Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten

 

Jugendliche bei Bastelarbeiten

Das Training für die Studentinnen und Studenten am Sternberg ist auf deren individuelle Bedürfnisse abgestimmt.

Foto: Brot für die Welt / Dagmar Lassmann
Westjordanland
Agnes Fazekas

Die Kinder vom Berg

Im von „Brot für die Welt“ unterstützten Star Mountain Center bei Ramallah werden Menschen mit intellektuellen Behinderungen gefördert – außerdem wird viel unternommen, um sie in die Gesellschaft zu integrieren. Eine Ausnahme im palästinensischen Westjordanland: Beim Tag der Offenen Tür geht es deshalb vor allem darum, sich bemerkbar zu machen.

Klar kenne er das Star Mountain Center, sagt der Taxifahrer in Ramallah. Das sei doch dieses komische Krankenhaus? Die Serpentinen, die aus der De-Facto-Hauptstadt des Westjordanlands Richtung Uni-Stadt Birzeit führen, sind eine Art Rennstrecke für die gelben Sammeltaxis. Aber an diesem windigen Novembermorgen spucken sie erstaunlich viele Menschen an einer unscheinbaren Ausfahrt zwischen den Dörfern aus. Hier geht es zum Sternberg hinauf. Grüppchen von Frauen, die meisten im Hidjab, Kinder an der Hand, auch ein paar Männer in Anzug mit Krawatte, spazieren die letzten Meter durch die bewaldete Auffahrt. An den Baumstämmen lehnen großformatige und sehr bunte Malereien.

Tag der Offenen Tür

Heute ist Tag der Offenen Tür: Ein lange und aufwändig geplantes Event, damit es eben endlich bis zum letzten Taxifahrer durchdringt, dass das Star Mountain Center ein Förderzentrum für Kinder und Jugendliche mit intellektuellen Beeinträchtigungen ist. Dass es auf dem weitläufigen Gelände neben Gärten auch Landwirtschaftsflächen für die Ausbildung gibt, dass die 200 Schützlinge hier nicht nur den Kindergarten besuchen können, sondern auch später die Berufsschule. Damit die Leute aus den umliegenden Dörfern nicht nur die Scheu verlieren vor den Menschen da oben am Berg, sondern auch ein paar Arbeitgeber in Ramallah das nächste Mal die Augen offenhalten, wenn sich wie heute eine Abschlussklasse verabschiedet.

Neben dem Berufs-Trainings-Zentrum ist eine Bühne aufgebaut: Der Bischof der griechisch-orthodoxen Kirche, andere Würdenträger und Lokalpolitiker sind darauf versammelt. Nach vielen förmlichen Reden übersteuert die Musikanlage kurz, und „Conquest of Paradise“ wummert durch die Lautsprecher. Das Lied, zu dem einst Boxer Henry Maske in den Ring zog. So unpassend ist das nicht, haben sich die sechs jungen Leute, die nun auf der Bühne ihre Zeugnisse erhalten, doch durch einiges geboxt. Nach der Zeremonie sieht man sie in der Menge von inzwischen 700 Besuchern mit herausgedrückter Brust, Blumensträuße und Luftballons in den Armen, in die Kameras der lokalen Fernsehsender blinzeln. Direktorin Ghader Naser hat viel Aufwand betrieben, um für Öffentlichkeit zu sorgen. Oder wie es Betreuerin Abeer Hamad ausdrückt: „Damit die Leute verstehen, dass wir hier nicht alle eine Meise haben.“ 

Abeds großer Tag

Abeer Hamad setzt sich zu ihrem Schützling, der gerade noch auf der Bühne stand: Abed el Khadar – dunkelblond, in feinem Zwirn – kommt aus einem der umliegenden Dörfer. Neben ihm sitzt sein Vater, der, immer noch etwas aufgeregt, mit einer Gebetskette in den Händen spielt. Außerdem sind Mutter, Onkel, Tanten und Geschwister mitgekommen zu Abeds großem Tag. Der 21-Jährige hat viel Glück, dass ihn seine Familie so unterstützt. Abeds Vater arbeitet in Ramallah für eine Menschenrechtsorganisation, seine Mutter sitzt ehrenamtlich in einem Frauen-Komitee, das als Schnittstelle zwischen den Dörfern und dem Zentrum fungiert. Von hier aus kämpft sie für Akzeptanz und Integration. Betreuerin Abeer Hamad weiß, dass die Situation in der Familie auch ganz anders aussehen kann. 

Verspottet und bedrängt

Zwar werden in Palästina überdurchschnittlich viele Kinder mit Behinderungen geboren, denn Heirat zwischen Verwandten ist in muslimischen Familien und den ländlichen Regionen keine Seltenheit. Aber gerade in den Dörfern werden die Kinder oft von den Eltern zu Hause versteckt, gelten als Schande, Unglücksbringer oder zumindest als Makel. Diese Kinder habe weder Zugang zu adäquater Förderung und Bildung, noch zu einem Job später – immerhin beträgt die Arbeitslosigkeit im Westjordanland sowieso schon um die 40 Prozent. 

Kein Wunder also, dass das Lächeln heute kaum Platz zu finden scheint zwischen den Sommersprossen im Gesicht von Abeds Mutters: Sie erinnert sich noch gut daran, wie sie Abed früher zur Schule begleitet hat, ihn nie aus den Augen ließ, weil er auf der Straße verspottet und bedrängt wurde. Das wurde erst besser, als er vor sieben Jahren zur Förderschule im Star Mountain Center wechselte. Dafür musste sich die Familie im Dorf einiges anhören über die „Verrückten vom Berg“.

Selbstbewusst

Abed hat heute nicht nur ein Zeugnis in der Tasche, sondern wie alle Abgänger auch schon einen Job: Er wird in einer Seifenfabrik anfangen. „Dann spare ich, damit ich mir bald ein Haus kaufen und heiraten kann!“, sagt er. Vielleicht gebe es die Hochzeit sogar noch vor der des großen Bruders, schiebt er mit frechem Blick auf den Vater nach. 

Sein Selbstbewusstsein kommt nicht von ungefähr. Immerhin hat er mit seiner Schwester Muna schon seit einigen Jahren von zu Hause aus eine kleine Änderungsschneiderei betrieben. Das Nähen haben sie zusammen in einem Integrationskurs gelernt, der im Star Mountain Zentrum stattfand. In den nächsten Monaten werden die Betreuer vom Sternberg ein Auge auf die Absolventen haben – sehen wie sie sich in ihren Jobs machen, und ob das Gehalt auch ankommt.

Jobmesse

Um auch die nächsten Jahrgänge gut unterzubringen, findet heute im Berufsbildungszentrum neben den Feierlichkeiten eine kleine Jobmesse statt: Etwa ein Dutzend Arbeitgeber sitzt in einer Runde hinter Schultischen. Davor nehmen Bewerber mit ihren Eltern Platz. Ein Fleischwaren-Produzent hat sich schon draußen mit einem Probierteller präsentiert, außerdem wartet ein Mobilfunkanbieter auf Bewerbungen, ein Hersteller von medizinischen Hilfsmitteln, eine Supermarktkette – und sogar die palästinensische Regierung hat ein paar Vertreter geschickt. Abeer Hamad lacht: „Sie sagten letztens in den Medien, sie wollten die Fünf-Prozent-Quote erfüllen, aber wüssten nicht, wo entsprechende Arbeitnehmer herzubekommen seien!“ Da habe man beim Star Mountain Center gleich aufgehorcht und eine Einladung geschickt. 

Ein junger Mann mit Down-Syndrom schüttelt der Personalerin von der Supermarktkette die Hand, auf seiner Schulter liegt die Hand des Vaters. „Ein guter Lebenslauf“, findet die Personalerin. Ein junger Mann mit Behinderung arbeite bereits in der Filiale in Ramallah. 

Welten verschmelzen

Doch der Tag der Offenen Tür soll nicht nur den Schülern den Schritt in die Welt da draußen erleichtern, sondern eigentlich geht es darum, die Welten zu verschmelzen. Deswegen hat Direktorin Ghader Naser nicht nur die Familien der Schüler und Vertreter von allen möglichen Institutionen eingeladen: Auch ein paar Kleingewerbler, die an Integrationskursen teilgenommen haben, durften heute ihre Stände vor dem Ausbildungszentrum aufbauen. Samiher aus dem nahen Birzeit zum Beispiel verkauft Schmuck, den sie mit ihren Töchtern zu Hause bastelt. 

Die meisten Frauen an den Ständen haben allerdings selbst Kinder im Förderzentrum und versuchen mit dem Verkauf ihrer Produkte die oft sehr armen Familie zu unterstützen: Strickkleider für Kleinkinder, Brot aus dem Holzofen, feine Süßwaren und traditionelle Stickereien gibt es da. 

Die Beamten und Würdenträger haben sich inzwischen verabschiedet, stattdessen haben die Schüler die Regie auf der Bühne übernommen. Im Publikum sitzen nun vor allem noch Mütter, Tanten und jüngere Geschwister.

Zweites Zuhause

Der Kontakt mit dem Star Mountain Center ist eng, es ist den Frauen zum zweiten Zuhause geworden. Die Mütter haben es besonders schwer: Sie werden oft verantwortlich gemacht für die Behinderung ihrer Kinder. Nicht selten ziehen sich die Väter zurück und die Mütter betreuen ihre Kinder ein Leben lang alleine – und das im Westjordanland, wo weder von der palästinensischen Regierung, noch von der israelischen Besatzungsmacht soziale oder finanzielle Unterstützung zu erwarten ist.

Auf der Bühne haben sich nun die Mädchen einer Nachbarschule versammelt. Während der Novemberwind ihnen die Tücher ihrer Kostüme vors Gesicht schlägt, lassen sie im traditionellen palästinensischen Dabke-Tanz die Beine hoch schnalzen. Daraufhin wollen sich die Förderschüler nicht lumpen lassen und stürmen ebenfalls die Bühne: Ihr geordneter Reigen wird schnell zu einem lustig umher hüpfenden Haufen. Stolz und glücklich sehen sie aus.

 

 „Brot für die Welt“ ist eine Aktion der Evangelischen Kirchen in Österreich, die sich in Entwicklungsfragen engagiert und Hilfsprojekte in aller Welt fördert. Eingebunden in das internationale kirchliche Netzwerk „ACT Alliance“ setzt sich „Brot für die Welt“ von Österreich aus für Menschen ein, die in Armut und Hunger leben. „Brot für die Welt“ startete 2011 in Österreich und setzt die Agenden von „Brot für Hungernde“ der Evangelischen Frauenarbeit i. Ö. und der Diakonie Auslandshilfe fort. Das im Beitrag beschriebene Projekt wird außerdem durch die Österreichische Entwicklungszusammenarbeit (ADA) gefördert. 

Informationen unter: http://www.brot-fuer-die-welt.at

Grafik: Julia Rakuschan
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Surfen mit Behinderung, Foto: Oliver Schulz
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Jens packt den Gabelbaum und stemmt sich kräftig gegen den Wind. Mit einer harten Bewegung zieht er das Segel zu sich heran. „Da ist ganz schön viel Power drin.“ Stärke sechs dürfte heute an der Ostsee herrschen – deutlich mehr als angesagt. Die Wellen rollen nicht hoch, aber in kurzen Abständen an den Strand von Großenbrode. Der Wind ist auflandig. „Du musst den Druckpunkt im Segel spüren. Du kannst es waagerecht drehen“, erklärt die ehrenamtliche Helferin Sabine. Sie macht die Bewegungen vor. „Du kannst es aber auch kippen.“

Grafik: Eva Gugg
Grafik: Eva Gugg
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Schwangerschaft: Jesper * 24. 7. 2014 † 17. 7. 2014

Das Kind in Lisas Bauch ist schwerstbehindert, Ärzte raten zur Abtreibung. Die Eltern suchen nach ihrer Antwort auf eine der schwierigsten Fragen des Lebens.