Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten

 

Die beinamputierte siebenjährige Nirmala lacht fröhlich im Gespräch mit einem jungen Arzt in Nepal.

Ein langer Weg - Gleichstellung behinderter Menschen in Nepal

Nepal
Lea Frei

Ein langer Weg – Gleichstellung behinderter Menschen in Nepal

Menschen mit einer Behinderung haben in Nepal kein einfaches Leben. Gesetzliche Grundlagen für die Gleichstellung von behinderten und nichtbehinderten Menschen sind vorhanden. Doch es mangelt an der Umsetzung.

n den Straßen Nepals trifft man häufig auf Menschen mit Behinderungen. Ich gehe die vielbefahrene Straße Kantipath entlang. Links von mir drängen sich Autos, Busse, Motorräder und Rikschas vorbei. Auf dem Gehsteig ist ein Gewusel an Frauen, Männern und Kindern anzutreffen, die sich einen Weg durch die Menge suchen. Ich gehe vorbei an den Gemüsehändlern, die ihre von Staub und Abgasen verdreckte Ware anpreisen. Ich halte mein Halstuch vors Gesicht, um besser atmen zu können. Rechts von mir liegt ein Mann auf dem Boden und hält seine verstümmelten Arme in die Luft. Neben ihm ein Eimer. Einige Passanten werfen Geld in den Behälter. Die meisten aber laufen wortlos vorbei, würdigen den Menschen, der am Boden liegt, keines Blickes. Ein paar Meter weiter krabbelt ein Mann aus seinem Rollstuhl und setzt sich hin. Er hat keine Beine. Er krempelt seine Hose hoch, platziert einen Hut neben sich, legt sich auf den Rücken und wackelt mit dem Körper hin und her – wie ein hilfloser Käfer, der es nicht mehr schafft, sich aus der misslichen Rückenlage zu befreien. Stumm stehe ich da und schaue. Ein paar Meter weiter sitzt ein junger Mann auf dem Boden. Ein Bein fehlt, Hände hat er keine. Er malt. Seine Zeichnungen verkauft er für umgerechnet etwa eineinhalb Euro. Ich kaufe ihm seine Werksammlung der letzten Tage ab. 

Wie viele Menschen in Nepal tatsächlich an einer Behinderung leiden ist unklar. Genaue Zahlen gibt es nicht. Die Volkszählung von 2011 ergab einen Anteil von 1,94 Prozent der Bevölkerung. Schätzungen von Behindertenorganisationen und der WHO schwanken aber zwischen 10 bis 15 Prozent. 

Unwissen führt zu Diskriminierung

„Die Regierung sollte spezielle Pläne und Programme ausarbeiten, damit Menschen mit Behinderung nicht länger als Bettler leben müssen“, fordert Shudarson Subedi, Präsident der National Federation of the Disabled, Nepal (NFDN). Die nichtstaatliche nepalesische Dachorganisation von Menschen mit Behinderung führt die Behindertenrechtsbewegung in Nepal seit 1993 mit verschiedensten Arbeitsstrategien an. Rechtliche Unterstützung, Bewusstseinsbildung, Aufbau von Netzwerken und Kooperationen sind Grundpfeiler des Engagements. Sie repräsentiert mehr als 300 Mitgliederorganisationen und hat die Vision einer Gesellschaft und eines Staates, in dem Menschen mit einer Behinderung ein produktives Leben mit hoher Qualität, ohne Barrieren und in einem Umfeld mit vollen und gleichberechtigten Verwirklichungsmöglichkeiten aller Menschenrechte leben können.

„Die Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderungen sind in Nepal sehr schwierig. Die meisten leben in ländlichen und abgelegenen Gegenden und werden von ihren Familien und den Gemeinden vernachlässigt“, erklärt Shudarson Subedi die Situation. Behinderung stehe in direktem Zusammenhang mit Armut. Familienmitglieder würden häufig denken, dass Menschen mit einer Behinderung unproduktiv seien. Diese diskriminierende Haltung erschwert den Zugang zu Serviceleistungen und Institutionen. Mangelnde Bildung mindert das Verständnis für die Situation behinderter Menschen. Sie werden oftmals einfach ignoriert, was ihre Lebensbedingungen schwierig macht.

Umsetzung ist schwer

Gesetze zur Gleichstellung von Menschen mit und ohne Behinderung sind in Nepal zwar vorhanden. Es gibt einen nationalen Planungsrahmen, welcher Menschen mit Behinderung fünf Prozent der Beschäftigungen in Staatsdiensten zusichert. Verschiedene Regierungskommissionen unterliegen der Vorschrift, Menschen mit Behinderungen als Mitglieder zu nominieren. Schwer hilfebedürftige Menschen können monatlich eine Rente von 1000 Rupien erhalten. Dies entspricht etwa neun Euro. Menschen mit leichteren Behinderungen haben einen Anspruch auf 300 Rupien. Offiziell gibt es Assessment-Center in den verschiedenen Distrikten. In Tat und Wahrheit stehen nur wenige solche funktionierend zur Verfügung. Menschen mit einer Behinderung haben eine Reduktion von 50 Prozent bei der Nutzung von Transportmitteln zugesichert. Doch dies wird nur teilweise umgesetzt. In der neuen Verfassung, die im September 2015 in Kraft trat, werden die Rechte von Menschen mit Behinderung gesondert geregelt. Ziel ist unter anderem, deren politische Partizipation sowie auch das Recht auf Beschäftigung und Gesundheitserziehung zu sichern. „Die Grundlagen sind da, doch es mangelt an der Umsetzung“, erklärt der Präsident der Organisation NFDN. 

Fokus auf benachteiligte Gruppen

„Um das Leben von Menschen mit Behinderungen zu verändern, müssen wir zuerst auf die am meisten benachteiligten Gruppen fokussieren“, betont Shudarson Subedi. Dazu zählt er schwerstbehinderte Menschen mit mehrfachen oder psychosozialen Behinderungen, Menschen mit Lernschwierigkeiten sowie behinderte Frauen und Kinder. Zu fördern seien die Rehabilitation, der Zugang zu unterstützenden Hilfsmitteln und die Selbstständigkeit behinderter Menschen. Zudem sollen vermehrt Ausbildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten geschaffen werden. Denn viele Kinder mit Behinderung haben in Nepal keinen Zugang zu Schulbildung. Es gibt zwar staatlich unterstützte Schulen für Kinder mit Hörbehinderungen oder mit intellektuellen Behinderungen. Auch private Institutionen bieten Ausbildungsmöglichkeiten an. Doch in weiten Teilen Nepals mangelt es an Einrichtungen, die den Bedürfnissen behinderter Kinder und Jugendlichen entsprechen. „Mir sind Fälle bekannt, wo Menschen mit Behinderung von ihren Familienangehörigen einfach weggesperrt werden“, berichtet Shudarson Subedi. Meistens seien es sehr arme Familien, die ihre Kinder verstecken. Die Eltern sehen keine andere Möglichkeit. Häufig mangelt es an Wissen. Aber auch der Fakt, dass Tag für Tag körperlicher Arbeit nachgegangen werden muss und in den Familien oft keine Kapazitäten vorhanden sind, um für ein behindertes Kind zu sorgen, sieht der Präsident der NFDN als Grund für das Missverhalten von Eltern.

Bleibende Behinderung nach den Erdbeben

Die Bedingungen für Menschen mit Behinderung haben sich nach den Erdbeben vom April und Mai 2015 noch verschlechtert. Durch diese Erdbeben wurden rund 22.000 Menschen verletzt. Laut der NFDN haben schätzungsweise 5000 Personen eine bleibende Behinderung, etwa 500 davon leiden unter Verletzungen der Wirbelsäule. Es mangelt an Versorgungsmöglichkeiten und Pflegeeinrichtungen.

Private Institutionen versuchen Lücken zu füllen, die der Staat im Gesundheitssystem nicht zu schließen vermag. So auch „The Hope Hermitage“, eine private Pflegeinstitution in Kathmandu, die eigentlich auf die Pflege von Menschen mit Demenzerkrankungen fokussiert. Nach den Erdbeben hat die Institution verletzte und verwahrloste Menschen aufgenommen, die nicht auf die Unterstützung ihrer Familien zählen konnten.

„Viele Angehörige sind mit der Pflege ihrer Angehörigen überfordert“, sagt die Direktorin der Hope Hermitage, Pramila Bajracharya Thapa. Unwissen und Ängste führten oft zu Fehlbehandlungen und verzögerten den Zugang zu geeigneten Behandlungen und Dienstleistungen. Yentra Bahadur Acharya ist 70 Jahre alt. Er verletzte seine Hände, als im Frühling die Erde bebte – die rechte schmerzt bei Bewegung, die linke musste amputiert werden. Seit Mitte Juni 2015 ist er nun im Haus untergebracht, das eigentlich für demenzkranke Menschen vorgesehen wäre. „Bis jetzt hat sich seine Familie noch nicht bei uns gemeldet“, berichtet Pramila Bajracharya Thapa ein halbes Jahr nach den Beben. „Ich denke, die Familie weiß, dass er nicht mehr fähig sein wird zu arbeiten, wie er das früher getan hat. Er ist jetzt behindert und braucht im täglichen Leben Unterstützung. Es ist eben einfacher, ruhig zu bleiben und sich nicht zu melden“, bedauert die Leiterin der Institution.

Nirmala kämpft um ihre Zukunft

Auch was die Zukunft für die siebenjährige Nirmala bringen wird, ist unklar. Das Mädchen hat beim 7,8-Magnituden-Beben sein rechtes Bein verloren. Zwei Monate danach liegt Nirmala immer noch im Bir-Hospital in Kathmandu. Zweimal täglich erhält sie Physiotherapie. Sudan Rimal ist einer der Physiotherapeuten von „Handicap International“. Die Organisation ist bereits seit 2001 in Nepal aktiv. Um die Versorgung der durch die von den Erdbeben verletzten Menschen sicherzustellen, arbeitet die Organisation mit großen Krankenhäusern und Rehabilitationscentern zusammen. „Es war sehr schwierig, dem Mädchen verständlich zu machen, dass ihr Bein nicht zurückkommen wird. Immer wieder hat sie gesagt, ihr Bein sei bei den Ärzten und sie bringen es zurück, wenn es ihr besser gehe“, erklärt Nirmalas Therapeut, als ich das Mädchen im Krankenhaus besuche. Sudan Rimal sieht die Fortschritte, die das Mädchen macht: „Sie kann sich schon ohne Hilfe hüpfend fortbewegen und mit den Krücken kommt sie gut zurecht.“ Der nächste Schritt wird sein, eine Prothese anzupassen.

Nirmalas Eltern weichen kaum von ihrer Seite. „Wir haben keine Arbeit und unser Haus haben wir durch das Beben verloren“, sagt ihr Vater. Wenn er an die Zukunft seiner Tochter denkt, macht er sich Sorgen: „Was wird mit ihr sein? Kann sie wieder zur Schule gehen? Wir haben Angst, dass sie keine Unterstützung bekommen wird, wenn sie aus dem Krankenhaus heraus ist. Wer wird sich um sie kümmern? Wer wird für die weitere Therapie bezahlen?“ Es gibt noch viele Fragen, die offen sind 

Aktionsplan gefordert

„Die aktuellen Geschehnisse erfordern, dass sich die Regierung und auch der nicht staatliche Sektor verstärkt mit Fragen um behinderte Menschen befassen“, sagt Shudarson Subedi. Während der Wiederaufbauzeiten brauche es einen klaren Aktionsplan für Menschen mit Behinderungen. Längerfristig fordert die National Federation of the Disabled, Nepal Beschäftigungprogramme, Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten und eine behindertenfreundliche Umgebung. Bis dies jedoch umgesetzt wird, braucht es Zeit.

 

Lea Frei

MAS Kulturmanagement Praxis, arbeitet als freie Journalistin in den Bereichen Kultur, Gesundheit und Soziales und ist für „Ageing Nepal“ tätig, eine Organisation, die sich für die Anliegen älterer Menschen in Nepal einsetzt.

leafrei@bluemail.ch

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