Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten

 

Zwölf Menschen – einer im Rollstuhl, einer mit Trisomie 21 – sitzen im Halbkreis in der Wiese und genießen ihr Zusammensein.

Das Wiener Projekt P.I.L.O.T. begleitet junge Menschen mit erhöhtem Unterstützungsbedarf.

Foto: iwi
Sozialraumprojekt in Österreich
Waltraud Engl

„Ich mach mir die Welt, so wie sie mir gefällt!“

Das Projekt P.I.L.O.T. – Begleitung für junge Menschen mit erhöhtem Unterstützungsbedarf

Die langjährige Erfahrung in der Begleitung von jungen Menschen mit Beeinträchtigung und erhöhtem Unterstützungsbedarf sowie deren Eltern am Übergang Schule – Beruf hat gezeigt, dass viele junge Menschen trotz massiver Bemühungen von Fachkräften und Eltern und trotz eines sehr differenzierten Maßnahmenangebots nicht zu für sie zufriedenstellenden Lebenssituationen gelangen und sie deshalb die gewünschten Ziele sehr oft nicht erreichen können2. Nach Beendigung der Schule sind zahlreiche Übergänge zwischen unterschiedlichen Maßnahmen und Angeboten zu bewältigen. Die jeweilige Projektausrichtung überlagert oft die Möglichkeit, die betreffende Person in den Mittelpunkt zu stellen. Die komplexen Anforderungen der Unterstützungssysteme überfordern betroffene Personen wie auch deren Eltern. Das meist rasche „Andocken“an Tagesstrukturen unmittelbar nach der Schule ist eine gängige Folge, wobei gerade hier auch die Einschätzungen von LehrerInnen und Jugendcoaches sowie andere Systeme diese Wege verstärken. 

Inklusive Lebensgestaltung und ihre Hürden

Häufig fehlen Bilder und Beispiele für neue Lebensentwürfe und die für Menschen mit Beeinträchtigungen schwierige Arbeitsmarktlage blockiert Tür und Tor für inklusive Lebensgestaltung geradezu. Ebenso erschweren Überbehütung und der Mangel an Zu- und Vertrauen in die jeweilige Person innovative Wege. Die Sorge von Eltern, ihr Kind könnte überfordert werden, steht in ständigem Wechselspiel mit dem Wunsch nach einem glücklichen und möglichst selbstbestimmten Leben für ihre Tochter oder ihren Sohn. 

integration wien

Seit Jahren erfolgt im Angebot Elternnetzwerk Wien (ebenfalls ein Angebot von integration wien – im Folgenden iwi genannt) eine intensive Auseinandersetzung mit personenzentrierten Methoden wie der Persönlichen Zukunftsplanung sowie Sozialraumorientierung, welche in die Beratungs- und Informationsarbeit eingebettet wurden. Konkret wird die Person mit ihren Fähigkeiten und Interessen in den Mittelpunkt gestellt – iwi setzt somit einen klaren Kontrapunkt zu defizitorientierten Konzepten. 

Start 2016

Nach intensiver Auseinandersetzung und Diskussion mit dem Vorarlberger Modell „Spagat“ wurde in Kooperation mit Eltern ein Konzept für ein Pilotprojekt für Wien entwickelt, das seit dem Jahr 2016 mit der Finanzierung durch den Fonds Soziales Wien umgesetzt wird. Träger dieses Angebots ist iwi. Als Projekttitel wurde in Kooperation mit den TeilnehmerInnen der Titel „Projekt P.I.L.O.T.“ entwickelt, da sie selbst die PilotInnen für ihr Leben sind und bestimmen wollen, „wohin die Reise geht“ (Zitat eines Projektteilnehmers). Die ProjektmitarbeiterInnen sind dabei „ZukunftsreisebegleiterInnen“, Eltern und Angehörige wertvolle Ressourcen und KooperationspartnerInnen. Die Teilnehmerin bzw. der Teilnehmer entscheidet, ob sie bzw. er am Projekt teilnehmen möchte, Eltern und Angehörige müssen ebenfalls für Kooperation zur Verfügung stehen. 

Neben dem methodischen Herzstück der Persönlichen Zukunftsplanung mit der entsprechenden personenzentrierten Arbeits- und Denkweise werden Prinzipien der Sozialraumorientierung als Fachkonzept und Fixbestandteil in Ausrichtung auf Wolfgang Hinte (Fürst & Hinte, Sozialraumorientierung 2014) verfolgt. In diesem Verständnis wird mit den ProjektteilnehmerInnen und an ihrem Willen, ihren Fähigkeiten und Interessen orientiert, ihre persönliche Zukunft entwickelt und gestaltet. Um dieses Ziel erfolgreich und nachhaltig verfolgen zu können, wird am gesamten Lebensentwurf der Menschen gearbeitet: Alle Lebensbereiche werden mit be- und gedacht. Derzeit sind zwölf Menschen im Alter zwischen 14 und 30 Jahren im Projekt P.I.L.O.T., unterstützt werden sie von zwei (Zukunftsreise-)BegleiterInnen und drei AssistentInnen.

Keine neuen starren Strukturen

Zentral ist dabei, keine neuen starren strukturellen Rahmen zu definieren, sondern die jeweilig erforderliche(n) Struktur(en) gemeinsam mit dem jeweiligen Menschen zu erarbeiten, und dabei die bestehenden „Räume“ zu nutzen. Alle persönlichen Entwicklungsschritte werden unter Berücksichtigung von gesellschaftlichen Realitäten begleitet. Konkret wird mitten im gesellschaftlichen Leben agiert und begleitet. Über die hier ganz selbstverständlich gegebenen Begegnungsmöglichkeiten werden Beziehungen unterschiedlichster Formen erfahren und im Zuge der Begleitung reflektiert, ausgewertet und in weitere Entwicklungsschritte eingebettet.

Bei allen Personen geht es zu Beginn darum, unter Berücksichtigung der jeweiligen Ausgangssituation (Schule, Tagesstruktur, ohne Beschäftigung …) eine inklusive Wochenstruktur zu erarbeiten und das übergeordnete Ziel der Teilhabe und Beschäftigung am allgemeinen Arbeitsleben weiter zu verfolgen. 

Viele „soziale Räume“

In Zukunfts-, Ideen-, Planungskreisen mit unterstützenden Personen wird dabei ebenso gearbeitet wie in Einzelterminen im jeweiligen „sozialen Raum“, im Grätzl, im iwi-Büro sowie bei Gruppenterminen in „Begegnungsräumen“. Darüber hinaus stellen die TeilnehmerInnen ihre Erfahrungen ihren KollegInnen zur Verfügung und unterstützen sich gegenseitig. Sie übernehmen wertgeschätzte Rollen und erleben sich dabei in ihrer eigenen Kompetenz.

Mit allen Personen wird an möglichst unabhängiger Mobilität (Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel) sowie an der zunehmend selbstständigen Vereinbarung und Einhaltung von Terminen gearbeitet. Sichtbar werdende Themen, wie z. B. Pünktlichkeit, Umgang mit Geld, soziale Kontakte etc. werden in Form von Gruppenworkshops bearbeitet. Das Sammeln von praktischen Erfahrungen und Durchlaufen von Volontariaten ermöglicht vielfältige Erfahrungen, wodurch (neue) Bilder, (neue) Ideen entstehen, welche in die weitere Zukunftsgestaltung einfließen. Die TeilnehmerInnen wachsen mit dem neu erworbenen Erfahrungsschatz und können zunehmend besser für sich selbst sprechen bzw. eintreten, ihre Interessen und Fähigkeiten erproben und in Bezug auf ihren weiteren Entwicklungsprozess verwerten. 

Permanenter Lernprozess

Die im Projekt P.I.L.O.T. höchst individualisierte Begleitung, die durch gemeinsame Entwicklung und größtmögliche Selbstbestimmung der TeilnehmerInnen erfolgt, stellt einen für alle Beteiligten permanenten Lernprozess dar. Die Prämisse dabei ist, im Tun zu lernen, nicht für die TeilnehmerInnen, sondern mit ihnen gemeinsam zu denken, Erfahrungen zu ermöglichen und Fehler machen zu dürfen. Gerade dies stellt in Abgrenzung zum herkömmlichen betreuenden Verständnis in der Arbeit mit Menschen mit Beeinträchtigungen ein Novum und eine große Herausforderung dar und wirkt für alle persönlichkeitsentwickelnd! Darüber hinaus werden Grenzen von Systemen und Veränderungsbedarf in Organisationen sichtbar.

Bestechende Vielfalt

Die bisherigen Ergebnisse sind beeindruckend und von bestechender Vielfalt, welche alle Annahmen und Erwartungen übertrifft. Die Bedeutung des Zumutens und Zutrauens (z. B. alleine unterwegs sein, Termine selber ausmachen und einhalten, praktische Erfahrungen in unterschiedlichen Bereichen etc.) und die Förderung und Forderung von immer mehr Übernahme von Selbstverantwortung (auch in vermeintlich banalen alltäglichen Situationen) können an dieser Stelle nicht hoch genug bewertet werden.

Mit der eben beschriebenen Form von Zusammenarbeit kann im Sinne von Inklusion nachhaltig und effizient auf allen Ebenen gearbeitet werden – sowohl personenbezogen als auch organisationsbezogen.

 

 

1 Mag.a Waltraud Engl: seit mehr als 20 Jahren Mitarbeiterin bei Integration Wien: Projektleitung Elternnetzwerk Wien und Projekt P.I.L.O.T., Supervisorin, Coach; Studium Pädagogik / Sonder- und Heilpädagogik Uni Wien, weitere Ausbildungen in Persönlicher Zukunftsplanung, Gender- und Diversity Management, Organisationsentwicklung, General Management in sozialen Organisationen 

2 Das Recht, ein gutes und selbstbestimmtes Leben zu führen, ist in der im Jahr 2008 ratifizierten UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen festgeschrieben und stellt den zentralen Bezugspunkt für das Konzept des Projektes dar, wobei keinesfalls darauf abgezielt wird, eine neue vordefinierte Struktur oder Systematik zu schaffen. 

 

Integration Wien – Projekt P.I.L.O.T.

Tannhäuserplatz 2/1 

1150 Wien

Tel. 01/789 26 42-19

waltraud.engl@integrationwien.at

www.integrationwien.at

Eine Mutter umarmt ihr Kind. Beide sitzen in einem farbigen und lichtdurchtränkten Raum und sind sichtlich beeindruckt.
Eine Mutter umarmt ihr Kind. Beide sitzen in einem farbigen und lichtdurchtränkten Raum und sind sichtlich beeindruckt.
Anderswo
Oliver Schulz

Ein Vergnügungspark für alle Sinne

Der Themenpark De Belevenis im niederländischen Arnheim ist genau das Richtige für Menschen mit Behinderung oder Demenz, aber auch für schwerkranke Kinder. Sie können hier mit allen Sinnen genießen und sich nach Herzenslust austoben, fühlen, hören und sehen.

Willi sitzt vor einer großen Trommel und bearbeitet diese lustvoll mit zwei Schlägeln, seine Mutter lacht im Hintergrund.
Willi sitzt vor einer großen Trommel und bearbeitet diese lustvoll mit zwei Schlägeln, seine Mutter lacht im Hintergrund.
Willis Insiderwissen
Birte Müller

Teilhabe oder Ganzhabe?

Im letzten Jahr ging der Fall der 14 Jahre alten Hannah Kiesbye durch die Medien: Sie hatte keine Lust mehr, einen Schwerbehindertenausweis vorzeigen zu müssen. Sie wollte stattdessen lieber einen Schwer-in-Ordnung-Ausweis.

Farbenkräftige Landschaft mit zwei Figuren: Die kleinere Figur blickt den Betrachter an, die zweite ist von hinten zu sehen.
Porträtfoto von Professor Dr. Wolfgang Hinte, dem „Vater“ des Konzepts Sozialraumorientierung.
Fachthema
Wolfgang Hinte

Sozialraumorientierung – ein Fachkonzept für die Behindertenhilfe

„Sozialraumorientierung“ wird im Fachdiskurs mittlerweile nahezu beliebig für alle möglichen Debatten und Aktivitäten herangezogen, die sich in irgendeiner Weise auf Wohnquartiere, Stadtteile oder „Sozialräume“ beziehen. Dabei steht häufig der territoriale Aspekt im Vordergrund, was regelmäßig zu Verkürzungen führt, die nahelegen, dass es bei der Sozialraumorientierung um Regionalisierungsprozesse, die Ablösung professioneller Tätigkeit durch ehrenamtliche Personen aus dem Quartier oder um eine verbesserte Kooperation verschiedener Einrichtungsträger ginge. Tatsächlich jedoch handelt es sich bei dem Fachkonzept Sozialraumorientierung um ein über viele Jahre hinweg in enger Verzahnung von Theorie und Praxis entwickeltes, in der Tradition der Gemeinwesenarbeit stehendes Konzept für Soziale Arbeit, das zunächst in der Jugendhilfe entwickelt wurde und im Rahmen der Inklusionsdebatte in der Behindertenhilfe enorme Aufmerksamkeit erfährt (dazu Theunissen 2012; Krammer 2017).

Eine Frau – sie hat MS – wird aus dem Auto gehoben. Ihre rechte grazile Hand hält sich an der Schulter einer anderen Frau fest.
Eine Frau – sie hat MS – wird aus dem Auto gehoben. Ihre rechte grazile Hand hält sich an der Schulter einer anderen Frau fest.
Fotoessay
Sina Niemeyer

Mama hat MS

2006 hat Konny Hoffmann die Diagnose Multiple Sklerose erhalten. Zwei Jahre lang begleitete die Fotografin Sina Niemeyer die mittlerweile 52-Jährige und ihre Tochter Lea, 26. – entstanden sind berührende Fotos.

Kleinteilige, farbige Flächen, die sich aus baumartigen, spitzen und runden Formen zusammensetzen.
Porträtfoto von Marlis Pörtner.
Fachthema
Marlis Pörtner

Die personzentrierte Arbeitsweise

Die personzentrierte Arbeitsweise, die ich in meinen Büchern beschrieben habe, ist ganz auf die praktische Arbeit im Alltag sozialer Institutionen zugeschnitten: Einrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung, für alte und pflegebedürftige Menschen, psychiatrische Kliniken, usw. – also im weitesten Sinne für Menschen, die in irgendeiner Form Betreuung brauchen. Es vermittelt den Mitarbeiterinnen konkrete Handhaben, wie sie mit den ihnen anvertrauten Menschen, vor allem auch solchen mit geistiger Behinderung, personzentriert arbeiten können.