Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten

 

Thema der Ausgabe 2/2017:

Schmerzen

Es ist eine Mär, dass behinderte Menschen ein verringertes Schmerzempfinden haben. Wir müssen ihre Schmerzen ernst nehmen, sie richtig deuten und versuchen, sie zu lindern.

 

Intro:

Josef Fragner, Chefredakteur

Schmerzen

Sie haben rasende Schmerzen. Ein dumpfes Pochen, Reißen, Stechen raubt ihnen den Verstand. Der Schmerz breitet sich im ganzen Körper aus. Jede kleinste Berührung löst erneut Kaskaden von Schmerzen aus. Sie können aber den Schmerz nicht lokalisieren, sie können nicht einmal darüber sprechen, dass sie Schmerzen haben. Das ist die Ausgangssituation für die Beiträge in diesem Heft.

Helga Schlichting weist bereits im ersten Beitrag darauf hin, dass bei Menschen mit schwerer Behinderung das Thema Schmerzen bisher sträflich vernachlässigt worden ist. Aber gerade diese Menschen sind in ihrem Leben häufiger von Schmerzen geplagt als andere Personengruppen. Dazu kommt, dass Schmerzäußerungen oft nicht ernst genommen und auf die jeweilige Behinderung geschoben werden. 

Es ist das Verdienst von Helga Schlichting, dass wir dieses Thema behandeln. Als ausgewiesene Spezialistin hat sie auf die Notwendigkeit des Themas hingewiesen und die Entstehung des Heftes intensiv begleitet. 

Wie wichtig es ist, gerade bei Menschen ohne Verbalsprache den MitarbeiterInnen ein Instrumentarium zur Verfügung zu stellen, mit denen sie Schmerzen erkennen können, zeigt Florian Nüßlein auf. Chronische Schmerzen können jedoch mit diesen Skalen nicht ausreichend erfasst werden, deshalb muss auf diesem Gebiet weitere Forschung betrieben werden. Die Studie von Sonja Zimmermann zeigt, wie wenig Wissen sich Mitarbeitende bezüglich dieser Themen in ihren Ausbildungen angeeignet haben und wie dringend sie dieses in ihrer täglichen Praxis benötigen. 

Jörg Stockmann ist einer der wenigen Mediziner, die der Schmerztherapie bei dieser Personengruppe Aufmerksamkeit schenken. Er listet die Pro- und Contra-Argumente für eine probatorische Therapie mit Schmerzmitteln genau auf. Jörg Stockmann betont aber auch, dass vor dem Einsatz von Schmerzmitteln andere Möglichkeiten der Schmerztherapie in Betracht gezogen werden sollten.

Alternative Möglichkeiten der Schmerzlinderung zeigen weitere Beiträge von Helga Schlichting und Florian Nüßlein auf. Dabei werden vor allem Handgriffe und kleine Angebote gezeigt, die in den verschiedenen Arbeitsfeldern gut in den Alltag integriert werden können. Auch aromapflegerische Angebote können sensibel in pflegerische Situationen eingebettet werden.

Martin Fichtmair zeigt mit den Möglichkeiten der Unterstützten Kommunikation auf, wie es gelingen kann, den Sinn und die Bedeutung von Äußerungen und Verhaltensweisen zu erfassen, auch wenn diese nicht gezielt gezeigt werden können.

In einem weiteren Artikel spannt Helga Schlichting den Bogen zur (Heil-)Pädagogik. Ausgehend vom Begriff einer „Palliativen Pädagogik“ fragt sie danach, welche besonderen Aspekte pädagogischer Förderung angesichts chronischer Erkrankung, gestörtem Wohlbefinden und Schmerzen berücksichtigt werden müssen.

Unbehandelte Schmerzen können schnell zu einem Dauerzustand werden, sich verselbstständigen und chronisch werden, was fatale Auswirkungen auf den Körper hat. Die Veränderungen im Nervensystem und Gehirn führen dazu, dass selbst leichte Reizungen bzw. Verletzungen zu heftigen Schmerzen führen können.

Deshalb ist es so wichtig, Schmerzsignale richtig zu deuten und sie ernst zu nehmen. Wir dürfen uns in keinem Fall mehr erlauben, sie auf eine bestimmte Form von Behinderung zu schieben oder gar davon zu sprechen, dass Menschen mit schwerer und mehrfacher Behinderung ein verringertes Schmerzempfinden haben. Sie nehmen Schmerzen genauso wahr wie Menschen ohne Behinderung auch. 

Unsere Zeit schlägt viele Wunden. Lesen Sie die berührende Reportage von Gerhard Einsiedler über die unsichtbaren Wunden der syrischen Kinder. Eine der vielen Geschichten, die Sie im Magazinteil finden und die unter die Haut gehen. 

 

Leseproben:

Zwei kleine Kinderhände in Nahaufnahme – Foto: privat / Blaich
Zwei kleine Kinderhände in Nahaufnahme – Foto: privat / Blaich
Ein kurzes Leben
Jochen Blaich

Wie viel ein kleiner Mensch aushalten kann

Es ist schwer, „irgendwo“ anzufangen bei unserem Sohn Samuel, der nur 1540 Tage bei uns sein durfte, ehe er am 12. Mai 2014 starb. Das war nach fast 40 Operationen, 80 bis 90 Intubationen, zahllosen Infekten und Komplikationen sowie unzähligen Klinikaufenthalten. Es ist unfassbar, wie viel ein so kleiner Mensch aushalten kann und muss. Oft stand ich hilflos und verzweifelt an seinem Bettchen, konnte sein Schreien kaum noch aushalten – und hätte ihm gern alles abgenommen.

Ausschnitt aus einer Grafik von Doris Egger vom Verein Forschungsgruppe Kreativwerkstatt
Künstlerische Grafik
Fachthema
Helga Schlichting

Schmerzen bei Menschen mit mehrfacher Behinderung – Ein Problemaufriss

S., eine 49-jährige Frau mit einer schweren Behinderung und jahrelanger Hospitalisierungserfahrung, zeigt häufig selbst- und fremdverletzendes Verhalten. In der letzten Woche hatte das stark zugenommen. S. schlug mit dem Kopf gegen den Heizkörper und auf den Boden. Heute kam sie schreiend in die Tagesförderstätte und war nicht zu beruhigen. Daraufhin wurde der Notarzt geholt und S. in das städtische Krankenhaus gebracht. Es wurde ein Darmverschluss diagnostiziert, der sofort operiert werden musste (13.09.2015, Tagesdokumentation). S. hatte wahrscheinlich aufgrund einer lebensbedrohlichen Erkrankung über Tage starke Schmerzen, die von ihrer Umwelt nicht als solche wahrgenommen wurden. Leider sind ähnliche Situationen bei Menschen mit schweren Mehrfachbehinderungen häufig. Das Erkennen, die Behandlung und die Begleitung von Schmerzen sind bei dieser Personengruppe sowohl von der Medizin, der Pflege als auch von der Heil- bzw. Sonderpädagogik lange vernachlässigte Themen. Dabei haben diese Menschen wahrscheinlich häufiger als jede andere Personengruppe Schmerzen und sind diesen in besonderer Weise ausgeliefert.

Stilisierte Ilustration: Sechs Kinder halten sich an den Händen und bilden einen Kreis. – Illustration: Eva-Maria Gugg
Stilisierte Ilustration: Sechs Kinder halten sich an den Händen und bilden einen Kreis. – Illustration: Eva-Maria Gugg
Syrien - Kinder im Krieg
Gerhard Einsiedler

Syrien – das Ende der Kindheit

Seit sechs Jahren werden syrische Kinder bombardiert und systematisch ausgehungert. Sie müssen zusehen, wie Freunde und Familienmitglieder vor ihren Augen getötet oder unter dem Geröll ihrer Häuser verschüttet werden. Sie beobachten, wie ihre Schulen und Krankenhäuser zerstört werden. Man versagt ihnen Nahrung, Medizin und lebenswichtige Hilfsgüter und viele werden auf der Flucht vor den kriegerischen Auseinandersetzungen von Freunden und Familien getrennt. Mit jedem weiteren Kriegsjahr erreicht die Gewalt gegen Kinder ein neues, bisher nicht vorstellbares Ausmaß und internationales Recht wird von allen Seiten missachtet.

Collage mit verschiedenen Fotos aus der Geschichte der Selbstbestimmt Leben Bewegung in Österreich - Foto: Unsere Zeitung (Hannah Wahl)
Collage mit verschiedenen Fotos aus der Geschichte der Selbstbestimmt Leben Bewegung in Österreich – Foto: Unsere Zeitung (Hannah Wahl)
Forschung
Hannah Wahl

„Wir sind nicht behindert – wir werden behindert“

Forschungsprojekt widmet sich der Selbstbestimmt Leben Bewegung in Österreich

Layenda Franco sitzt am Boden und hält in einer Yogastellung das rechte Bein hochgezogen hinter der rechten Schulter. – Foto: Lea Frei
Layenda Franco sitzt am Boden und hält in einer Yogastellung das rechte Bein hochgezogen hinter der rechten Schulter. – Foto: Lea Frei
Lebensgeschichten
Lea Frei

Bewegung ist Leben

Als Kind erkrankte der heute 60-jährige Loyenda Franco an Polio. Er lebte als obdachloser Flüchtling in Portugal und reiste trotz – oder gerade wegen seiner Behinderung – um die Welt. Gründe, den Kopf in den Sand zu stecken, hatte er viele. Auch wenn ihn seine Beine nicht zu tragen vermögen, schaffte er es stets, weiterzugehen und das Positive im Leben zu sehen.

Zwei Studentinnen haben das überlebensgroße Maskottchen der Special-Olympics-Weltwinterspiele 2017 in ihre Mitte genommen und lächeln in die Kamera...
Zwei Studentinnen haben das überlebensgroße Maskottchen der Special-Olympics-Weltwinterspiele 2017 in ihre Mitte genommen und lächeln in die Kamera...
Special Olympics
Peter Rudlof

„Da ist einfach mehr passiert“

Statt Studienbetrieb an der Hochschule als Volunteer bei den Special Olympics

Inhalt:

Artikel
Schmerzen
Schmerzen bei Menschen mit mehrfacher Behinderung
Schmerzen
Schmerzevaluationsskalen für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung
Schmerzen
Schmerzerkennung bei Menschen mit schwerer und mehrfacher Behinderung
Schmerzen
Schmerztherapie bei Menschen mit geistiger Behinderung
Schmerzen
Alternative Möglichkeiten der Schmerzreduktion
Schmerzen
Alternative Möglichkeiten der Schmerzlinderung
Schmerzen
Unterstützte Kommunikation und Schmerz
Schmerzen
(Heil-)Pädagogik und Schmerzen
Ein kurzes Leben
Wie viel ein kleiner Mensch aushalten kann
Kolumne
HILFE!
Schmerzdiagnostik
Lücken in der Ausbildung
Report
„Rick ist eben Rick“
Syrien - Kinder im Krieg
Syrien – das Ende der Kindheit
Forschung
Gewalt und Bevormundung
Forschung
„Wir sind nicht behindert – wir werden behindert“
Lebensgeschichten
Bewegung ist Leben
Grenzenlos reisen
Barrierefreiheit für Italien-Reisende
Grenzenlos reisen
Normal – und irgendwie anders
Aus Grolls Skizzenbuch
Kleiner Kärntner Alkoholführer
Le petit fils
Ich sehe Licht
Aus der Behindertenanwaltschaft Österreichs
Barrierefreie Teilnahme am Elternsprechabend
Aus meinem Leben
Atmen, sprechen, essen – ein neuer Anfang
Special Olympics
„Herzschlag für die Welt“
Special Olympics
„Da ist einfach mehr passiert“
Kultur
Behinderte Menschen sichtbar machen