Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten

 

LIFEtool (Ein junger Mann sitzt am Tisch vor seinem Laptop und bedient das Gerät mit einer Mundsteuerung)

Foto: LIFEtool
LIFEtool

Auch wer nicht sprechen kann, hat viel zu sagen! – LIFEtool hilft

Stellen Sie sich vor: Sie sind durstig und können sich kein Glas Wasser bestellen, weil Sie nicht sprechen können. Oder: Sie haben Bauchschmerzen und können nicht sagen, wo es genau wehtut. Niemand versteht Ihre Gesten oder noch schlimmer, Sie werden falsch verstanden.

Es gibt eine Fülle an Hilfsmitteln, die bei der Kommunikation unterstützen. Technik kann helfen – aber nur dann, wenn sie sich dem Menschen und seinen individuellen Bedürfnissen anpasst. Und genau das macht das gemeinnützige Unternehmen LIFEtool aus Linz.

LIFEtool bedeutet wörtlich übersetzt „Lebenswerkzeug“ – dementsprechend hat LIFEtool sich das Ziel gesetzt, mit dem Einsatz von „Lebenswerkzeugen“ in Form von Assistierenden Technologien und der (Computer) Unterstützten Kommunikation (UK) die Lebensqualität für Menschen mit fehlender Lautsprache und Menschen mit körperlicher Behinderung sowie Menschen mit Lernbeeinträchtigung zu erhöhen.

Die Berater und Beraterinnen helfen, technische Hilfen und Kommunikationshilfen für Menschen mit Behinderungen anzupassen. Sie arbeiten mit möglichst allen beteiligten Personen im Umfeld zusammen und bieten individuelle, kostenlose und verkaufsunabhängige Beratung, fachspezifische Schulungen und Workshops sowie Beratung über finanzielle Fördermöglichkeiten für Betroffene, Angehörige und Betreuungspersonen. Es besteht auch die Möglichkeit, die Hilfsmittel nach Verfügbarkeit in der gewohnten Umgebung zu testen. Die Berater geben ihr Wissen auch in Workshops und Seminaren zum Thema Unterstützte Kommunikation und Assistierende Technologien weiter. 

Das LIFEtool-Beratungsnetzwerk ist gemeinnützig, wird von Einrichtungen der Diakonie und dem slw Soziale Dienste der Kapuziner getragen und von öffentlichen Stellen und Sponsoren gefördert. Die Beratungen finden in den LIFEtool-Beratungsstellen in Wien, Linz, Graz, Kärnten und Tirol statt. Daneben gibt es auch telefonische Beratung, Beratung per E-Mail und in Bedarfsfällen auch Beratungen bei den Betroffenen vor Ort.

Der Trend zum iPad hält an

Mittlerweile dreht sich ein Großteil der Beratungen bei LIFEtool um die Einsatzmöglichkeiten von Tablet-Computern (überwiegend iPads) in Verbindung mit entsprechenden Apps und Zubehör wie zum Beispiel Schutzhüllen. Parallel dazu werden auch komplexe Kommunikationshilfen wie Augensteuerungscomputer und dynamische Sprachausgabegeräte beraten. Nichtelektronische Hilfsmittel wie Symbolkärtchen und einfache Hilfen wie sprechende Taster oder Geräte zur Umfeldsteuerung helfen bei den ersten Schritten auf dem Weg zu einer gelingenden Kommunikation in der Schule, bei der Arbeit oder Zuhause. Mausersatzgeräte wie spezielle Tastenmäuse oder auch die Mund-Computermaus IntegraMouse Plus von LIFEtool schaffen für Menschen, die keine herkömmliche Computermaus bedienen können, einen Zugang zum Computer am Arbeitsplatz und zu Hause.

Das Interesse an Tablet-Computern wie dem iPad ist so groß, weil sie einfach zu bedienen sind, man sie überall hin mitnehmen kann und sie günstiger sind als viele andere Hilfsmittel. Die Tablets sind außerdem kein spezielles Hilfsmittel, sondern genau das Tool, das auch die Eltern, die Schulfreundin oder der Arbeitskollege verwenden. Kurzum: Tablet-Computer stigmatisieren nicht, sind günstig und können sehr viel. LIFEtool hat gemeinsam mit der FH Hagenberg und der JKU Linz erforscht, wie die Tablet-Technologie adaptiert werden muss, damit auch Menschen mit Behinderung sie gut bedienen können.

Forschung und Entwicklung bei LIFEtool

Forschung und Entwicklung sind neben der Beratung die zweite Säule bei LIFEtool gemeinnützige GmbH. PädagogInnen, PsychologInnen, TherapeutInnen und TechnikerInnen entwickeln interdisziplinär Software und mittlerweile Apps für die Sonderpädagogik und alternative Eingabehilfen wie die neue IntegraMouse Plus für Menschen mit Behinderung. LIFEtool beteiligt sich gemeinsam mit universitären ForschungspartnerInnen an aktuellen Forschungsprojekten, um neueste Technologien für Menschen mit Behinderung und Menschen im Alter zugänglich zu machen.

Unterstützte Kommunikation hilft – je früher, desto besser

Die Geschichten von Liam, Isabella und Mario stehen stellvertretend für viele weitere. Allen solchen Erfolgsgeschichten gemein ist der Prozess der Begleitung. Je früher ein Kind mit den Möglichkeiten Unterstützter Kommunikation vertraut wird, desto besser für die kommunikative Entwicklung. Wir sehen aber auch bei Erwachsenen, die erst spät mit UK beginnen, dass es Entwicklungsmöglichkeiten und Erfolge gibt.

Wichtig ist, dass jede Beratung individuell erfolgt und ein enges Zusammenspiel von Berater/in, Klient/in und dem betreuenden Umfeld vorhanden ist.

 

 

Liam

Der sechsjährige, lebensfrohe Junge aus Offenhausen kann weder gehen noch selbst sprechen. Aber er hat viel zu sagen – und das macht er mit seinen Augen. Er verwendet einen augengesteuerten Computer, um mit seiner Familie und seinen Freunden im Kindergarten zu kommunizieren. Seine Mutter hat für Liam den Traum, dass er einmal studieren und selbstbestimmt sowie möglichst autonom sein Leben führen kann. Dank moderner Technologie und einem liebevollen und unterstützenden Umfeld stehen ihm diese Möglichkeiten offen.

 

Isabella

Ohne das großartige Engagement der Eltern wäre Isabellas Geschichte anders geschrieben worden. Als die Diagnose Rett-Syndrom feststand, war für Isabellas Mama klar, dass sie alles in Bewegung setzen würde, um ihrer Tochter die Möglichkeit zu geben, sich möglichst selbstständig mitteilen zu können. Mittlerweile hat Isabella gelernt, mittels Sprachcomputer zu kommunizieren, den sie mit dem Kopf steuert. Das iPad verwendet sie gern, vor allem, weil es auch die beiden Schwestern cool finden. Isabella lebt mit ihrer Familie in Pichl bei Wels.

 

Mario

Bei Mario alias Deejay Ridinaro war das Leben nach einer Party und einem Sturz ins knietiefe Wasser mit einem Schlag anders: Er ist seither querschnittgelähmt und kann seine Arme und Finger nur eingeschränkt nutzen. Den Computer bedient der Leondinger mittlerweile mit der IntegraMouse Plus, einer Computermaus, die nur mit dem Mund bedient wird und von LIFEtool selbst entwickelt wurde. Letztes Jahr ging sein Herzenswunsch in Erfüllung: Er konnte auf dem Donauinselfest als Deejay Ridinaro den Boden zum Beben und die Menschen zum Tanzen bringen.

Graphiken: Margarethe Bamberger und Sophie Beisskammer (Ausschnitte von Grafiken von Margarethe Bamberger und Sophie Beisskammer aus der Galerie Ta...
Portraitfoto Christiane Nagy
Fachthema
Christiane Nagy

Gestützte Kommunikation heute – Erfahrungen und Gedanken

Meine erste Begegnung mit FC (Facilitated Communication – Gestützte Kommunikation) liegt ziemlich genau 25 Jahre zurück. Unser autistischer Sohn hatte früh gesprochen, sich schon mit drei Jahren für Formen und Buchstaben interessiert – und dann bis zum fünften Lebensjahr allmählich die Sprache wieder verloren.

Was ich daraus gemacht habe / Foto: David Strenzler (Kathrin Lemler sitzt zufrieden lächelnd in ihrem Rollstuhl)
Was ich daraus gemacht habe / Foto: David Strenzler (Kathrin Lemler sitzt zufrieden lächelnd in ihrem Rollstuhl)
Aus meinem Leben
Kathrin Lemler

Was ich daraus gemacht habe – Unterstützte Kommunikation im Alltag

Es ist 7.47 Uhr. Ich liege in meinem Bett in meiner eigenen kleinen Wohnung. Unruhig bewege ich mich hin und her. Ich träume. Langsam wache ich auf. Was war das für ein gruseliger Albtraum? Hätte wohl so mein Leben ausgesehen, wenn mir die Mittel von Unterstützter Kommunikation (UK) nicht zur Verfügung gestanden wären?
Was wäre wohl gewesen, wenn meine Mutter nicht von Anfang an von der Tatsache überzeugt gewesen wäre, ihre Tochter könne kommunizieren? Was wäre wohl gewesen, wenn ich nicht immer wieder Menschen getroffen hätte, die mit unendlicher Geduld für mich nach individuellen Lösungen gesucht hätten? Und was wäre wohl gewesen, wenn ich irgendwann frustriert aufgegeben und nicht diesen verdammten Dickschädel gehabt hätte? Nun ja, ich wäre wohl wirklich im Bällchenbad versunken. Zum Glück bleibt es aber ein schrecklicher Albtraum!

Birte Müller und Sohn Willi, Foto: Birte Müller
Birte Müller mit Sohn Willi
Kolumne
Birte Müller

Das Richtige sagen

Immer wieder einmal bekomme ich vorgeworfen, dass man sich einer Familie mit einem Kind gegenüber ja gar nicht richtig verhalten KÖNNE! Egal, was man sagt – alles sei falsch.

Der syrische Flüchtling Abdullah Zaror sitzt vornübergebeugt im Rollstuhl und betet gemeinsam mit seinem Vater und Bruder in einem karg ausgestatte...
So weit die Hände tragen / Foto: Sascha Montag
Report
Tarek Khello, Kristin Oeing

So weit die Hände tragen

Auf einer Demonstration gegen das Schreckensregime des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad trifft den 17-jährigen Syrer Abdullah Zaror eine Kugel in den Rücken. Seitdem sitzt er im Rollstuhl. Mit der Hilfe seiner Familie und Freunde floh er nach Deutschland. Wir erzählen die Geschichte seiner Flucht.