Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten

 

Collage mit verschiedenen Fotos aus der Geschichte der Selbstbestimmt Leben Bewegung in Österreich - Foto: Unsere Zeitung (Hannah Wahl)

Die Geschichte der Selbstbestimmt Leben Bewegung in Österreich begann vor über 40 Jahren.

Foto: Unsere Zeitung (Hannah Wahl)
Forschung
Hannah Wahl

„Wir sind nicht behindert – wir werden behindert“

Forschungsprojekt widmet sich der Selbstbestimmt Leben Bewegung in Österreich

SchülerInnen im Rollstuhl wird die Teilnahme an einem Popkonzert verweigert – angeblich aus Sicherheitsgründen. Das war im Jahr 1974 einer der Auslöser für eine Bewegung, die sich später Selbstbestimmt Leben Bewegung nennen wird. Die Jugendlichen reagierten mit einer Demonstration am Wiener Ring und forderten auf ihren Transparenten die Änderung des Theatergesetzes, auf das sich die Veranstalter des Konzertes beriefen. 

Durch Quellen zu Aktionen wie dieser gelingt es dem Projekt „Geschichte der Selbstbestimmt Leben Bewegung“, diese Soziale Bewegung wieder sichtbar zu machen. Keine leichte Aufgabe, denn das fünfköpfige Forschungsteam begab sich dabei auf bislang weitestgehend unerforschtes Terrain. Es wurden Interviews mit den AkteurInnen, die sich teilweise seit den 1970er Jahren in der Behindertenbewegung engagieren, geführt und Originaldokumente archiviert und analysiert. Die Ergebnisse wurden unlängst an der Universität in Salzburg präsentiert, ein Termin an der Universität in Wien folgt am 13. Mai 2017. Sie sind aber auch auf http://bidok.uibk.ac.at nachzulesen.

Wie alles begann

Die Selbstbestimmt Leben Bewegung entstand in den 1970er-Jahren mit einem selbstbewussten und kämpferischen Aktivistenkreis: Menschen mit Behinderungen fordern Rechte, Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe – und das mit Nachdruck. Die sich in einer Zeit von politischer Protest- und Aufbruchsstimmung formierte Behindertenbewegung trug, wie auch die Friedens- oder die Frauenbewegung, ihren Protest auf die Straße hinaus. Eine der ersten Demonstrationen fand 1974 am Wiener Ring statt. Der Beginn der politischen Selbstvertretung erfolgte 1976/77 mit der Gründung der Initiativgruppe-Behinderte-Nichtbehinderte (IBN) in Innsbruck. Gefordert wurden grundsätzliche bauliche Barrierefreiheit (Abflachung der Gehsteigkanten und behindertengerechte Zugänge zu öffentlichen Gebäuden), integratives Wohnen und öffentliche ambulante Dienste – die Zeit des Bettelns um Gleichberechtigung war vorbei.

Aus einem Flugblatt der IBN: „Wir haben lange geduldig gewartet und uns immer wieder vertrösten lassen. Es geht nicht um Almosen und Mitleid, sondern um Rechte und Gleichberechtigung.“ In einem weiteren Flugblatt liest man: „Bedenkt: Wir sind schon zu oft verwaltet und befürsorgt worden, ohne die Freiheit der Entscheidung zu haben. Wenn uns nur die Wahl zwischen Alten-/Pflegeheim oder Behindertendorf bleibt, bleibt uns nur die Wahl, WIE wir ausgeschlossen werden.“

1981 blockierten RollstuhlfahrerInnen den Eingang zur Hofburg, in der, anlässlich des von der UNO ausgerufenen „Internationalen Jahres der Behinderten“, ein Festakt stattfand: „Wir empfinden es als eine Provokation und als eine Frechheit, in einer derartig traurigen Situation, ‚ein Fest‘ zum Jahr der Behinderten zu veranstalten! ES GILT VERSÄUMTES NACHZUHOLEN! ZUM FESTE FEIERN BESTEHT WIRKLICH KEIN GRUND!“

ZeitzeugInnen und Quellen 

Die für das Projekt zusammengetragenen Quellen aller Art machen einen Wandel hin zu einer selbstbewussten, fordernden und politisierten Gruppe ersichtlich, die mit ihrem Aktivismus den Grundstein für Selbstermächtigung, mehr Inklusion und mehr Barrierefreiheit legte. Anhand einer Zeitleiste können Interessierte über www.bidok.at maßgebliche Ereignisse der Österreichischen Behindertenbewegung nachvollziehen. Diese sind durch digitalisierte Quellen belegt. Besonders spannend sind auch die 14 Interviews mit ZeitzeugInnen, die im Gespräch ihre persönlichen Erfahrungen und ihre subjektiven Eindrücke schildern. Die behindertenpolitische Zeitschrift „LOS“ (1983-1991) ist als historische Quelle und ehemaliges „Organ der kritischen Behindertenbewegung“ ebenfalls zur Gänze abrufbar. 

Viel erreicht und jetzt Stillstand?

Im Anschluss an die Projektpräsentation des Forschungsmitglieds und „Urgesteins“ der Bewegung, Volker Schönwiese, fand eine angeregte Diskussion mit ZeitzeugInnen der Bewegung statt. Dabei wurden Fragen aufgeworfen, mit denen viele Neue Soziale Bewegungen zu kämpfen haben: Haben wir verabsäumt, einen Nachwuchs heranzuziehen? Wie geht es weiter? Menschenrechtler und Aktivist Gunther Trübswasser betont die Notwendigkeit der Forderung, dass es in allen Lebensbereichen – in Politik, in der Öffentlichkeit und Institutionen etc. – Menschen mit Behinderungen geben muss. Der nächste Schritt sei jener in die entscheidungstragenden Ebenen. Menschen mit Behinderung seien auch heute noch Objekte der Fürsorge. 

Obwohl der Weg in Richtung inklusive Gesellschaft noch weiter beschritten werden muss, kann die Behindertenbewegung auf viele Erfolge zurückblicken: behindertengerechte WCs, barrierefreie öffentliche Gebäude, das Bundespflegegeldgesetz oder die Verankerung eines Antidiskriminierungsparagraphen in der Verfassung: „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden. Die Republik (Bund, Länder und Gemeinden) bekennt sich dazu, die Gleichbehandlung von behinderten und nichtbehinderten Menschen in allen Bereichen des täglichen Lebens zu gewährleisten.“ Der jüngste Meilenstein wurde mit der UN-Behindertenrechtskonvention 2008 gelegt, deren konsequente Umsetzung die Politik bis heute aber nur zögerlich betreibt. Schönwiese hielt zudem fest, dass in den 1970er und 1980er Jahren das Thema Behinderung viel stärker medial diskutiert wurde. Dabei hätten sich die Diskussionen inhaltlich nicht maßgeblich von den aktuellen Themen unterschieden.

Aus der Geschichte lernen

Das Projekt „Geschichte der Selbstbestimmt Leben Bewegung in Österreich“ hat sich einer wichtigen Aufgabe gewidmet: der Aufarbeitung einer Sozialen Bewegung in der jüngsten österreichischen Geschichte, die bislang nur ZeitzeugInnen und AktivistInnen in Erinnerungen zugänglich war. Besonders das Zusammentragen, Digitalisieren und Bereitstellen der verschiedenen Quellen stellt eine essentielle Basis zur weiteren Erforschung dar. Für diese wünschen sich die ProjektbetreiberInnen eine breite Beteiligung von ehemaligen AktivistInnen, ZeitzeugInnen, ForscherInnen und InteressentInnen, damit wertvolle Zeugnisse historischer Prozesse und Ereignisse – Zeitungsartikel, Flugblätter, Sticker und Fotos – nicht in Vergessenheit geraten und „aus der Geschichte gelernt werden kann“. 

Das Projekt wurde von der Universität Salzburg, bidok und der SLI (Selbstbestimmt Leben Tirol) finanziert und durch das Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Innsbruck sowie das Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien unter der Leitung von Dr. Sascha Plangger (UIBK) unterstützt. ProjektmitarbeiterInnen waren Ao. Univ.-Prof. Dr. Volker Schönwiese und Mag.a Christine Riegler (beide UIBK) sowie Dr.in Gertraud Kremsner und Benjamin Emberger, BA (beide UNIVIE).

 

 „Geschichte der Selbstbestimmt Leben Bewegung in Österreich“

Projektpräsentation in Wien: 13. Mai 2017, 15 bis 18 Uhr

Institut für Bildungswissenschaft

Hörsaal 1, Sensengasse 3a (1. Stock)

Barrierefreier Eingang über die Rückseite des Gebäudes.