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Sohn Willi füttert ein Kaninchen - Foto: Birte Müller

Sohn Willi füttert ein Kaninchen

Foto: Birte Müller
Kolumne
Birte Müller

Gebrauchstiere

Mein behinderter Sohn Willi hat keine Freunde. Das klingt hart und vielleicht stimmt es auch nicht ganz, denn möglicherweise hat er in der Klasse seiner Förderschule ein oder zwei Kinder, mit denen er so etwas wie „befreundet“ ist, aber keiner von ihnen war jemals bei uns zu Hause zu Besuch und keinen hat Willi je zu sich eingeladen. Es kann auch keiner von ihnen gut genug sprechen, um seinen Eltern zu sagen, sie würden gerne mit Willi spielen – und auch Willi wäre mit so einer Aussage am Talker überfordert. Und genau genommen kann Willi ja auch gar nicht richtig spielen. Und deshalb kann er vielleicht auch noch keine Freundschaften haben, in denen interagiert wird.

Eines von Willis Lieblingsspielen ist, einem Hund einen Ball zuzuwerfen, den dieser dann zurück bringt. Selbst Hunde, deren Besitzer behaupten, davon würde ihr Hund niemals genug bekommen, haben in der Regel weniger Ausdauer bei dem Spiel als Willi. Leider treffen wir nicht so oft Hunde und Besitzer, die einmal genug Zeit und Lust haben, Willi eine Stunde zu beschäftigen. Für mich ist das immer das Allergrößte, wenn mein Sohn sich für etwas begeistert und ich ihn nicht ständig motivieren muss – und wenn er nicht ziellos umher läuft und mal die eine und dann die andere Sache zur Hand nimmt: für jeweils nur eine halbe Minute, um sie dann wieder fallen zu lassen. Beim Spielen mit einem Hund muss ich nur ab und zu den vollgesabberten Ball aus einem Gebüsch holen oder darauf achten, dass Willi sich nicht auf den Hund wirft: Echte Entspannung also! Mir ist aufgefallen, dass die Hundebesitzer aus der Nachbarschaft uns eher meiden, statt uns ab und zu ihren Hund zum Spielen zu leihen. Es stresst sie, dass der Hund den Tennisball auch einmal an den Kopf bekommt, oder auf den Weg wirft (denn die Steine sind nicht gut für die Pfoten) oder dass Willi einen Stock wirft (denn angeblich ist da Gerbstoff in der Rinde, das ist nicht gut fürs Zahnfleisch). Ich halte so etwas alles für Blödsinn. Mein Gott, das ist ein Hund!

Ein Gebrauchshund?

Was wir für Willi brauchen würden, ist ein echter Gebrauchshund. Es gibt so etwas wirklich. Ein Therapiehund oder ein Behinderten-Begleithund sind Gebrauchshunde. Ich habe mich eine Zeit lang etwas in das Thema eingelesen, da ich den Gedanken hatte, dass Willi vielleicht in einem Therapiehund einen Freund bekommt, der gleichzeitig darauf achten könnte, dass Willi nicht davon läuft und anschlägt, wenn er die Windel voll hat. Wer möchte, dass sein Hund zu einem Therapiehund ausgebildet wird, muss sich darüber klar sein, dass nur der „Klient“ im Mittelpunkt steht, nicht der Hund. Der Hund wird „genutzt“, so wie ein Hirtenhund, der eine Aufgabe für den Menschen erfüllt und bei dem auch kein Schäfer auf die Idee käme, das Wetter wäre zu warm dafür, dass seine Hunde draußen laufen! 

Mir wurde dabei klar, was mich an manchen Hundebesitzern stört: Sie stellen das Wohl ihres Hundes über das meines Kindes. Natürlich haben sie das Recht dazu – aber obwohl ich weiß, dass ich mich damit bei vielen Menschen unbeliebt mache: Ich finde das Wohl eines Kindes ist wichtiger! Deswegen hat es mich immer wahnsinnig genervt, wenn ich von Hundebesitzern auf meine Therapiehund-Überlegungen immer nur „Der arme Hund“-Reaktionen bekam. Tatsächlich haben wir bis jetzt keinen Hund angeschafft. Das aber nicht deswegen, um den Hund zu schonen, sondern weil ein Hund sehr viel Arbeit macht (und mein Mann sagt, er würde ausziehen, wenn noch ein Wesen bei uns einzieht, dass nicht selbst auf die Toilette geht). Ich habe größten Respekt vor der Erziehung eines Hundes, doch selbst ein fertig ausgebildeter Hund (abgesehen davon, dass so ein Hund um die 20.000 Euro kostet) muss weiter konsequent trainiert werden, wofür mir einfach die Zeit fehlt. 

Als wir feststellten, dass Willi sehr gerne vor einem Aquarium die Fische betrachtet, bekam er zu seinem fünften Geburtstag ein Aquarium. Da Fische nicht direkt in die Wohnung kacken und auch sonst nicht nerven, stimmte mein Mann zu. Ja, er wurde sogar zum Aquarium-Zuständigen und meckerte nur alle paar Wochen – immer, wenn er es reinigen musste.

Willi und die Fische

Die Fische amortisierten sich schnell, denn Willi verbrachte die ersten beiden Jahre tatsächlich ziemlich viel Zeit vor seinem Aquarium. Eifrig lautierend scheuchte er die Guppys von einer auf die andere Seite. Da seine größte Freude die Bewegung der Fische war, stieß er gerne mit voller Wucht mit der Stirn gegen das Glas und lachte dann, wenn die Fische davon schreckten. Auch hier habe ich vielfach den blöden Kommentar „Die armen Fische“ hören dürfen. Ich bin vielleicht ein Egoist, aber wenn es meinen Sohn glücklich macht, ist es mir völlig egal, ob sich da 15 Guppys erschrecken oder nicht. Übrigens erschrecken sie sich etwa ab der fünften Generation nicht mehr, was mir ganz lieb war, denn Willi hatte schon einen dauerhaft roten Fleck auf der Stirn und wir immer die Angst, eines Tages würde die Scheibe zerbrechen und sich 70 Liter Wasser auf unser Parkett ergießen. 

Irgendwann interessierte sich Willi nicht mehr für die Fische und so verschenkten wir sie etwa ein Jahr später. Willi schien es gleichgültig.

„Bitte füttern“

Tiere hatten aber weiter auf Willi große Anziehungskraft. Bei der ständigen Suche nach Beschäftigungsmöglichkeiten für Willi war „Füttern“ immer hoch im Kurs. Der Besuch von Wild- und Tierparks ist bei uns ein festes Ritual. Olivia verdreht zwar die Augen, wenn sie hört, dass wir schon wieder in den Wildpark fahren. Aber letztendlich weiß sie auch, dass Mama Zeit hat, mit ihr zu spielen, während Papa mit Willi am Zaun bei den Hirschen steht, wo er einen Apfel nach dem anderen in die Hirsche steckt und sich freut. Olivia interessieren die Tiere eigentlich kaum noch, sie hat sie schon zu oft gesehen. Große Willi-Katastrophen gibt es nur an Tagen, an denen die Ziegen satt sind oder die Hirsche nicht an den Zaun kommen. Dann gehen wir an manchen Tagen im Tierpark einmal durch die Hölle und zurück: Es ist kalt, Willi schreit und schreit und schreit und schlägt und tritt um sich in seiner Trauer, wirft sich auf den Boden in die Pfützen und am besten kackt er sich dann noch in die Windeln, die unter drei Schichten von Strumpf-Joggings- und Regenhosen verborgen sind. Und das Toilettenhaus hat neun Grad, ist eng, nass und hat kein warmes Wasser – und neben mir plärrt meine Tochter, weil ich nicht mit ihr spiele… 

Kaninchen

Im Frühjahr haben wir bei uns zu Hause ein neues Tierexperiment gestartet: Wir haben drei Kaninchen (ja, ich weiß – „die armen Kaninchen“ – aber es sind eben Gebrauchskaninchen). Über ebay-Kleinanzeigen haben wir für zehn Euro einen großen Stall erstanden (er muss groß sein, damit sich die Kaninchen außerhalb von Willis Greifweite aufhalten können), in dem nun drei puschelige Karnickel hocken. Olivia mag sie natürlich auch. Eines gehört ganz offiziell ihr und sie darf es auch ganz artungerecht in einem Puppenbuggy herum schieben. Tagsüber, wenn Willi in der Schule ist, bekommen die Kaninchen kaum zu fressen, denn ihr Lebenszweck ist es, sich von Willi vorne am Gitter füttern zu lassen. Sie beginnen schon zu speicheln, wenn sie Willis Schulbus hören, denn dann startet die Fressorgie. Sie hüpfen sofort nach vorne und warten aufgeregt, dass Willi einen Löwenzahn nach dem anderen durchschiebt! Nach drei Monaten erkläre ich das Kaninchen-Experiment für erfolgreich: Willi geht, seit wir sie haben, gerne in den Garten, ja zieht sogar freiwillig Schuhe an! Er ist intensiv beschäftigt beim Füttern, manchmal auch 20 bis 30 Minuten am Stück! Das schafft sonst nur der Fernseher! Ich kann mit Olivia im Garten spielen, oder Wäsche aufhängen oder Staubsaugen und durch das Terrassenfenster jederzeit sehen, ob Willi noch dort sitzt (und ob er schon wieder das Dach des Stalles aufklappt, weil sich ein Kaninchen vielleicht in den geschlossenen Teil zurück gezogen hat, wo er nun versucht, es wieder heraus zu zerren. Deswegen ist der Deckel jetzt zugeschraubt). Ab und zu gehen wir gemeinsam mit einem Eimerchen Löwenzahn-Pflücken. Es ist ganz neu und herzallerliebst, wie Willi Blättchen abreißt und in den Eimer stopft und ihn dann zu seinen Kaninchen trägt.

Und immer wieder Blasmusik

Natürlich haben wir alle die Kaninchen lieb und wollen sie – so gut es geht – vor Willis grenzenloser Liebe beschützen, aber ich sorge mich nicht, dass es vielleicht nicht artgerecht ist, dass die Kaninchen laut Willis Blasmusik mithören müssen. Zu mir ist das Leben ja auch nicht gerecht, besonders in Sachen Blasmusikbeschallung!

Gemälde zu Vulnerabilität aus der Galerie Tacheles in Gmunden
Portraitfoto Anna Mitgutsch - Foto: Anna Mitgutsch
Denkspuren
Anna Mitgutsch

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Übertriebenes Interesse an sozialen Belangen, Überlegenheitswahn und Egomanie und ein zwanghafter Hang zur Konformität. So beschreibt die Bloggerin Laura Tisoncik auf ihrer Webseite Institute for the Study of the Neurologically Typical eine neurobiologische Besonderheit, die sie das neurotypische Syndrom nennt. „Es wurde noch keine wirkungsvolle Therapie gefunden“, stellt sie lapidar fest. Laura Tisoncik lebt gut mit ihrer Zuschreibung als Frau mit Autismus, indem sie auf ihrer Wahrnehmung der Wirklichkeit als der verbindlichen besteht und die sogenannte Norm als Abweichung definiert.

Gemälde zu Vulnerabilität aus der Galerie Tacheles in Gmunden
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Fachthema
Georg Theunissen

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Seit einigen Jahren gilt das sogenannte Vulnerabilitäts-Stress-Bewältigungsmodell als ein wichtiger Ansatz zur Erklärung von Persönlichkeits- und schizophrenieformer Störungen. Zugleich dient es zur Grundlegung therapeutischer Interventionen und psychoedukativer Unterstützungsmaßnahmen. Angesichts seiner Vorzüge findet der Ansatz auch in der pädagogischen Arbeit mit Menschen Zuspruch, denen neben Lernschwierigkeiten zusätzliche Verhaltensauffälligkeiten nachgesagt werden. Mit dem vorliegenden Beitrag soll aufgezeigt werden, dass der Ansatz ebenso für die Unterstützung von Personen aus dem Autismus-Spektrum fruchtbar sein kann. Hierzu wird zunächst das Thema der Vulnerabilität aufgegriffen. Anschließend geht es um Stress autistischer Menschen und um selbstbestimmte Bewältigungsformen unter Berücksichtigung von Resilienz. Schlussfolgerungen für die Praxis runden den Beitrag ab.

Grafik von Miel Delahaij zu Hochsensible sehen die Welt anders Beitragsbild
Grafik von Miel Delahaij zu Hochsensible sehen die Welt anders Beitragsbild
Report
Patricia Thivissen

Hochsensible sehen die Welt anders

Sie möchten sich am liebsten die Ohren zuhalten, wenn ein Rettungswagen mit Martinshorn vorbeifährt. Nach einem langen Arbeitstag ziehen sie sich zurück und brauchen ihre Ruhe. Dafür spüren sie beinahe hellseherisch schon beim Betreten eines Raums, wenn Streit in der Luft liegt, und werden von ihren Freunden für ihr großes Einfühlungsvermögen geschätzt. Sie gehen gerne in Kunstausstellungen und sind kreativ. Sie lieben die Natur.