Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten

 

Adi-Ida Landgraf liegt bequem auf einer Hand aufgestützt auf einer Decke in einer Wiese. - Foto: Adi-Ida Landgraf

Adi-Ida Landgraf ist ein bunter Vogel. Gerne lässt er die Menschen an seinen Gedanken teilhaben, weil er möchte, dass viele Menschen erfahren, „dass ein behinderter Mensch genau so ein Leben hat, wie jeder andere – mit Träumen, Wünschen und Bedürfnissen“.

Foto: Adi-Ida Landgraf
Aus meinem Leben
Adi-Ida Landgraf

Die Geister in meinem Kopf

Adi-Ida Landgraf ist Spastiker und seit dem 17. Lebensjahr auf der Suche nach Antworten. Also begann er, die vielen Gedanken aufzuschreiben, die ihm durch den Kopf gehen. Das half ihm, sein „inneres Durcheinander in die Reihe zu bringen“. Und weil er wollte, dass möglichst viele Menschen erfahren, dass ein behinderter Mensch genau so ein Leben hat, wie jeder andere – mit Träumen, Wünschen und Bedürfnissen –, gab er 2010 seine Tagebuchtexte als Buch heraus. Im folgenden Text lässt er uns an seinen Gedanken teilhaben.

Ich lebe seit 36 Jahren in einer Einrichtung, in der 130 behinderte Menschen auf jede Kleinigkeit angewiesen sind [Adi-Ida Landgraf lebt im Dorf Altenhof. In der ländlichen Umgebung des Hausrucks haben 130 Menschen mit schwerer körperlicher und mehrfacher Beeinträchtigung eine neue Heimat gefunden. Sie leben in zwölf Wohngruppen bzw. im Teilbetreuten Wohnen, Anmerkung der Redaktion]. Hier ist oft nicht die Zeit da, um jemanden rechtzeitig aufs WC zu setzen – und dann sitzt man im wahrsten Sinne des Wortes in der „Scheiße“. Was mir echt am Keks geht, sind die ständigen Kürzungen aus heiterem Himmel! Wir werden überhaupt nicht gefragt, es wird vom Land einfach bestimmt und so ist es. Wenn man nachfragt, heißt es immer: Euch geht’s ja eh so gut im Gegensatz zu anderen! Das stimmt ja auch, uns geht es wirklich gut, aber wenn man sich alles gefallen lässt, ist man nicht mehr sein eigener Herr. Wir haben im Dorf eine Interessensvertretung von Bewohnern. Aber wenn wir ehrlich sind, ist die für die Katze, weil sie keinen Einfluss auf die wirklichen Entscheidungen hat, die die Dorfbewohner betreffen. Seit es das Chancengleichheitsgesetz gibt, ist es nur schlechter geworden. Ich finde, die Menschen in einer Einrichtung werden finanziell kürzer gehalten. Hier in meinem Dorf geht es uns in dieser Hinsicht einigermaßen gut, aber ich kenne andere Einrichtungen, wo sie fast nichts bekommen im Monat. Das ist nicht nicht richtig, denn wir haben auch Wünsche, Träume und Hobbys. 

Glaube an Gott

Bei uns sind sie echt bemüht, das Beste zu machen. Aber wenn das Land OÖ kein Geld hergibt, können die bei uns auch nichts tun. Aber für sehr viele Sachen, die wirklich nicht wichtig sind, wie Waffen und Krieg, da spielt die Kohle keine Rolle. Irgendwie macht sich der Mensch zu seinem eigenen Sklaven und denkt nur an sich selbst. Und der Mensch hat den Glauben an sich selbst ziemlich verloren. Geschweige denn an Gott! Ich habe Jahrzehnte auch nicht an Gott geglaubt, bis Pater Anton Gots wieder zu uns gekommen ist. Er war der Gründer dieser Einrichtung, er hat mir den Glauben so näher gebracht, dass ich es verstanden habe. Er war nur noch fünf Jahre bei uns, aber in dieser Zeit ist er für mich sehr wichtig geworden: Er war wie ein Papa zu mir. Ich habe so ziemlich über alles mit ihm geredet. Was mir gut getan hat bei ihm war, dass er mir nichts aufgezwungen hat.

Hochzeit – Warum nicht?

Bevor ich meine Frau kennen lernte, war ich etwas anders drauf! Das heißt, ich war am „anderen Ufer“ daheim. Wollte nichts lieber als einen Mann. Das war kein Geheimnis und ich lebte es auch aus. Anton wusste es, aber er hat mich trotzdem so genommen, wie ich war. Das finde ich wirklich christlich, solche Pfarrer bräuchten wir mehr. Aber zurück zu meiner Frau, die ich auf Umwegen kennen und lieben lernte. Anton sagte, ob wir nicht mal heiraten möchten. Natürlich hatten wir zwei schon öfter darüber geredet, aber ich sagte eher nein. Denn trotz allem war das nicht so leicht. Ihre Eltern haben sich am Anfang etwas schwer getan mit mir, weil ich doch noch sehr weiblich angezogen war. Aber nach zwei Jahren sagte ich zu Maria: „Warum nicht“, und der Anton war sofort dafür. Aber als er sagte, ob wir nicht beichten wollen, sagte ich: „Was soll ich da sagen?“ Dann sagte er: „Wir unterhalten uns einfach, das passt schon.“ Ich mochte ihn so sehr, und als er von uns gegangen ist, glaubte ich, eine Welt bricht zusammen. Ich habe mir vorgenommen, so gut es geht, für arme und benachteiligte Menschen da zu sein, denn das war sein Leben lang sein Motto. 

Glücklich war ich früher nie

Bei uns im Dorf haben wir vier Paare! Obwohl 130 Menschen mit Behinderung hier leben, ist das sehr wenig. Ich frage mich oft, warum das so ist? Ich rede mit den Leuten darüber, mir wird gesagt, dass viele einfach einen sogenannten „nicht behinderten“ Partner möchten. Okay, so dachte ich mit 20, aber heute ist es mir das ziemlich egal. Und Maria gibt mir die ganze Liebe und Zuneigung, die ich mein Leben lang gesucht habe. In meinen jungen Jahren hatte ich einige Freundinnen und Freunde, mit denen ich in jeder Beziehung sehr viel Spaß gehabt habe, aber glücklich war ich nie. Es hat mir immer etwas gefehlt. Mein Traum war immer, jemanden zu finden, der mich so nimmt, wie ich bin. Ich war einfach traurig, immer allein durch die Welt zu laufen und nicht zu wissen, wo ich hingehöre. Da hat der Sex, den ich in den vielen Jahren hatte, auch nichts gebracht. Oft habe ich mir einfach mein Hirn vollgedröhnt – damit die Traurigkeit weg war. Mir war egal, ob Alkohol oder Drogen – Hauptsache, das Gefühl nicht mehr da. 

Die Sache mit dem Sex

Das heutige Leben ist komplett anders! Mit Maria kann ich das Leben, von dem ich geträumt habe, leben. Noch immer hört man heute oft, dass behinderte Menschen keinen Sex brauchen! Das ist Blödsinn. Sicher, so unbeschwert wie es bei so genannten nicht behinderten Menschen geht, ist es nicht. Aber es gibt Wege und Mittel, wodurch man ganz gut zurechtkommt. Das Einzige, was mich oft etwas verzagen lässt, ist, wenn mein Ding nicht mehr so tut, wie ich das möchte. Maria sagt immer wieder, dass das kein Problem für sie ist. Aber für mich ist das schon irgendwie nicht so leicht. Mein Kopf ist oft so voll und schwer mit anderen Dingen, dass nichts geht. 

Maria ist wirklich eine gute Frau, aber oft fühle ich mich bei ihr wertlos, weil ich in punkto Schulwissen nicht so viel gelernt habe wie sie. Wenn sie mich das spüren lässt, bin ich ziemlich traurig. Aber ohne sie könnte ich mir das Leben nicht mehr vorstellen! Oft denke ich mir, dass ich zu sehr von ihr abhängig bin. Eine Beziehung ist eine ewige Baustelle, wo man nie fertig wird, weil es immer was zu flicken gibt. Aber ich bin ein Typ, der sich einmal für etwas entschieden hat, und es wird immer geschaut, dass die Baustelle gemeinsam geflickt wird. Wir schauen so gut es geht, dass wir zwei gemeinsam die Entscheidungen treffen.

Die Sache mit dem Tod

Da muss ich immer an meine Eltern denken! Die haben fast 60 Jahre gemeinsam entschieden. Der Tod von Papa liegt mir heute noch im Magen. Den habe ich noch immer nicht verarbeitet. Mit dem Tod bin ich schon Jahrzehnte auf Kriegsfuß. Ich habe seit 1980 bis 2016 mindestens 300 Dorfbewohner sterben gesehen. Es waren ganz gute Freunde dabei und Menschen, die ich geliebt habe. Wenn man noch keine 20 Jahre alt war, oder eine Mutter mit 45 Jahren gehen muss, er oder sie am Schluss nichts mehr sieht, hört und nicht mehr reden kann, da fragt man sich: Wo ist oder bleibt Gott? Es gibt Tode in meinem Leben, mit denen werde ich nie fertig. Oft liege ich im Bett, kann einfach nicht schlafen, weil meine Gedanken bei meiner Frau sind … was wäre wenn … das macht mich oft einfach kaputt. Oder oft denke ich mir, dass es am Schluss nur noch mich gibt. Das ist ganz schön beängstigend! 

„Heute fehlt für alles das Geld“

Bei den Themen Liebe, Zuneigung und Sexualität waren wir vor Jahren Vorreiter für andere Einrichtungen. Aber was ist geblieben? Damals in den 90ern hat sich wirklich viel getan, sodass wir Bewohner dies und das erreichen konnten. Heute fehlt für alles das Geld. Es ist so weit, dass man zum Teil mit Mitarbeitern nicht mehr als ein paar Wörter reden kann, weil sie vor lauter Arbeit nur noch im Kreis rennen. So was hätte ich vor fünf Jahren noch nicht gesagt. Aber es zählt auch bei uns nur mehr die Leistung. Und das finde ich echt traurig. Der Mensch zählt heute nicht mehr viel. Ich denke mir oft, wenn einer stirbt, ist es ganz gut für das Land, das für uns die Einrichtung bezahlt, weil das wieder eine Einsparung ist: Wieder ein behinderter Mensch weniger! Aber eins ist sicher: Wir sterben nie aus. Darum müssen sich die so genannten Gescheiten aus der Politik auf jeden Fall überlegen, wie es mit alten, behinderten Menschen weiter gehen soll. 

Miteinander und nicht gegeneinander

Wir sollten wieder versuchen, miteinander zu leben und nicht gegeneinander! Es gibt nur eine Welt und wir dürfen sie nicht mit Gewalt zerstören, weil diejenigen, die nach uns kommen, möchten auch noch was haben von dieser Welt. Hört auf euer Herz und gebt euch (UNS) eine Chance, miteinander und nicht gegeneinander zu leben.

Das Leben kann so kurz sein!

 

 

Adi-Ida Landgraf (2010):

Die Seele hinter dem Spiegel

Wie es ist, anders zu sein. Ein Tagebuch von Adi-Ida Landgraf

Verlag: Edition WEGE 100 Seiten, kartoniert, mit vielen Fotos aus seinem Leben Preis: 15 € (& Versandkosten) E-Mail: landgraf@gmx.at

Viel Lesenswertes zu Adi-Ida Landgraf: www.adiida.at

"Fabel" (Ausschnitt). Ein Bild der blinden Künstlerin Silja Korn.
"Fabel" (Ausschnitt). Ein Bild der blinden Künstlerin Silja Korn.
Fachthema
Lea Fadenlauf, Raphael Zahnd, Ingeborg Hedderich

„Mich hat man einfach meistens links liegen gelassen“

Die Wahl des Pseudonyms „Lea Fadenlauf“ für die nachfolgend erzählte Lebensgeschichte aus dem Buch „Biografie – Partizipation – Behinderung“ (Hedderich, Egloff, & Zahnd, 2015) war alles andere als zufällig. Sie liegt in der Geschichte selbst begründet, denn diese nimmt ihren Lauf wie ein loser Faden, der Krümmungen, Knicke oder gar Knoten haben kann. Lea Fadenlauf erzählt ihre Geschichte aber nicht um ihrer selbst willen, sondern zielt auf eine Wirkung. Sie möchte, dass die „klugen Köpfe“ (Zahnd & Fadenlauf, 2016, S. 66) verstehen, wie ihr Leben ist und vertritt dabei die Überzeugung, dass viele Ausschlussprozesse geschehen, weil schon gar nicht verstanden wird, wo das Problem sein könnte. Deshalb erachtet sie es als wichtig, „dass die Leute wissen […], wie ein Leben mit einer Lernschwäche ist“ (ebd.). Mit der Geschichte, die sie gemeinsam mit einer Schreibassistenz im Rahmen eines Forschungsprojekts aufgeschrieben hat, will sie aufzeigen, weshalb wir mit Menschen wie ihr den Austausch suchen müssen, wenn wir das Ziel einer inklusiven Gesellschaft erreichen möchten. Es ist deshalb ihr Anliegen, dass sie von möglichst vielen Leuten gelesen wird.

Die Journalistin und Bloggerin Mareice Kaiser sitzt hinter einem großen Fenster und arbeitet am Computer. - Foto: Carolin Weinkopf
Die Journalistin und Bloggerin Mareice Kaiser sitzt hinter einem großen Fenster und arbeitet am Computer. - Foto: Carolin Weinkopf
Mutter-Sein
Barbara Vorsamer

Mareice Kaiser – die mit dem behinderten Kind

Ihre Tochter starb im Alter von vier Jahren. Das Netz trauerte. Bloggerin Mareice Kaiser setzt sich dafür ein, dass behinderte Kinder mehr sein dürfen als Diagnosen – und Eltern mehr als Pflegekräfte.

Dem kleinen Sohn Willi ist der Ärger ins Gesicht geschrieben. - Foto: Müller
Dem kleinen Sohn Willi ist der Ärger ins Gesicht geschrieben. - Foto: Müller
Kolumne
Birte Müller

Konsequente Erziehungsversuche

Fast alle Leute sind sich einig: Auch ein behindertes Kind muss gut erzogen werden – so eines BESONDERS gut sogar! Ich finde, dass das eine Diskriminierung ist, denn warum muss gerade ein behindertes Kind besser erzogen sein als ein anderes – als Ausgleich?

 Fotos aus dem Leben des 21 jährigen Sven-Erik mit Trisomie 21. Hier hat er sich sein T-Shirt über den Kopf gezogen und steht mit ausgebreiteten Ar...
 Fotos aus dem Leben des 21 jährigen Sven-Erik mit Trisomie 21. Hier hat er sich sein T-Shirt über den Kopf gezogen und steht mit ausgebreiteten Ar...
Fotoessay
Niklas Grapatin

Sven-Erik, einundzwanzig

Was bedeutet es, mit Down-Syndrom zu leben? Erwachsen zu werden mit einer Behinderung, die von vielen Menschen als Einschränkung empfunden wird?