Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten

 

Dem kleinen Sohn Willi ist der Ärger ins Gesicht geschrieben. - Foto: Müller

Willi lernt zwar nur langsam, aber ob feste Regeln gelockert werden oder Mamas Nerven blank liegen, bemerkt er sofort und testet danach noch ewig, ob man heute vielleicht wieder einen Teller auf den Boden zerspringen lassen darf.

Foto: Müller
Kolumne
Birte Müller

Konsequente Erziehungsversuche

Fast alle Leute sind sich einig: Auch ein behindertes Kind muss gut erzogen werden – so eines BESONDERS gut sogar! Ich finde, dass das eine Diskriminierung ist, denn warum muss gerade ein behindertes Kind besser erzogen sein als ein anderes – als Ausgleich?

Einmal hörte ich, wie eine Mutter einer anderen ins Ohr zischte, dass sie „so einem“ ja wenigstens nicht noch Jogginghosen anziehen würde, sondern etwas Schickes! Ich war wirklich empört! Abgesehen davon, dass Willi auch deswegen Jogginghosen trägt, weil es seine Selbstständigkeit fördert (er kann ja gar keine Knöpfe und Reißverschlüsse bedienen), hat er doch das selbe Recht, gemütlich angezogen sein wie alle anderen Kinder – und auch das Recht darauf, so eine so verzogene, asoziale Göre zu sein wie die Tochter der dummen Läster-Mutter.

Aber keine Angst, ich versuche schon aus reinem Selbsterhaltungstrieb mein Kind möglichst gut zu erziehen, wenigstens in einigen Bereichen. Aber Hilfe bekommen wir, außer von der Schule, dabei nur selten. Niemand hat Lust, mit Kindern streng zu sein – auch ich nicht. Lieber verschenken alle nur Süßigkeiten, die dann die Eltern zu Hause verbieten müssen, weil es ständig zu viel ist. Anders als vielfach angenommen, sind wir übrigens mit unserem behinderten Kind deutlich strenger als mit unserem nichtbehinderten. Das kommt vielleicht daher, dass man mit Willi nicht diskutieren kann – und Ausnahmen blitzschnell klare Strukturen zerstören, die wir jahrelang mühselig aufgebaut haben ... 

Konsequenz gibt Sicherheit

Konsequenz ist wahrscheinlich die wichtigste (und anstrengendste Komponente) bei der Willi-Erziehung. Ich habe festgestellt, dass fast alles, was für ein behindertes Kind gut ist, auch für ein „normales“ gilt. Konsequenz gibt Kindern die Sicherheit, sich auf das Gesagte der Eltern verlassen zu können. 

Realistisch gesehen sind es aber die seltenen Momente, in denen die Kinder es nicht schaffen, sich durch Nerverei, Diskussionen, einen gigantischen Wutanfall oder (extrem effektiv, trotzdem erstaunlich selten angewendet) wiederholtes freundliches Nachfragen über das von den Eltern Angesagte hinwegzusetzen. Auch bei Willi finde ich es deutlich schwieriger, hart zu bleiben, wenn er immer wieder begeistert lachend und nickend auf die Tüte vom Bäcker tippt, in der noch ein letztes von vier frischen Brötchen liegt, als wenn er die Tüte einfach grabscht und aufreißt.

Wirklich konsequent sein bedeutet– auch wenn ich am Abend selber völlig groggy bin und auf nichts mehr Lust hätte, als mit meiner Tochter vor der Glotze zu liegen und einen alten tschechoslowakischen Märchenfilm zu gucken – das Fernsehverbot durchzuziehen, wenn Olivia um 19 Uhr die Hausaufgaben nicht fertig hat. Aufgrund eines gewissen Rest-Egoismus (oder sollte ich es Überlebensinstinkt nennen) bin ich extrem sparsam mit solchen Drohungen – besonders, weil meine Tochter in der verbleibenden Stunde vor dem Schlafen (aber NACH den Hausaufgaben) dann mit mir wahrscheinlich mit Stofftier-Einhörnern spielen will, was ich persönlich sehr anstrengend finde – fast so anstrengend wie Hausaufgaben zu machen.

Toiletten-Fernsehtherapie

Auch Willi bekommt Fernsehverbot. Bei ihm ist es die Konsequenz aus einer vollgekackten Windel und es wird knallhart eingehalten, nachdem uns eine einmalige Abweichung beim Toilettentraining um Monate zurückgeworfen hatte. Willis Lernziele liegen eigentlich immer im praktischen Bereich. Wir haben in einem Triple P-Elterntraining den wenig realitätsnahen Tipp bekommen, Willi mit Smileys für das erfolgreiche Toilettengeschäft zu belohnen (für drei gesammelte Smileys dann Fernsehen). Aber da Willi sich weder für Smileys interessiert noch bis drei zählen kann und noch weniger eine Stunde Fernsehen damit in Verbindung bringen wird, dass er gestern und vorgestern auch schon das große Geschäft in die Toilette gemacht hat, haben wir das Belohnungssystem für Willi adaptiert. Seit über zwei Jahren versuchen wir nun, Willi durch die unmittelbare Aussicht auf Fernsehen NACH Benutzen der Toilette zu erpressen. Das geht so weit, dass Willi mittlerweile die Gebärde für „Fernsehen“ macht, wenn er mal muss. Oder vielleicht geht er auch nur auf die Toilette, weil er Fernsehen will? Aufgrund unseres mäßigen Erfolges mit der bisherigen Toiletten-Fernsehtherapie belohnen wir Willi seit neuestem für den Besuch der Toilette ganz unmittelbar mit Glotzen direkt AUF dem Klo. Mein Gott, was man als Eltern nicht alles veranstaltet! Zusätzliches Fernsehen gibt es nur, wenn die Windel zwischendurch sauber geblieben ist. Das hat allein schon deswegen einen guten Effekt, weil auch Olivia und mein Mann nicht besonders scharf sind auf verregnete Wochenenden, an denen Fernsehverbot herrscht – ich habe also zwei neue Mitstreiter im Kampf gegen die braune Gefahr, die Willi auf die Toilette nötigen!

Die hohe Kunst des Ignorierens

Also WENN ich überhaupt mal eine klare Ansage mache, kann ich die auch ziemlich konsequent durchziehen. Doch mindestens genauso nützlich ist meine Fähigkeit, manche Dinge konsequent zu ignorieren. Wenn ich gerade keine Lust, Zeit oder Kraft habe, mich darum zu kümmern, sehe ich es einfach nicht, dass Willi draußen gerade seine Winterjacke ausgezogen hat und barfuß durch den Garten läuft.

Das funktioniert auch bei mir selbst: Früher zum Beispiel, da habe ich mir viele Gedanken um die Konsistenz meines Hinterns gemacht und mir jedes Mal bei seinem Anblick vorgenommen, täglich 15 Minuten Bauch-Beine-Po-Gymnastik zu betreiben. Seit der Geburt meiner Kinder meide ich schlichtweg jeglichen Blick auf dieser Höhe in den Spiegel und schon habe ich keine Probleme mehr damit. Aber man muss wirklich konsequent sein: Nur ein Blick nach hinten in einer Umkleidekabine kann zwei Jahre erfolgreiche Verdrängung zunichtemachen!

Am selben Strang

Aber zurück zu Willi. Immer konsequent mit ihm zu sein, ist wirklich sehr erschöpfend und weil man sich ja (zum Glück) nicht ganz allein auf der Welt um sein Kind kümmert, müssen natürlich noch mehr Menschen mit einem bei der Erziehung am selben Strang ziehen. Meinen Mann konsequent zur Konsequenz mit Willi aufzufordern, erscheint mir oft noch schwieriger, als alles gleich selbst zu erledigen.

Willi lernt zwar nur langsam, aber ob feste Regeln gelockert werden oder Mamas Nerven blank liegen, bemerkt er sofort und testet danach noch ewig, ob man heute vielleicht wieder, wie beim Familienfest, einen Teller auf den Boden zerspringen lassen darf – das ist ja auch ein zu schönes Geräusch! Der Teller sieht danach ganz erstaunlich anders aus und alle Erwachsenen lächeln und Oma springt sofort auf, um mit Willi nach oben zu gehen und zu spielen.

Fegen lasse ich Willi als „Erziehungsmaßnahme“ übrigens nicht mehr. Ich durfte letzten Sommer feststellen, dass er begeistert zum Schrank lief und Handfeger und Schaufel holte, als er das dritte Glas am selben Tag zerdeppert hatte. Die Konsequenz aus absichtlichen Scherben ist nun, dass er solange ins Bett muss, bis ich alleine gefegt habe.

Bei jeder Verhaltensbesonderheit von Willi muss man sich die Frage stellen: Welchen Mehrwert hat er davon? Um dann einen anderen Weg zu finden, seine Bedürfnisse zu erfüllen. Willi darf mir jetzt auf der Terrasse beim Fegen helfen – auf jeden Fall an den Tagen, an denen ich darüber schmunzeln kann, dass er den Mülleimer immer wieder auskippt und bei dem Versuch, mit dem Handfeger alles erneut aufzunehmen, den Dreck glücklich und großflächig verteilt.

Herzerweichendes Drama

Kaum ein außenstehender Erwachsener hält es aus, wenn Willi in seiner Gegenwart leidet, weil er zum Beispiel etwas aufräumen muss, was er soeben durch die Gegend geworfen hat. Er kann dann aber auch ein herzerweichendes Drama aufführen! Sie heben es für ihn auf. „Ach, lass ihn doch“, bekomme ich dann zu hören, wenn ich darauf bestehe, dass er es selbst machen soll. Auch mein Vorhaben, Willi möge andere Menschen begrüßen und verabschieden, scheitert komplett am Gegenüber. Außer seinem Opa gibt Willi fast niemandem die Zeit, die er braucht, um sein generelles Unbehagen gegenüber jeglicher Aufforderung zu überwinden. Sie haben sich schon lange von Willi abgewendet und sehen seine ausgestreckte Hand oder sein Winken nicht mal mehr, weil sie damit beschäftigt sind zu beteuern, dass das doch gar nicht nötig sei. Ich finde sehr wohl, dass eine kleine Begrüßung nötig ist, aber ich kann es Willi wirklich nicht beibringen, da ich unserem Besuch sonst auch streng in die Augen blicken und streng sagen müsste: „Stopp, erst Willi guten Tag sagen, dann Kaffee trinken!“

Schichtwechsel

Ich denke, dass ich oft für sehr herzlos gehalten werde, denn bei einer konsequenten Ansage an Willi klinge ich eher wie ein Drill Instructor der US Marines als wie eine mitfühlende Mutter. Es hat ja auch gar nichts mit Gefühlen zu tun: Willi schleudert seinen Schuh ins Gebüsch, dann muss er ihn auch wieder rausholen, auch wenn er sich vorher lang auf den Weg hinwirft und den Weinenden spielt. Die um uns herum stehenden Menschen, denen das zu hart erscheint, bekommen ja zu Hause auch nicht die Kartoffeln mit Soße oder Glasmurmeln an den Kopf geschmissen. Es geht wirklich nicht um Gefühle, eigentlich ist jede Erziehungssituation, in der ich durch Willis Verhalten meine Gefühle verletzt sehe, schon völlig vergurkt. Wenn ich Worte sage wie: „Willi BITTE, BITTE, tu mir EINMAL den Gefallen und beeile dich“ weiß ich, dass ich keine gute Führungsperson mehr bin. Dann brauche ich einen Schichtwechsel.

Das lässt sich aber leider auch nicht immer konsequent durchziehen.

"Fabel" (Ausschnitt). Ein Bild der blinden Künstlerin Silja Korn.
"Fabel" (Ausschnitt). Ein Bild der blinden Künstlerin Silja Korn.
Fachthema
Lea Fadenlauf, Raphael Zahnd, Ingeborg Hedderich

„Mich hat man einfach meistens links liegen gelassen“

Die Wahl des Pseudonyms „Lea Fadenlauf“ für die nachfolgend erzählte Lebensgeschichte aus dem Buch „Biografie – Partizipation – Behinderung“ (Hedderich, Egloff, & Zahnd, 2015) war alles andere als zufällig. Sie liegt in der Geschichte selbst begründet, denn diese nimmt ihren Lauf wie ein loser Faden, der Krümmungen, Knicke oder gar Knoten haben kann. Lea Fadenlauf erzählt ihre Geschichte aber nicht um ihrer selbst willen, sondern zielt auf eine Wirkung. Sie möchte, dass die „klugen Köpfe“ (Zahnd & Fadenlauf, 2016, S. 66) verstehen, wie ihr Leben ist und vertritt dabei die Überzeugung, dass viele Ausschlussprozesse geschehen, weil schon gar nicht verstanden wird, wo das Problem sein könnte. Deshalb erachtet sie es als wichtig, „dass die Leute wissen […], wie ein Leben mit einer Lernschwäche ist“ (ebd.). Mit der Geschichte, die sie gemeinsam mit einer Schreibassistenz im Rahmen eines Forschungsprojekts aufgeschrieben hat, will sie aufzeigen, weshalb wir mit Menschen wie ihr den Austausch suchen müssen, wenn wir das Ziel einer inklusiven Gesellschaft erreichen möchten. Es ist deshalb ihr Anliegen, dass sie von möglichst vielen Leuten gelesen wird.

Die Journalistin und Bloggerin Mareice Kaiser sitzt hinter einem großen Fenster und arbeitet am Computer. - Foto: Carolin Weinkopf
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Mutter-Sein
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Mareice Kaiser – die mit dem behinderten Kind

Ihre Tochter starb im Alter von vier Jahren. Das Netz trauerte. Bloggerin Mareice Kaiser setzt sich dafür ein, dass behinderte Kinder mehr sein dürfen als Diagnosen – und Eltern mehr als Pflegekräfte.

Adi-Ida Landgraf liegt bequem auf einer Hand aufgestützt auf einer Decke in einer Wiese. - Foto: Adi-Ida Landgraf
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Aus meinem Leben
Adi-Ida Landgraf

Die Geister in meinem Kopf

Adi-Ida Landgraf ist Spastiker und seit dem 17. Lebensjahr auf der Suche nach Antworten. Also begann er, die vielen Gedanken aufzuschreiben, die ihm durch den Kopf gehen. Das half ihm, sein „inneres Durcheinander in die Reihe zu bringen“. Und weil er wollte, dass möglichst viele Menschen erfahren, dass ein behinderter Mensch genau so ein Leben hat, wie jeder andere – mit Träumen, Wünschen und Bedürfnissen –, gab er 2010 seine Tagebuchtexte als Buch heraus. Im folgenden Text lässt er uns an seinen Gedanken teilhaben.

 Fotos aus dem Leben des 21 jährigen Sven-Erik mit Trisomie 21. Hier hat er sich sein T-Shirt über den Kopf gezogen und steht mit ausgebreiteten Ar...
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Fotoessay
Niklas Grapatin

Sven-Erik, einundzwanzig

Was bedeutet es, mit Down-Syndrom zu leben? Erwachsen zu werden mit einer Behinderung, die von vielen Menschen als Einschränkung empfunden wird?