind die „.Libida. Abende“.

Seit mehr als 20 Jahren kommen Frauen und Männer mit Behinderung nach Kalsdorf bei Graz in das Beratungszentrum von alpha nova, lässt Margit Schmiedbauer, Leiterin der „Fachstelle .hautnah.“, die Anfänge Revue passieren. Dort können sie mit Beraterinnen und Beratern über Sexualität, Beziehung und Behinderung sprechen. Sie können über Selbstbestimmung reden, über ihre Wünsche und Sehnsüchte, über Ideen und Wege, diese zu erfüllen, über Aufklärung und vieles anderes. Gruppen können auch Workshops oder Seminare zu den Themen Sexualität, Beziehung und Behinderung buchen. Reden ist gut, aber wenn es um Sexualität geht, reicht es nicht aus. Es braucht eine Möglichkeit, Sexualität zu erleben: nämlich sie mit dem eigenen Körper kennen zu lernen. Und so entstand die Idee für die Libida-Sexualbegleitung®. Im Projekt „Libida … mehr Lust im Leben“ wurde über drei Jahre die Libida-Sexualbegleitung® entwickelt. Frauen und Männer mit Behinderung haben mitgearbeitet. In drei Lehrgängen wurden Sexualbegleiterinnen und Sexualbegleiter ausgebildet.

Qualitätsmerkmale

„Seit Anfang unserer Arbeit haben wir für die Libida-Sexualbegleitung® Qualitätsmerkmale festgelegt, um die hohe Qualität der Dienstleistung zu gestalten und zu sichern“ unterstreicht Schmiedbauer. Diese werden innerhalb der Libida-Sexualbegleitung® umgesetzt und sind niedergeschrieben. Sie beschreiben Abläufe, Fragen zu Gesundheit und des Körpers und Themen zu Verschwiegenheit und Datenschutz. Die Libida-Sexualbegleiterinnen und -Sexualbegleiter reflektieren laufend ihr berufliches Tun und tauschen sich mit ihren Kolleginnen und Kollegen über fachliche Fragen aus. Sie können ihre Arbeit in laufender Supervision besprechen. Es gibt themenbezogene Fortbildungsangebote für sie.

Die ausgebildeten Libida-Sexualbegleiterinnen und -Sexualbegleiter unterschreiben für jeweils ein Jahr eine Kooperationsvereinbarung mit der „Fachstelle .hautnah.“ und verpflichten sich, sämtliche dort aufgeschriebenen Vorgaben einzuhalten. Im jährlichen Qualitätszeugnis bestätigt die „Fachstelle .hautnah.“, dass die Libida-Sexualbegleiterin oder der Libida-Sexualbegleiter alle Qualitätsmerkmale erfüllt hat. Derzeit sind zwölf Libida-Sexualbegleiterinnen und drei Libida-Sexualbegleiter tätig.

Mehr Lust im Leben!

Libida-Sexualbegleitung® ist eine Möglichkeit, Körper und Sexualität lustvoll zu erleben. Kundinnen und Kunden und Libida-Sexualbegleiterinnen und -Sexualbegleiter begegnen einander auf achtsame und einfühlende Weise. In der Libida-Sexualbegleitung® kann Sexualität auf vielfältige Weise erlebt werden. Die Kundin oder der Kunde gestaltet mit der Sexualbegleiterin oder dem Sexualbegleiter gemeinsam die Begegnung. Das kann sein: streicheln, berühren und berührt werden, miteinander nackt sein, sich und einander spüren, massieren, sexuelle Erregung und Befriedigung erleben. Beide sollen immer sagen, was sie wollen und was sie nicht wollen. Nur was für beide in Ordnung ist, kann erlebt werden. Für die Libida-Sexualbegleitung® wird eine bestimmte Zeit vereinbart, für die Kundinnen und Kunden bezahlen – das sind zwischen 80 Euro und 110 Euro pro Stunde. Geschlechtsverkehr, Oralkontakt und Zungenküsse sind in der Libida-Sexualbegleitung® nicht möglich. Schmiedbauer ergänzt: „Im Jahr 2015 haben österreichweit 1079 Begegnungen stattgefunden.“ Libida-Sexualbegleitung® wird in Absprache mit der Landesregierung Steiermark als nicht unter das Steirische Prostitutionsgesetz fallend gehandhabt.

Im Jahr 2010 wurde Libida-Sexualbegleitung® mit der „SozialMarie“ ausgezeichnet – ein Preis für soziale Innovation, der einmal im Jahr in Österreich und den benachbarten Ländern vergeben wird.

Wissenschaftlich evaluiert

2012/2013 haben drei Studierende des Institutes für Erziehungs- und Bildungswissenschaft der Universität Graz ihre Masterarbeiten der Libida-Sexualbegleitung®“ gewidmet. Entstanden sind unter der Betreuung von Ao. Univ.-Prof. Dr. Peter Rossmann zwei wissenschaftliche Studien; eine beschäftigt sich als qualitative Studie mit den Wünschen und der Zufriedenheit von Kundinnen und Kunden von „Libida-Sexualbegleitung® und deren Umfeldpersonen (Familie, soziales Umfeld). Die zweite erhebt in einer quantitativen Umfrage die Bekanntheit der Libida-Sexualbegleitung® unter Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern steirischer Einrichtungen der Behindertenhilfe, deren Zufriedenheit mit dem Angebot und persönliche Einstellungen der Fachkräfte zum Thema „Behinderung & Sexualität“. Und Schmiedbauer ist stolz auf die Ergebnisse: „Beide Studien zeigen, dass Libida-Sexualbegleitung® behinderte Menschen in ihrem Menschenrecht auf Selbstbestimmtes Leben, Chancengleichheit und Inklusion ganz wesentlich unterstützt.“

„.LIBIDA. Abende“ 

„.Libida. Abende sind Abendveranstaltungen, bei denen unsere Gäste beim Erleben von Sinnlichkeit, Erotik und Sexualität von Libida-Sexualbegleiterinnen und -Sexualbegleitern unterstützt werden“, betont Schmiedbauer. Dabei gibt es die Möglichkeit, zu tanzen, sich zu unterhalten, zu genießen – einfach zu feiern. Wer will, hat während des „.Libida. Abends“ die Möglichkeit, Libida-Sexualbegleiterinnen und -Sexualbegleiter unverbindlich kennen zu lernen oder Libida-Sexualbegleitung® konkret zu erleben (und mit einer Sexualbegleiterin oder einem Sexualbegleiter direkt eine Begegnung zu vereinbaren). Eigene Räume stehen dafür bereit. Der Eintritt von 25 Euro für einen „.Libida. Abend“ inkludiert das Gruppenprogramm „Sinnliche Berührung im offenen Raum“ sowie das Angebot „Sinnliche Berührung im Dialog“; Getränke, Essen und Musik/Tanz. Eine Stunde Libida-Sexualbegleitung® kostet am „.Libida. Abend“ 75 Euro. Die nächsten Termine: 22. April, 24. Juni, 23. September und 25. November – jeweils freitags von 17.00 bis 21.00 Uhr.

Fortbildungsseminar „Sexualität & Behinderung“

Donnerstag, 31. 3., und Freitag, 1. 4. 2016, jeweils 9 bis 17 Uhr (16 UE). Die Anmeldung erfolgt über die alpha nova Akademie. 

 

Anmeldungen und Informationen

Fachstelle .hautnah. für Sexualität, Beziehung, Behinderung

alpha nova Betriebsgesellschaft mbH

Römerstraße 92, A-8401 Kalsdorf, Tel. +43 3135 56 382-27 

hautnah@alphanova.at, www.alphanova.at/fachstelle_hautnah.html

www.libida-sexualbegleitung.at

 

Hier findet man auch eine Liste mit den jeweils in Österreich tätigen LIBIDA-Sexualbegleiterinnen und -Sexualbegleitern sowie ihre Kontaktdaten.

Gemälde von Horst Wäßle mit dem Titel "Drei Frauen", Dispersionsfarbe auf Nessel
Portraitfoto von Erwin Riess - Foto: Erwin Riess
Fachthema
Erwin Riess

Umwege zur Lust oder Herr Groll schreibt einen Brief

Lieber Marco!
Wundere Dich nicht über diesen Brief. Lies ihn aufmerksam, aber wirf ihn nicht weg. Es könnte sein, dass Du in kommenden Jahren die eine oder andere Passage nachlesen willst. Bevor ich zur Sache komme, lass mich ein paar Worte über Deinen Vater sagen …

Aktfoto einer Frau im Rollstuhl aus der Schwarz-Weiß-Serie "Ganz unvollkommen" von Rasso Bruckert; Foto: Rasso Bruckert
Aktfoto einer Frau im Rollstuhl aus der Schwarz-Weiß-Serie "Ganz unvollkommen" von Rasso Bruckert
Report
Benjamin Piel

Bettys erstes Mal

Betty ist 73 und Jungfrau. Noch nie hat ein Mann ihren nackten Körper gestreichelt. Betty ist fast blind und lernbehindert. Noch nie hat sie gespürt, wie das kribbelt im Bauch. „Ick hab Mut“, sagt Betty und nickt, „ick hab Mut“. Es ist Freitagabend im Trebeler Gästehaus. An einem langen Tisch sitzen behinderte Menschen und ihre Betreuerinnen und Betreuer. Kerzen brennen, Kastanien liegen neben bunten Blättern auf der Tischplatte. Einige löffeln Kürbissuppe, andere stehen Schlange am Büfett. „Vorher müssen wir beten“, sagt ein behinderter Mann mit Bart und faltet die Hände. „Komm, Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast. Amen.“

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Sport

Auf Skiern zurück ins Leben – Barrierefreies Hochalpinerlebnis in der Schweiz

„Es war wie eine Befreiung“, sagt Doris Peyer über ihr erstes Wintersporterlebnis in der Aletsch Arena im Schweizer Kanton Wallis. Nach vielen Jahren im Rollstuhl hätte sie es nicht für möglich gehalten, jemals wieder Ski zu fahren. Die UNESCO-Region am Aletschgletscher hat für ihre Bemühungen um ein barrierefreies Hochalpinerlebnis den Innovationspreis der Deutschen Stiftung für Querschnittlähmung erhalten.