Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten

 

Egoistinnen - Birte Müller: Die Autorin liegt ganz entspannt mit einer Bierflasche in der Hand in einem Ziehwagerl.

Ganz egoistisch und gemütlich ausspannen und die Seele baumeln lassen - das ist nur selten möglich.

Foto: Matthias Wittkuhn
Kolumne
Birte Müller

Egoistinnen

Es ist wohl eine der schwersten Anschuldigungen an eine Mutter, sie eine Egoistin zu nennen. Wer Mutter ist, hat anscheinend alle eigenen Bedürfnisse aufzugeben und nur noch für das Kind zu existieren.

Im Zusammenhang mit meinem behinderten Sohn Willi wurde mir dieser Vorwurf schon mehrfach gemacht. In offenen Diskussionsforen liest man es ständig, aber auch mir persönlich wurde es schon gesagt, dass es egoistisch sei, „so ein“ Kind zu bekommen, welches die Gesellschaft viel Geld kostet – besonders bei einer so vermeidbaren Behinderung wie dem Down-Syndrom!

Auch finden es andere Leute egoistisch, mit einem Kind wie Willi z. B. ins Weihnachtsoratorium zu gehen, wo andere Menschen gestört werden könnten: durch unangepasste Geräusche und Bewegungen.

Was ist wirklich Egoismus?

Komischerweise habe ich ganz konträre Vorstellungen von Egoismus. Eigentlich immer, wenn es um das Thema Pränataldiagnostik geht, kommen mir gerade die Argumente FÜR eine Abtreibung behinderten Lebens egoistisch vor. Es geht dabei grundsätzlich um die Angst der werdenden Eltern vor eigenen Einschränkungen und vor enttäuschten Erwartungen. Aber noch nie hat mir jemand gesagt, er lasse die Nackenfaltendichte seines Babys messen, um das Gesundheitssystem nicht mit einem behinderten Kind zu belasten!

Aus meiner Sicht scheint es mir auch deutlich egoistischer zu sein, ein behindertes Kind aus einer Kirche zu verweisen, weil es mich stört, als die Tatsache an sich, dass eine Familie wie unsere überhaupt ein Konzert besucht. Ich unterstelle solchen Menschen, dass sie sich durch die sichtbare, hörbare – und vermeidbare – Existenz meines Kindes grundsätzlich gestört fühlen.

Wenn ich allerdings wirklich eine echte Egoistin wäre, dann würde ich gar nicht mit Willi ins Weihnachtsoratorium gehen! Wir würden uns einen schönen Nachmitttag zu Hause machen und ich würde für Willi eine DVD einschieben, damit er sich das Stück zum x-ten Mal in der Glotze anschauen kann. Ich würde mir ganz sicher nicht den Stress machen, mich in einer Kirche unter scheinheilige Menschen zu begeben, die mir Sätze sagen wie „Nächstenliebe ist keine Einbahnstraße“. Weiß Gott nicht! Ich erfülle lediglich meinem Sohn den sehnlichen Wunsch, ab und zu ein echtes Orchester zu sehen. Ich und mein Kind sind nämlich nicht dieselbe Person.

Absurder Vorwurf

Zum Glück gibt es noch viele andere Menschen, die uns durch ihr Lächeln und ihre Hilfe durch solche Herausforderungen tragen. Oft sind das Mütter, die sich gut vorstellen können, dass es für uns nicht immer einfach ist, den Alltag zu wuppen. Statt den Kopf zu schütteln, wenn Willi begeistert direkt vor ihrer Nase in der ersten Reihe tanzt, freuen sie sich und rücken sogar zusammen, damit er sich zu ihnen setzen kann. Sie kommen nicht auf die Idee, mich darauf hinzuweisen, dass es nummerierte Plätze gibt! Wie kann man denn der Mutter eines behinderten Kindes auch ernsthaft Egoismus vorwerfen? Das ist doch wirklich das Absurdeste überhaupt, wenn man in Betracht zieht, wie viel Kraft uns unsere Kinder und unser Umfeld kosten. Das macht mich regelrecht wütend!

Hin und wieder mal etwas einfacher! 

Ich möchte mich wirklich nicht als Heldin stilisieren, aber als Mutter eines Spezial-Kindes leistet man eine Menge. Ich will mich auch nicht beschweren, ich liebe mein Leben so, wie es ist, aber ich hätte wirklich nichts dagegen, es hin und wieder mal etwas einfacher zu haben. Und wer es sich dann etwas einfach macht mit seinem behinderten Kind, hat in der Regel sogar noch ein schlechtes Gewissen! Auch ich mache meinem Mann unterschwellige Vorwürfe, wenn er an den Nachmittagen, an denen ich nicht da bin, die Glotze durchlaufen lässt und Willi möglichst um 18.30 Uhr ins Bett bringt. Aber das ist falsch! Wenn es einem hilft, gut durch den Tag zu kommen, dann macht man es sich eben mal etwas einfacher. Und ab und zu eine Fertigpizza zum Frühstück hat wohl auch noch keinem Kind geschadet. Ich denke, die meisten Mütter sind lange nicht egoistisch genug!

Nicht aufopfern

Ich möchte mich nicht für mein Kind aufopfern. Sich opfern ist doch objektiv gesehen das Falscheste, was man machen kann! Denn wer sich opfert, also sein Leben hingibt, kann auch nicht mehr für jemand anderen da sein. Besonders hier zu Hause, wenn ich unzufrieden mit der Arbeitsteilung mit meinem Mann bin, begebe ich mich gerne selbstmitleidig in die Opferrolle. Ich gefalle mir darin überhaupt nicht! Mehr auf meine eigenen Bedürfnisse zu hören, das möchte ich auf jeden Fall von meinem Mann lernen: Uns würde es guttun, die Kinder öfter mal früh ins Bett oder vor die Glotze zu stecken und gemeinsam ein Bier auf der Terrasse zu trinken!

Gute Portion Egoismus

Wenn ich mich mit Müttern behinderter Kinder austausche, merke ich, dass genau diejenigen meine Vorbilder sind, die eine gute Portion Egoismus haben und ganz ehrlich dazu stehen. Sie sind immer die entspanntesten – und Entspannung ist ziemlich genau das, was man mit Willi fast nie haben kann und wonach ich mich deswegen am dringendsten sehne. Die entspannten Behinderten-Familien sind auch immer die glücklichsten, ganz unabhängig vom Schweregrad der Behinderung des Kindes! Sie zeigen mir, wie wichtig ein gutes Miteinander für die Entwicklung von Kindern ist – egal ob nun behindert oder nicht. Oft denke ich, dass das viel wichtiger ist, als den kompletten Fördermarathon zu durchlaufen. Und das würde auch bedeuten, dass eine „egoistische“ Mutter auf jeden Fall eine gute Mutter ist!

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