Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten

 

Gerhard Einsiedler: Auf einer Straße sind viele Menschen mit Trommeln, Luftballons und Transparenten unterwegs.

Auf einer Straße sind viele Menschen mit Trommeln, Luftballons und Transparenten unterwegs.

Foto: Gemeinsam kreativ Flagge zeigen - das ist mit der zweiten KONFETTI-Parade für Menschen mit und ohne Demenz in Hamburg eindrucksvoll gelungen.
Report
Gerhard Einsiedler

Konfetti im Kopf – Demenz berührt mit vielen Gesichtern

Hinter der Gründung von Konfetti im Kopf steht der Hamburger Fotograf Michael Hagedorn, der Anfang 2007 die Idee dazu hatte und diese seitdem konsequent federführend mit konzipiert und organisiert. Konfetti im Kopf ist eine bundesweite Aktivierungskampagne, welche die motivierende Kraft von Kunst, Kultur und Begegnung nutzt, um die breite Öffentlichkeit für das Thema Demenz zu sensibilisieren. Es sollen Brücken gebaut werden zu einem besseren Verständnis für ein Leben mit Demenz.

Als Michael Hagedorn im Frühjahr 2005 den Antrag für ein Stipendium stellte, um ein großes Fotoprojekt über Demenz zu starten, hatte er keine Vorstellung, wohin ihn das Ganze eines Tages führen würde und wie viel ihm diese Arbeit bedeuten würde. Er hatte auch keine Ahnung von dem Thema selbst, obwohl oder gerade weil er sich in den einschlägigen Leitmedien intensiv eingelesen hatte: So gut wie nichts von dem in düsteren Szenarien Beschriebenen, von all den tragischen Abgesängen auf die Menschlichkeit in Zeiten von Demenz fand er vor Ort wieder, als er sich mit seiner Kamera auf diese große Entdeckungsreise begab. Was er zu seiner Überraschung entdeckte, war eine andere Welt, die vor allem auch voller Lebensfreude, Liebe, Humor und Selbstbestimmtheit ist.

Der Name „Konfetti im Kopf“ hat übrigens eine außergewöhnliche Geschichte: „Im Rahmen meines Demenz-Fotoprojekts war ich gemeinsam mit einem der Portraitierten, Werner Leypoldt aus Lörrach, auf der Basler Fasnacht unterwegs. Wir waren mitten im Trubel, überall schneite es Konfetti. Plötzlich tätschelte Herr Leypoldt liebevoll meinen bunt gesprenkelten Kopf und meinte: ‚Siehst Du und ich habe Konfetti im Kopf!‘“. 

Demenz geht uns alle an! 

Und so war ihm bald klar, dass er seine Fotos und die Geschichten dahinter einer möglichst großen Öffentlichkeit zugänglich machen müsste. Groß und im öffentlichen Raum, um dieses so einseitig angstbesetzte Thema im wahrsten Sinne mit neuen Bildern zu besetzen und die Menschen zu einem Perspektivwechsel einzuladen. So wurde Anfang 2007 die Idee zu Konfetti im Kopf geboren und mit Unterstützung und all der Visionskraft und Liebe des Konfetti-Gründerteams (Jutta Rath, Bea Krause, Ferdinand Borchmann-Welle) innerhalb weniger Monate die erste Konzeption und das Design entwickelt.

„Es ist so erfüllend, mit einem inspirierten Team von Freunden an unser aller Zukunft mitzubauen und gesellschaftlichen Wandel mitzugestalten. Ich empfinde es als besonderes Glück, wenn Job und soziales Engagement Hand in Hand gehen, wenn Beruf und Berufung beinahe deckungsgleich sind. Bei mir ist dies durch Konfetti im Kopf wahr geworden“, resümiert Hagedorn.

Ein bunter Verein

Der Verein besteht aus einem vielschichtigen Team von engagierten Menschen – Fotografen, Künstlern, Ärzten, Clowns, Kunst- und Musiktherapeuten, Dozenten, Musikern, Managern, Sozialarbeitern, Studenten, Journalisten, Geschäftsführern, Senioren und Freiwilligen. „Es vereint uns der Wunsch, mit viel Lebensfreude, Humor, aber auch Empathie und Aufrichtigkeit das Thema Demenz in die Öffentlichkeit zu tragen. Wir sind ein Netzwerk, das sich in diesem Vorhaben ergänzt und unterstützt – so bunt wie Konfetti eben“ betont Hagedorn.

Zahlreiche Projekte

Konfetti im Kopf will mit bunten, originellen und öffentlichen Aktionen ein lebensbejahendes und Menschen zugewandtes Gegenbild zu Ängsten, Vorurteilen und Stigmatisierung erzeugen und bedient sich dabei der motivierenden Kraft von Kunst, Kultur und Begegnung. Seit drei Jahren gibt es beispielsweise das Konfetti-Café: Jeden Dienstagnachmittag öffnet mitten im Hamburger Stadtteil Altona das Konfetti-Café seine Türen. Hier sind alle herzlich willkommen: Bewohner des Quartiers aller Generationen, Spaziergänger, vor allem aber Menschen mit Demenz, die zuhause leben und ihre Angehörigen. Regelmäßig lädt das Konfetti-Café auch Schulklassen, Kinder aus Kindergärten und Pflegeschüler ein. Sie alle lernen in kreativer Atmosphäre den selbstverständlichen Umgang mit Menschen mit. Konfetti-Café wurde mit dem Marie-Simon-Pflegepreis 2014 und dem 1. Preis des Wettbewerbs „Zuhause hat Zukunft 2015“ ausgezeichnet. Mit einem Fest wurde kürzlich der dritte Geburtstag gefeiert.

Buchprojekt – wo wären wir ohne sie?

Aus Anlass des zehnjährigen Jubiläums der Koordinationsstelle – Hamburger Wohn-Pflege-Gemeinschaften entstand das Buch „Wo wären wir ohne sie?“. Das Buch sowie eine begleitende Foto-Ausstellung mit Bildern von Michael Hagedorn (siehe Fotostrecke auf den Seiten 19, 20, 21 und Einstiegsfotos zu den Fachartikeln) werben für kleine sorgende Gemeinschaften, für die Arbeit in Netzwerken, für noch mehr Transparenz, für bürgerliches Engagement und strukturenentfaltende Rahmenbedingungen. „Es ist eine Würdigung einzelner Persönlichkeiten im Umgang mit Menschen mit Demenz in Hamburger Wohn-Pflege-Projekten. Ihr Pioniergeist, ihre Empathie, Kreativität und konstruktive Kritik machen Mut, auf diesem Weg weiter zu gehen. Wo wären wir ohne sie?“, erklärt Hagedorn.

Dieses Buch ist kostenfrei erhältlich. Wer es haben will, sendet einen mit 1,45 € frankierten und adressierten DIN-A4-Umschlag an:

Stattbau Hamburg

Stadtentwicklungsgesellschaft mbH

Sternstraße 106, 20357 Hamburg

Konfetti-Schülerbotschafter

Konfetti-Schülerbotschafter ist ein neues Format, das Jugendliche im Alter von etwa 13 bis 15 Jahren für das Thema Demenz sensibilisiert. In Kleingruppen von fünf bis zehn Teilnehmern erlernen die Schüler Wissen, Methoden und Vorgehensweisen für einen würdevollen Umgang mit demenziell veränderten Menschen. 

Die Schüler bekommen die Möglichkeit, ihre erlernten Fähigkeiten in einem geschützten Umfeld, z. B. im Rahmen einer Tagespflege, in demenzsensiblen Einrichtungen oder im Konfetti-Café anzuwenden und zu vertiefen. Begleitet werden sie dabei von sogenannte Tandems. Dies können beispielsweise gerontologische Fachkräfte, Angehörige oder im nächsten Schritt ältere Konfetti-Schülerbotschafter sein. Ihr neu gewonnenes Wissen sollen die Jugendlichen dann in ihre Familien, in ihre Freundeskreise und in ihre Schulklassen weitertragen, um so noch mehr Menschen auf unvoreingenommene Weise für das Thema Demenz zu öffnen. „So werden sie zu Botschaftern für eines der wichtigsten menschlichen und gesellschaftlichen Themen unserer Zeit“ sagt Hagedorn.

Ziele

Mit einem Konfetti-Foto-Wettbewerb, einer Konfetti-Wander-Ausstellung, einem Konfetti-Quartierfest, einem Konfetti-Charity-Walk, einem Konfetti-Kulturkalender, einem Konfetti-Camp oder bunten Konfetti-Paraden arbeitet das Team innovativ, bunt, beständig und lebensbejahend an seinen Zielen: Schaffen von Aufmerksamkeit und Bewusstsein, Abbau von Berührungsängsten, Sichtbarmachen der Würde und Lebensfreude, Ermutigung zur öffentlichen Diskussion und Förderung effektiver Zusammenarbeit. Und der Erfolg gibt ihnen recht: Von Hamburg aus hat sich diese Idee mittlerweile auf viele Städte in Deutschland ausgebreitet und hat auch Österreich erreicht: Salzburg ist die erste und bislang einzige Stadt, die sich daran beteiligt:

https://www.konfetti-im-kopf.at/netzwerk-konfetti-im-kopf

Konfetti im Kopf e.V.
Friedensallee 290, 22763 Hamburg
Tel. +49 40 89066 7679
info@konfetti-im-kopf.de

Eine ältere Dame steht am geschlossenen Fenster und schaut in den Garten.
Eine ältere Dame steht am geschlossenen Fenster und schaut in den Garten.
Fachthema
Reimer Gronemeyer

Die soziale Seite der Demenz

Verwirrtheit im Alter haben Menschen früher als einen Teil der conditio humana betrachtet: Sie kann zum letzten Lebensabschnitt dazugehören. Heute heißt diese Verwirrtheit „Demenz“ und wird als Krankheit kategorisiert. Die Medikalisierung der Demenz hat einen ganzen Komplex von medizinischen und pflegerischen Dienstleistungen hervorgerufen, der absehbar an die Grenzen seines Wachstums kommen wird. Die soziale Seite der Demenz – das, was die Zivilgesellschaft tun kann – ist darüber in Vergessenheit geraten.

Ein älterer Herr sitzt auf einem Sessel im Eck eines Stiegenaufganges.
Ein älterer Herr sitzt auf einem Sessel im Eck eines Stiegenaufganges.
Leben mit Demenz
Andreas Wenderoth

Sein und Nichtsein

Häufig versunken in Nebel und dunklen Gedanken, wenige lichte Momente – seit vier Jahren lebt der Vater des Autors mit Demenz. Die Krankheit hat beide verändert.

Manfred W.K. Fischer: Der Autor sitzt in seinem Rollstuhl auf einer Aussichtsrampe und genießt den weiten Blick in ein unter ihm liegendes Flusstal...
Manfred W.K. Fischer: Der Autor sitzt in seinem Rollstuhl auf einer Aussichtsrampe und genießt den weiten Blick in ein unter ihm liegendes Flusstal...
Reisen
Manfred W. K. Fischer

Hoch hinaus: Kaunertal barrierefrei

Auf zum Karlesjoch – höchster Aussichtsplatz für Rollstuhlfahrer in den österreichischen Alpen auf 3108 Meter

Lea Frei: Eine junge nepalesische Pflegerin sitzt neben einer älteren Frau, die in eine Decke eingehüllt ist, auf einer Couch und unterhält sich mi...
Haus für Menschen mit Demenz in Nepal - Lea Frei: Eine junge nepalesische Pflegerin sitzt neben einer älteren Frau, die in eine Decke eingehüllt is...
Report
Lea Frei

Das erste Haus für Menschen mit Demenz in Nepal

In Nepal ist Wissen über die Pflege und Betreuung von Menschen mit kognitiven Erkrankungen kaum vorhanden. Als erste Pflegeinstitution im Land setzt ‚The Hope Hermitage‘ den Fokus auf Alzheimer und Demenz – ein Meilenstein. Wegen fehlenden Fachwissens stößt das Betreuungspersonal aber häufig an seine Grenzen.

Egoistinnen - Birte Müller: Die Autorin liegt ganz entspannt mit einer Bierflasche in der Hand in einem Ziehwagerl.
Egoistinnen - Birte Müller: Die Autorin liegt ganz entspannt mit einer Bierflasche in der Hand in einem Ziehwagerl.
Kolumne
Birte Müller

Egoistinnen

Es ist wohl eine der schwersten Anschuldigungen an eine Mutter, sie eine Egoistin zu nennen. Wer Mutter ist, hat anscheinend alle eigenen Bedürfnisse aufzugeben und nur noch für das Kind zu existieren.