Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten

 

Willi sitzt offensichtlich gut gelaunt auf einem Stuhl und zieht seine nackte linke Fußsohle artistisch hoch bis auf seine linke Wange.

Seltsames Verhalten hat bei Willi sicherlich oft einen Sinn, allerdings erschließt er sich uns nicht immer.

Foto: Matthias Wittkuhn
Willis Insiderwissen
Birte Müller

Kommentare

Manchmal wünschte ich, ich könnte in die Köpfe der Menschen schauen. Was denken unsere Nachbarn über uns? Über das ewige laute Schreien von Willi – sei es nun aus Freude oder Unmut. Was denken sie über die ewig gleichen Anweisungen, die wir Willi zurufen? Nervt es sie so sehr wie uns manchmal?

Und können sie sich – so wie wir – darüber freuen, wenn Willi plötzlich für einen begeisterten Tanz zu Rimski-Korsakows Hummelflug vor die Haustür rennt? Haben sie Respekt vor unserer Gelassenheit? Oder halten sie das für mangelnde Erziehung? Oder finden sie vielleicht, wir seien zu ungeduldig oder gar zu streng mit ihm? Was denken sie über Willis neusten Tick, vor dem Haus an der Straße bäuchlings auf dem Boden zu liegen und Buntstifte in einer Schachtel zu sortieren? Halten sie uns für Rabeneltern, weil wir ihn dort liegen lassen? Denken sie, ich habe ihn vor die Tür gesetzt? Oder finden sie es gut, dass er ein kleines bisschen Unabhängigkeit gewinnt und auch mal alleine draußen vor der Tür ist?

Was denken fremde Menschen, wenn Willi plötzlich ihre Hand ergreift? Wenn er bei den Durchsagen in der U-Bahn brüllt? Wie finden sie es, wenn er im Kino von Sitz zu Sitz wechselt und in den langweiligsten Szenen laut lachend ganz alleine in der ersten Reihe aufspringt und jubelt? Können sie mitlachen oder empfinden sie es als Zumutung? 

Ausdrucksvolle Gesichter

Manchmal verrät mir das Lächeln anderer Menschen – oder ein erbostes Kopfschütteln –, was sie denken. Aber oft schaue ich in vollkommen ausdruckslose Gesichter. Vielleicht wissen diese Menschen selber nicht genau, was sie von Willi oder uns halten sollen. Ich blicke dann manchmal schnell weg. Ich will nicht Zeugin sein, wenn anderen die Gesichtszüge ins Angewiderte entgleiten. Ich sehe zu schnell die Existenzberechtigung meines Kindes in Frage gestellt oder mich als Mutter abgewertet. 

Wann immer ich einen Artikel über Willi auf Spiegel online veröffentliche, bei dem die Kommentarfunktion aktiviert ist, lese ich die Gedanken einiger anderer Menschen. Immer wieder versuche ich, mir das zu verkneifen, weil es mich oft sehr ärgert. Aber ich schaffe es einfach nicht. Die ganz schlimmen Kommentare mit unverhohlen rechtem Gedankengut werden zum Glück schnell gelöscht. Die muss ich nicht lesen. Man kann nur auf sie schließen, weil einige andere Leser bereits auf den Hetzer geantwortet haben im Sinne von: Dann hoffe ich mal, dass Du nie krank oder alt wirst und dem „gesunden Volkskörper“ zur Last fällst. Nazi-Ansichten sind aber die Ausnahme. Es beruhigt mich, dass viele Leute ganz klar dagegen Stellung beziehen. Dann muss ich das nicht tun.

Das ist übrigens der Grund, weshalb ich die Kommentarfunktion überhaupt freischalten lasse: Die Leute können ihre negative Meinung zu meinem Artikel direkt abladen und mit anderen Lesern diskutieren. Ich weiß zwar nicht, warum man heutzutage eigentlich unbedingt immer alles bewerten und kommentieren muss, aber so landet der Großteil des Gedankenmülls wenigstens nicht Zuhause in meinem persönlichen Postfach. Vielleicht fehlt den Leuten ein Stammtisch, wo sie über die Dinge, die sie bewegen, reden können? Oder wird schlichtweg mehr herumgepöbelt, wenn es mehr Foren dafür gibt?

Eindeutig diskriminierend

Sehr ernüchternd ist es auf jeden Fall immer, wenn die ganz „normalen und gebildeten“ Leser sich zum Thema Inklusion äußern. Da merke ich, wie viele unserer Mitmenschen sich für absolut aufgeschlossen und in keiner Weise für behindertenfeindlich halten und dabei aus meiner Sicht eindeutig diskriminierend sind. Zu einem Artikel, in dem es unter anderem um Willis anstrengendes Verhalten im Bus geht (wenn sein Stammplatz besetzt ist, kann er nämlich sehr unglücklich sein), schrieb ein Leser: „Auf der einen Seite ist da das Recht eines jeden Einzelnen an gesellschaftlicher Teilhabe (...). Auf der anderen Seite sind da die anderen, die ein Recht darauf haben, von anderen ein gewisses Benehmen zu erwarten, da dies ja auch von ihnen selbst erwartet wird. Nimmt man an dieser Stelle an, dass alle Menschen gleich sind, also mit gleichen Rechten und Pflichten, kann es hier auch keine Ausnahme geben.“ Ein anderer bringt die selbe Meinung so auf den Punkt: „Das Recht des Einen reicht nur bis zum Recht des Anderen. (...) Lässt sich sozialangepasstes Verhalten nicht erreichen, dann endet die Teilhabe.“

Hier wird der Grundgedanke der Inklusion nicht mal im Ansatz verstanden. Dieser lautet ja eben NICHT: Alle Menschen sind gleich! Sondern vielmehr: Alle Menschen sind ungleich! 

Im Prinzip ist dies der häufigste Satz, wenn Leute ohne Inklusionserfahrung ihre Haltung beschreiben „Da hat das Recht des Einzelnen gegen das Recht der Mehrheit zurückzustehen.“ Die furchtbare Tragweite dieser Einstellung wird dabei nicht im Ansatz bedacht: Das bedeutet, dass Menschen wie Willi nicht am gesellschaftlichen Leben teilhaben können, niemals ins Kino gehen dürften, in Konzerte schon gar nicht, ja nicht mal das Recht hätten, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen!

Erziehung mit der Rute?

Natürlich trage ich als Mutter in den Augen vieler Leser die Schuld für Willis unangepasstes Verhalten. Eine Frau schreibt „Es ist zwar schwieriger, so einem Kind Manieren beizubringen, aber es ist nicht unmöglich. Erziehen sollte man sie alle mit Strenge und Konsequenz.“ Dazu empfiehlt sie mir sogar einen Ratgeber – für die Erziehung mit der Rute! 

Mich überrascht es immer wieder, wie häufig Eltern unterstellt wird, sie hätten kein Interesse daran, ihre Kinder nach den besten Möglichkeiten zu erziehen. Dieser Kommentator schreibt: „Ja, wenn man keine vernünftige Erziehungsarbeit leisten will, ist es grundsätzlich die Toleranz der anderen, die fehlerhaft ist. Solche Eltern gibt es inzwischen leider zuhauf.“

Spätestens beim zweiten Kind ist mir klargeworden, dass viele Leute zwar gut erzogene Kinder fordern, aber den Preis an Geduld und Kraft dafür nicht mittragen möchten. Genauso verhält es sich mit der Inklusion: Na klar ist man für Inklusion, aber natürlich nur, solange man selber durch sie in keiner Weise eingeschränkt wird!

Und weil man das oft spürt, ist gesellschaftliche Teilhabe doppelt erschwert: durch die allgemeinen Umstände mit einem behinderten Kind und die zusätzliche ständige Rechtfertigungspflicht unseren Mitmenschen gegenüber. Und darum sind Familien mit behinderten Kindern oft so isoliert. Wenn wir mit Willi Veranstaltungen besuchen, wird akribisch geplant: Ist Willi gut drauf an dem Tag, frisch geduscht, sauber gekleidet, ist der Anfahrtsweg auch nicht zu stressig, wird es dort möglichst leer sein, haben wir mit Willi optimal geübt, erklärt und ihm Bilder gezeigt, was wir vorhaben? Haben wir auch ganz sicher alles Wichtige für ihn dabei: genug Windeln, Tücher, Kleidung, den Kuschelhund und fünf Laugenbrezel??? 

Niemand, der ein verhaltensoriginelles und schwieriges Kind hat, geht rücksichtslos an öffentliche Orte, wo es ihm dann ganz egal ist, ob es dort schreit, spuckt oder schlägt! Sehr oft ist das, was man „unerwünschtes Verhalten“ bezeichnet, als eine Form der Kommunikation zu werten. Man darf ganz getrost darauf vertrauen, dass das Verhalten, mit dem Eltern auf so etwas reagieren, einen sehr guten Grund hat.

Manches Benehmen, das Anderen als negativ auffällt, ist möglicherweise für Willi eine deutliche Verbesserung und wird deswegen gelobt. Willi war es zum Beispiel gewohnt, sein Gegenüber einfach weg zu schubsen, wenn er allein sein wollte. Wir sind nun so weit, dass Willi mit dem Finger zeigt, wenn ich weggehen soll. Ich weiß, dass es für Außenstehende aussieht, als würde er mich herumkommandieren. Es kommt ihnen seltsam vor, wenn ich sofort aufstehe und Willi sogar noch lobe. Sie wissen ja nicht, dass er vorher sogar geschlagen hat, um zu zeigen, dass er seine Ruhe braucht. Aber sie sprechen mich nicht an und können so auch nichts über Willi erfahren.

Der Gesellschaft zumuten

Deswegen ist es im Prinzip praktisch, dass ich die Leserkommentare habe, denn sie zeigen mir, dass ich auch außerhalb unserer Behinderten-Szene noch viel, viel mehr aus unserem Leben erzählen muss. Rückzug darf nicht die Reaktion sein auf die Unwissenheit unseres Umfelds. Im Gegenteil: Wir müssen uns wirklich der Gesellschaft viel mehr zumuten. Es ist nicht Sinn der Inklusion, dass ein paar Vorzeigebehinderte es schaffen, im Mainstream mitzuschwimmen und sich die Nichtbehinderten dafür feiern. Es ist Sinn der Inklusion, dass jeder bereit ist, sich für das Gemeinwohl und auch mal für einen ganz besonderen Einzelnen einzuschränken. 

Ehrlich gesagt, schränken wir uns als Eltern behinderter Kinder schon sehr viel ein. Deswegen wundert es mich auch, wenn ich ernsthaft Kommentare lesen muss wie: „Also? Behinderte Menschen an erster Stelle? Mir scheint, die Autorin möchte nicht teilhaben, nicht inkludiert werden (...). Sondern an erster Stelle, da sollen sie stehen. (...) Also muss ich mich anfassen und stören lassen? Wegen Artikel 3 GG? Wohl kaum.“ Wie oft musste dieser Mann wohl schon wegen eines „Behinderten“ zurückstecken? Das ist dasselbe wie die Ausländerfeindlichkeit von Menschen, die überhaupt keinen Kontakt haben mit Migranten! 

Wenn es nun mal in den Köpfen so fest verankert ist, dass das Recht der Mehrheit vor dem Recht des Einzelnen steht, dann müssen wir unbedingt schnell eine Mehrheit erreichen – eine Mehrheit von toleranten, rücksichtvollen und hilfsbereiten Menschen! Dafür müssen Menschen mit Behinderungen und ihre Familien überall noch viel präsenter sein. Man muss mit uns mehr Alltag teilen, sich an unseren Anblick gewöhnen und uns verstehen lernen. Zuerst bedeutet das allerdings leider wieder erst einmal einen Kraftaufwand für uns Betroffene … 

Manchmal bin ich ziemlich erschöpft, dann lasse ich Willi öfter einfach mal auf andere allein zugehen und traue ihnen zu, das ohne meine Moderation zu verkraften. Vielleicht sollten wir möglichst viele Menschen mit Down-Syndrom aus den Werkstätten holen und ihnen einen Job als Inklusionsbotschafter geben. Den ganzen Tag fahren sie U-Bahn, wandern durch Fußgängerzonen und Cafés und sprechen mit unseren Mitmenschen oder verteilen einfach ein paar kräftige Umarmungen. Sie würden die Sache viel beherzter anpacken und wahrscheinlich deutlich mehr erreichen, als es die Politik jemals wird.