Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten

 

Thema der Ausgabe 4/5/2016:

Inklusiver Unterricht

Die Wahrheit – hier auch die Ausgrenzung – ist immer konkret. Der Auftrag für eine inklusive Schule ist klar, die Praxis ist die Bewährungsprobe.

 

Intro:

Josef Fragner, Chefredakteur

Inklusiver Unterricht

Die inklusive Schule ist die Basis für den sozialen Zusammenhalt und die demokratische Entwicklung einer Gesellschaft. Kaum jemand bezweifelt diesen menschenrechtlichen Auftrag für unser Zusammenleben. Und er wird immer wichtiger angesichts wachsender Polarisierung und Ungleichheiten. 

Der Auftrag ist klar: Alle sind von Anfang an dabei. Alle sind gleich an Würde und Rechten. Alle Schulen passen sich den Kindern und jungen Menschen an. Alle Schulen begrüßen die Vielfalt der Lernenden. Das kann aber die Realität nicht übertünchen, dass wir ein selektives Schulsystem haben, dass die Strukturen verknöchert sind, die Lernkultur oft von vorne und oben diktiert wird.

Die Wahrheit ist aber immer konkret. Nicht nur Bert Brecht hat sich diesen Satz auf einen Balken seines Hauses gemalt. Von Hegel über Marx bis Ernst Bloch betonen alle, dass sich die Wahrheit des Denkens in der Praxis beweisen muss. 

Deshalb liegen die Mühen der Ebenen vor uns. Mit diesen setzt sich Karlheinz Kleinbach in seinem Essay kritisch auseinander. „Vor unseren Augen entsteht ein neuer Typus von Schule, eine softe Institution, die irgendwo zwischen Tagesklinik, städtischem Jugendclub und Vergnügungssalon anzusiedeln ist“. Bei der inklusiven Didaktik gilt der Mangel an Unterrichtsbeispielen als Tugend, da der absichtslose Dienst am Nächsten im Vordergrund steht. Kleinbach stellt die entscheidende Frage nach der Sache: Was brauchen Kinder und Jugendliche, die uns anvertraut sind und für die wir deshalb verantwortlich sind? Wir müssen ihnen zeigen, dass wir nicht mit leeren Händen dastehen und den jeweils spezifischen Weltzugang eines Faches für alle öffnen.

Ulrich Heimlich hebt hervor, dass ein inklusiver Unterricht eine Frage der Qualität ist. Wobei es kein monopolartiges Konzept dafür gibt: Essind vielfältige inklusive Settings notwendig, um den einzelnen Bedürfnissen einer heterogenen Schülergruppe gerecht werden zu können. Eine Veränderung des Unterrichts muss auch durch eine veränderte Kultur der Zusammenarbeit in der Schule abgesichert werden. 

Klaus Rödler und Christel Manske zeigen den Umgang mit einer heterogenen Schülergruppe konkret am Rechnen und Lesen auf. Rödler legt anschaulich zehn Bausteine für einen inklusiven Mathematikunterricht in der Grundschule vor, die einen gemeinsamen Unterricht für alle ermöglichen. Und Manske hat mit Beteiligung von Kindern mit Down-Syndrom eine inklusive Lesefibel entwickelt, nach der alle Kinder gemeinsam lesen lernen.

Das Team Kirsten Guthöhrlein, Désirée Laubenstein, Christian Lindmeier, David Scheer und Dirk Sponholz beschreibt eine Möglichkeit des inklusiven Unterrichts: das Lernbüro. Die Organisationsform des Lernbüros kann nach ihren Untersuchungen in inklusiven Schulen eine lern- und sozialwirksame Antwort auf Heterogenität darstellen.

Annette Textor stellt die Sicht von Lehrerinnen und Lehrern in den Mittelpunkt ihres Beitrags. Sie kristallisiert fünf Dimensionen eines guten Unterrichts heraus, die auch einen guten inklusiven Unterricht kennzeichnen.

Der Beitrag von Brita Schirmer leuchtet das Umfeld der schulischen Inklusion aus und listet die Punkte auf, die unbedingt zu beachten sind. Sie plädiert dafür, den ersten Schritt eines langen Weges zu wagen.

 

Also wieder ein interessantes, durch den vielfältigen Magazinteil bereichertes Heft, das zum Lesen einladen möge. 

Josef Fragner
Chefredakteur
josef.fragner@behindertemenschen.at

Ceterum censeo:

Der behinderte Mensch ist ein vollwertiger Bürger. Das Wahlrecht ist das vornehmste Recht des Bürgers in der Demokratie. Viele dachten, dieses Bürgerrecht sei unantastbar. Doch dies wird nun – zumindest für eine Gruppe – im österreichischen Wahlkampf von der FPÖ in Frage gestellt. Wo werden die Bürgerrechte von behinderten und alten Menschen enden, wenn solch eine Gesinnung mehrheitsfähig wird?

 

Leseproben:

Bildausschnitt aus einem farbenfrohen Gemälde von Andreas Krötzl
Portraitfoto Klaus Rödler
Fachthema
Klaus Rödler

Ein Mathematikunterricht für alle! – 10 Bausteine für einen inklusiven Mathematikunterricht in der Grundschule

Ein Mathematikunterricht für alle! Unter diesem Titel habe ich 2014 einen Aufsatz veröffentlicht, in dem ich die allgemeindidaktischen Konsequenzen und die Grundlagen für ein fachdidaktisches Umdenken für den Mathematikunterricht dargestellt habe (Klaus Rödler, 2014). 2016 habe ich einen Ratgeber mit Materialbänden veröffentlicht, der darstellt, wie der Unterricht in den ersten beiden Schuljahren auf Grundlage dieser Überlegungen praktisch gestaltet werden kann (Klaus Rödler, 2016 a-f). Hier möchte ich einige zentrale Bausteine dieses neuartigen Konzepts benennen und kurz erläutern. Sie erlauben, dass der Mathematikunterricht sich von einem Nebeneinander differenzierter Parallellehrgänge zu einem inklusiven, das heißt gemeinsamen Unterricht wandeln kann.

Selfie einer Mutter mit ihrer 13 jährigen behinderten Tochter
Selfie einer Mutter mit ihrer 13 jährigen behinderten Tochter
Diskurs
Peter Rudlof

Sonderschule ja oder nein?

Laut Bildungsministerium soll es ab 2020 in Österreich keine Sonderschulen mehr geben. Als Wegbereiter dafür werden in der Steiermark, in Tirol und Vorarlberg inklusive Modellregionen eingerichtet. Dagegen wehrt sich eine Elterninitiative in der Steiermark und hat eine bundesweite Bürgerinitiative (www.elternbrief.at) gestartet. Sie hat Angst um das Wohl ihrer behinderten Kinder und sieht sich in ihrer Wahlfreiheit beschränkt – ein Diskurs via E-Mail.

Die beinamputierte siebenjährige Nirmala lacht fröhlich im Gespräch mit einem jungen Arzt in Nepal.
Die beinamputierte siebenjährige Nirmala lacht fröhlich im Gespräch mit einem jungen Arzt in Nepal.
Nepal
Lea Frei

Ein langer Weg – Gleichstellung behinderter Menschen in Nepal

Menschen mit einer Behinderung haben in Nepal kein einfaches Leben. Gesetzliche Grundlagen für die Gleichstellung von behinderten und nichtbehinderten Menschen sind vorhanden. Doch es mangelt an der Umsetzung.

Karikatur von einem Grabstein am nichtkatholischen Friedhof in Rom
Karikatur von einem Grabstein am nichtkatholischen Friedhof  in Rom
Aus Grolls Skizzenbuch
Erwin Riess

Ein Grab in Rom

Ein Taxi hatte sie vom Bahnhof Roma Termini in das Testaccio-Viertel hinter dem Aventin gebracht. Herr Groll war sehr aufgeregt. Immer wieder sah er in seinen Unterlagen nach und als nach zwanzig Minuten Fahrt die Pyramide des römischen Volkstribuns Gaius Cestius in Sicht kam, bedeutete er dem Fahrer, er möge auf der Stelle anhalten. Außer der Pyramide, die mit ihren 36 Metern Höhe nicht weltbewegend sei, gebe es in diesem Viertel keine Sehenswürdigkeiten, hatte der Fahrer gemeint, ob er sie nicht zum Forum Romanum bringen solle?

Birte Müller mit ihrem Mann. Beide halten den kleinen Sohn Willi fest umschlungen im Arm.
Birte Müller mit ihrem Mann. Beide halten den kleinen Sohn Willi fest umschlungen im Arm.
Kolumne
Birte Müller

Willi-Therapie

In meinem Umfeld beobachte ich die Tendenz, dass Freunde – statt sich einmal ordentlich aufzuregen – ständig behaupten, an jeder noch so ätzenden Situation innerlich zu reifen. Eigentlich wundere ich mich, dass nicht schon alle ganz erleuchtet sind! Mit einem behinderten Kind müsste man dann bald ein Heiliger sein und nur noch durch die Gegend schweben vor lauter Möglichkeiten, an denen man seelisch wachsen kann. Tut man aber nicht. Ich stampfe sogar – ganz im Gegenteil – des Öfteren mit meinem Fuß auf den Boden, wenn mich mein Sohn nervt.

Eine junge Frau mit Behinderung schaut erstaunt in die Runde.
Eine junge Frau mit Behinderung schaut erstaunt in die Runde.
Projekt „MINCE“
Karin Kicker-Frisinghelli

Inklusion: Aufgabe der Gesellschaft

Menschen mit schweren und schwersten Behinderungen sind in unserer Gesellschaft nach wie vor eine Gruppe, deren soziale Inklusion und gesellschaftliche Partizipation nicht als zufriedenstellend zu bewerten ist. Der Anspruch an Inklusion kann vor dieser Gruppe nicht enden. Nein, Inklusion wird sich an dieser Gruppe erst entscheiden, wie Fragner in der Einleitung zum Themenheft „Partizipation von schwerbehinderten Menschen“ (2015, S. 1) präzise feststellt.

Inhalt:

Artikel
Inklusiver Unterricht
Inklusiver Unterricht – eine Frage der Qualität!
Inklusiver Unterricht
Ein Mathematikunterricht für alle!
Inklusiver Unterricht
Alle Kinder lernen gemeinsam lesen
Inklusiver Unterricht
Das Lernbüro
Inklusiver Unterricht
Inklusion und Didaktik aus Sicht von Praktikerinnen und Praktikern
Inklusiver Unterricht
Schulische Inklusion? Natürlich! Aber wie?
Österreich
Schulische Inklusion – wohin?
Österreich
BZIB – Bundeszentrum für inklusive Bildung und Sonderpädagogik
Deutschland
An der Regelschule fitter im Lesen und Schreiben
Diskurs
Sonderschule ja oder nein?
Kolumne
Willi-Therapie
International
Citizenship und Inklusion: Best-Practice-Inklusionsschulen in Kanada und Italien
International
Armenien
Aus der Behindertenanwaltschaft Österreich
Zwang zur Sonderschule
Projekt „MINCE“
Inklusion: Aufgabe der Gesellschaft
Essay
Die Mühen der Ebene
Nepal
Ein langer Weg
Freaks around the World
Asmelash Woldeselassie: „Probleme und Herausforderungen machen stark“
Aus Grolls Skizzenbuch
Ein Grab in Rom
Le Petit Fils
Inklusives Flaschendrehen
Paralympische Sommerspiele in Brasilien
Was bleibt?
Paralympische Sommerspiele in Brasilien
Deutschland schlägt Österreich
Medien
Menschen mit Behinderungen in österreichischen Medien
Kolumne
Willi-Therapie