Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten

 

Lea Frei: Eine junge nepalesische Pflegerin sitzt neben einer älteren Frau, die in eine Decke eingehüllt ist, auf einer Couch und unterhält sich mi...

Der Mangel an gut geschultem Personal stellt in Nepal eine große Herausforderung bei der Arbeit mit Menschen mit Alzheimer und Demenz dar.

Foto: Lea Frei
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Lea Frei

Das erste Haus für Menschen mit Demenz in Nepal

In Nepal ist Wissen über die Pflege und Betreuung von Menschen mit kognitiven Erkrankungen kaum vorhanden. Als erste Pflegeinstitution im Land setzt ‚The Hope Hermitage‘ den Fokus auf Alzheimer und Demenz – ein Meilenstein. Wegen fehlenden Fachwissens stößt das Betreuungspersonal aber häufig an seine Grenzen.

„Heute ist Mittwoch, es ist ein sonniger Tag“, so werden die Bewohnerinnen und Bewohner der Hope Hermitage an diesem Morgen um 5.30 Uhr begrüßt. Manche brauchen eine Erinnerungsstütze, damit sie Bescheid wissen, dass die Socken an die Füße gehören und zum Zähneputzen eine Zahnbürste benötigt wird. Um 6.30 Uhr ist der Gemeinschaftsraum der Treffpunkt, man trinkt gemeinsam heiße Milch. Und noch vor dem Frühstück wird Yoga praktiziert. Danach heißt es waschen und fertig anziehen. Manche der Bewohnerinnen bemalen ihre Nägel mit buntem Nagellack, andere möchten ihre Haare vor dem Waschen mit Öl behandelt haben, einige wünschen eine Hochsteckfrisur.

Herzliches Beisammensein

Nach dem Mittagessen und einem kurzen Nickerchen sitzen zwei Bewohnerinnen und ein Bewohner mit einer Pflegerin auf den Sofas in der Wohnstube im zweiten Stock des Haupthauses. „Es gibt nicht viel zu tun“, sagt die Pflegerin. Man sitzt beisammen und redet manchmal ein bisschen. Ein Bewohner läuft ständig herum. Er geht in sein Zimmer, kommt wieder heraus und geht zurück ins Zimmer – raus auf den Balkon, wieder zurück ins Zimmer, rein ins Bett, unter die Decke und wieder raus aus dem Bett, rein in die Stube. Ein anderer Bewohner liegt im Bett, döst vor sich hin. Um 14 Uhr gibt es Snacks und um 15 Uhr frisches Obst. Um 16 Uhr ist Treffen für alle in der Halle. Farbige Blöcke werden verteilt, und zusammen wird Carrom und Leiterspiel gespielt, Musik gehört und geredet – bis um 19 Uhr das Abendessen serviert wird. Kurze Zeit später gibt’s noch eine Milch und dann ist schon Schlafenszeit. Häufig komme nachmittags Besuch vorbei, berichtet eine der Pflegerinnen. Zum Beispiel ein Musiker aus der Gegend. Dann werde gemeinsam musiziert und getanzt. Nachmittags finden auch Arztbesuche statt oder auf Verordnung des Arztes Treffen mit Psychologen oder Physiotherapeuten. 

Innovative Ideen und Umsetzungen

Im Frühjahr 2014 gründete die Nepalesin Pramila Bajracharya Thapa mit vier weiteren innovativen Frauen in Kathmandu die Institution “The Hope Hermitage”. Das anfängliche Ziel war, eine Plattform und einen Raum als Treffpunkt zum gegenseitigen Austausch für ältere Menschen sowie ein Programm zur Förderung von Wissen zur Situation älterer Menschen zu schaffen. Die engagierten Frauen lancierten einen Seniorenclub und bauten ein Tagespflegecenter auf. Auffällig war die hohe Zahl der im Angebot eingeschriebenen Seniorinnen und Senioren mit demenziellen Erkrankungen. In ganz Nepal gab es bisher keine Pflegeinstitution, die auf Alzheimer und Demenz fokussierte. Pramila Bajracharya Thapa erkannte die Notwendigkeit für Wohneinrichtungen für Menschen mit kognitiven Erkrankungen. Dies bewog sie dazu, den Schwerpunkt des Hauses auf den Bereich Pflege und Betreuung von Menschen mit Alzheimer und Demenz zu legen. Zwischenzeitlich hat sie das Angebot auf zwei Häuser ausgeweitet. Hier können ältere Menschen mit einer demenziellen Erkrankung für kurze oder längere Zeiträume wohnen. Es stehen 20 Betten zur Verfügung. Etwa die Hälfte der Bewohnerinnen und Bewohner hat eine kognitive Erkrankung.

Angehörige sind überfordert

Traditionell fällt in Nepal die Pflege von Angehörigen in die Hände der Angehörigen. Doch viele Familien sind überfordert mit der Betreuung von Menschen mit demenziellen Syndromen oder anderen hirnorganischen Störungen und den damit verbundenen Verhaltensstörungen. „Unwissen und Ängste führten oft zu Fehlbehandlungen und verzögerten den Zugang zu geeigneten Behandlungen und Dienstleistungen“, erklärt Managing Director Pramila Bajracharya Thapa. Zudem gibt es keine Memorykliniken für die Durchführung einer umfassenden Beurteilung und Demenzdiagnostik. Geräte und Behandlungspläne sind nicht vorhanden. „Das Verhalten von Menschen mit eingeschränkten kognitiven Leistungen wird häufig nicht verstanden. Die meisten Menschen sind kaum über solche Krankheiten informiert. Wenn ihre Angehörigen Alzheimer oder Demenz haben, wird deren Verhalten häufig als Alterswahnsinn abgetan und ihre erkrankten Familienmitglieder werden aus Angst vor sozialen Stigmata und aus Scham versteckt und ohne angemessene Pflege unter Verschluss zu Hause gehalten“, so Pramila Bajracharya Thapa. Diese Überforderung von Privatpersonen in der Pflege ihrer Angehörigen führe oft zu Missbrauch, Vernachlässigung, Ausbeutung und Diskriminierung. 

Der Staat nimmt die Verantwortung nicht wahr

Der nepalesische Staat ist nicht in der Lage, die Verantwortung gegenüber der älteren Generation zu übernehmen. Eine staatliche Altersvorsorge ist mangelhaft bis kaum vorhanden. Pensionsgelder sind derzeit Staatsangestellten vorbehalten. Menschen über 70, die nicht im öffentlichen Sektor tätig waren, beziehen monatlich lediglich eine Altersentschädigung von umgerechnet weniger als 20 Euro. Die Alterststruktur der Bevölkerung hat sich in den vergangenen Jahren wie in anderen Ländern rapid verändert. Gekoppelt mit der zunehmenden Abwanderung der jungen Generation in die Stadt oder ins Ausland führt dies zu wachsenden Problemen im Versorgungssystem älterer Menschen. Staatlich geführte Altersinstitutionen gibt es im ganzen Land nur eine einzige. Dieses Haus in Kathmandu befindet sich vor allem in Bezug auf Ausstattung und Hygiene in einem desolaten Zustand. Private Institutionen versuchen Lücken zu füllen, die der Staat im Gesundheitssystem Nepals nicht zu schließen vermag. So auch die Hope Hermitage.

Die Mentalität verstehen

Im Vergleich zu europäischen Ländern mag das, was in “The Hope Hermitage” für Menschen mit Demenz geleistet wird, gering erscheinen. Begriffe wie Validation oder Aktivierungstherapie sind unbekannt. Die Pflege und Betreuung von Menschen mit Alzheimer und Demenz steckt in Nepal noch in den Kinderschuhen. Nicht immer sei es einfach, den Bedürfnissen der Bewohnerinnen und Bewohner zu entsprechen, berichtet Pramila Bajracharya Thapa. Einige der Bewohnerinnen und Bewohner vergessen, wo sich die Toilette, der Speisesaal oder das eigene Schlafzimmer befinden. Manche haben einen starken Bewegungsdrang und möchten, dass die Tore geöffnet werden, damit sie rausgehen können. Dies ist aber wegen der nahen verkehrsreichen Straße im Stadtzentrum Kathmandus nicht möglich. Man versuche den Geist der Bewohnerin oder des Bewohners vom Wandern abzulenken, mitzugehen und durch Gespräche die Menschen langsam in eine Richtung zu lenken, die nicht gefährlich sei, erklärt die Institutionsleiterin den Umgang mit Menschen mit Demenz. Manche möchten aber auch nachts aus den Häusern, sie schreien und verärgern so die Nachbarn. Für Pramila Bajracharya Thapa ist klar: Um solche und ähnliche Situationen zu meistern, braucht es gutes und qualifiziertes Personal.

Fachwissen aus dem Internet

In der Hope Hermitage sind aktuell 16 Pflegemitarbeitende tätig. Darunter sechs ausgebildete Pflegefachfrauen und -männer sowie zehn Pflegehelfer und -helferinnen. Die Anstellung von studierten Pflegefachleuten ist teuer. Im universitären Pflegestudium in Nepal fehle zudem der Fokus auf die Pflege von älteren Menschen und insbesondere auf Alzheimer und Demenz, erklärt Pramila Bajracharya Thapa. Deshalb gelte es, neu angestellte Mitarbeitende intensiv zu schulen. Die Leiterin der Hope Hermitage hat sich ihr Wissen bezüglich Pflege von Menschen mit Alzheimer und Demenz größtenteils aus Büchern und aus dem Internet angeeignet. Jeder Mitarbeiter vom Koch über die Pflegenden bis hin zum Wächter wird von der Direktorin im Umgang mit den Senioren geschult. „Ich war oft verwirrt, weil unser ‚Buwa‘ (Vater) manchmal vom einen Moment zum anderen sein Verhalten von sehr richtig zu sehr anders ändert. Manchmal kam es mir vor, als handle er nur so, weil er uns Probleme bescheren will.“ So äußert der Pfleger Rajendra Nagi sein anfängliches Denken zur Situation eines Bewohners mit Alzheimer. Langsam beginne er aber die Krankheit zu verstehen.

Mit Herz und Elan

Der Mangel oder die „Nichtverfügbarkeit“ von geschultem Personal ist für Pramila Bajracharya Thapa eine große Herausforderung, welche es zu meistern gilt. Die Mitarbeitenden der Hope Hermitage sind trotz allen Anstrengungen nur minimal für die Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz geschult. Dass der Standard der Pflege und Betreuung besser sein könnte, ist ihr klar. Wichtig ist der Direktorin der Hope Hermitage aber vor allem: In ihrem Haus arbeitende Pflegende und Betreuende sollen sich gerne um andere Menschen kümmern und mit Herz bei der Sache sein. 

 

Lea Frei, MAS Kulturmanagement Praxis, schreibt als freie Journalistin in den Bereichen Kultur, Gesundheit und Soziales und arbeitet für Ageing Nepal, eine Organisation, die sich für die Anliegen älterer Menschen in Nepal einsetzt.

leafrei@bluemail.ch

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