Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten

 

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Ohne Titel, 17. Februar 2006 (Sammlung R. J. Fäth, Appolda)

Foto: © Hannes Weigert
Fachthema
Richard Steel

Camphill – das Werden einer Bewegung

Anlass gibt es genug, gerade jetzt den Versuch zu machen, die Geschichte der Camphill-Bewegung und der dahinterliegenden gesellschaftlichen Impulse ihres Gründers – Karl König – in ein kurzes Bild zu bringen. Zum Einen sind am 1. Juni dieses Jahres 75 Jahre seit dem Einzug der kleinen Pioniergruppe in das schottische Gutshaus „Camphill“ vergangen, das den Namen für eine weltweite Bewegung abgeben sollte. Zudem jährt sich zu Ostern 2016 der Tod des österreichischen Arztes, Forschers, Heilpädagogen und Sozial-Gestalters König zum 50. Mal.

Karl König kam aus einem jüdischen Hintergrund: 1902 in Wien – dem damaligen Schmelztiegel der Kulturen – geboren, lagen die Entbehrungen der Vorfahren nicht weit zurück. Die Generation der Großeltern durfte nicht in den Städten leben und kaum einer Profession nachgehen. In dem jüdischen Viertel seiner Kindheit gab es demnach noch viel Armut. Hinzu kamen bald die Wirren des Ersten Weltkriegs und der Zerfall der großen multikulturellen Monarchie, die eine Wiege des modernen europäischen Geisteslebens geworden war. All dies weckte in König früh ein unmittelbares Erlebnis von Mitgefühl und Gewissen. Er sehnte sich nach einem heilenden Tun, nach sozialer Neugestaltung. Seine tiefen Fragen – auch nach Herkunft und Sinn des Lebens – führten ihn bald zum Medizinstudium und über den Goetheanismus zur Anthroposophie. 

Ita Wegman

Schon im Studium fühlte er den Drang, einer Fülle von Fragen, die er nicht an der Universität beantwortet bekam, forschend nachzugehen; ein erstaunlich vielfältiges Schriftwerk und eine lebenslange intensive Vortragstätigkeit begannen – es sind gegenwärtig über 1800 Vorträge dokumentiert. Seine Forschertätigkeit wurde von Ita Wegman, der Leiterin der Medizinischen Sektion der Anthroposophischen Gesellschaft, die die Zeitschrift Natura herausgab, geschätzt und unterstützt. Wegman hatte zusammen mit Rudolf Steiner die Fundamente einer anthroposophischen Erweiterung der Medizin gelegt. 1921 hatten sie eine Klinik und ein heilpädagogisches Heim auf dieser Grundlage in Arlesheim in der Schweiz gegründet – König wurde bald nach seiner Promotion von ihr als Assistent dorthin berufen. Abgesehen von einer reichen Lehr- und Lernphase kam es dort zu seiner ersten und tiefgreifenden Begegnung mit Menschen mit Entwicklungsstörungen. In seinem autobiographischen Fragment schildert er dieses schicksalshafte Erlebnis in eindringlicher Weise. Es war während der Feier für den ersten Adventssonntag mit dem inzwischen zur Tradition gewordenen „Adventsgärtlein“, im abgedunkelten Festsaal des Arlesheimer Heilpädagogischen Instituts „Sonnenhof“, wo es im Verlauf der Feier immer heller wurde:

 

Jedes Kind bekam einen Apfel in die Hand, auf dem ein kleines Kerzlein angeklebt war. Advents- und Weihnachtslieder wurden gesungen und ein Kind nach dem anderen musste versuchen – allein oder geführt – entlang der Spirale aus Moos den kleinen Hügel zu erreichen, um sein kleines Kerzlein an der großen Kerze anzuzünden. Zu sehen, wie jedes einzelne Kind sich mit Ernst und Freude bemühte, diese Aufgabe zu vollbringen, war ein mich zutiefst erschütternder Anblick. Dort stand die große Kerze! An diesem verkündenden Weihnachtslicht sollten die kleinen Kerzlein, die auf dem Sündenapfel befestigt waren, angezündet werden! Und plötzlich wusste ich: Ja, das ist meine zukünftige Aufgabe! In jedem dieser Kinder sein eigenes Geisteslicht so zu erwecken, dass es ihn zu seinem Menschsein führen wird, das ist, was ich tun will.1 

 

Dieses unmittelbare Erlebnis des „Geisteslichtes“, das in jedem Menschen lebt und – ungeachtet der Störungen, die in Leib und Seele vorhanden sein mögen – nicht krank sein kann, wurde zu einem Leitbild der Arbeit, die durch ihn entstand; Heilpädagogik wurde zu einem Suchen nach dem Ewigen des einzelnen Menschen und nach Wegen, dieses Ewige immer mehr zur Wirksamkeit zu bringen. Rudolf Steiner nannte die so verstandene Heilpädagogik anthroposophischer Prägung „Seelenpflege“ – die Seele konkret verstanden als Bindeglied zwischen dem leiblichen Dasein und dem Ewigen des Menschengeistes, der Individualität. Diese Menschen sollten „Seelenpflege-bedürftig“ genannt werden; ein Attribut, das letztlich jedem auf seinem Weg zum Menschsein beigefügt werden könnte. Für König wurde die Realisierung dieses gemeinsamen Weges zu einem Lebensziel, das bis in die sozialen Formen der Camphill-Bewegung wirken sollte.

Tilla Maasberg

Nicht nur die Begegnung mit der Heilpädagogik beeinflusste Karl Königs weiteres Leben, er lernte in Arlesheim auch seine zukünftige Frau Tilla Maasberg kennen, die einen Schwesternkurs besuchte. Mit ihrer Schwester zusammen führte sie in Schlesien ein Kinderheim und lud König dorthin ein, da er regelmäßig zu Vorträgen nach Prag und Breslau fuhr. Da er just im Entscheidungsmoment vor Ort war, wurde er Mitgründer einer der ersten anthroposophischen heilpädagogischen Heime: Pilgramshain; denn eine Mitarbeit in dem Kinderheim der Maasbergs kam für ihn nur mit einer wesentlichen Vergrößerung in Frage. Und genau zu der Zeit bot Joachim Rudolf von Jeetze sein Schloss für eine soziale Initiative an – samt Hof, der bereits nach den von Rudolf Steiner 1924 in Schlesien gegründeten „biologisch-dynamischen“ Methoden geführt wurde. Diesen „Landwirtschaftlichen Kurs“ hatte von Jeetze besucht und eine Forschungsstelle dort aufgebaut. Somit begann aber auch für König der ihm zeitlebens wichtige Zusammenhang von heilender Arbeit für Mensch, Tier und Erde. Tilla Maasbergs Geburtsort, Gnadenfrei, und selbst ihre eigene Familie, waren von den Gemeinschaftsimpulsen der Herrnhuter, der Böhmischen Bruderschaft des Grafen Zinzendorf, stark geprägt. König nahm mit Begeisterung diese Atmosphäre spiritueller Lebens- und Arbeitsformen auf – ein Christentum der Tat und nicht des Bekenntnisses. 

Von 1929 an war König am Aufbau in Schlesien beteiligt, war Heimarzt, Mitglied der Leitungsgruppe, hatte eine stetig wachsende Privatpraxis, machte regelmäßige Vortragsreisen im weiteren Umkreis und führte Tagungen im Namen der Medizinischen Sektion des Goetheanums in den sozialen Brennpunkten Deutschlands und Studientagungen in der Schweiz durch. Diese Tätigkeit brachte ihn mit vielen der forschenden Anthroposophen der damaligen Zeit zusammen, mit denen er an Themen der Medizin, der Heilpädagogik, der Landwirtschaft, der Ernährung und über die sozialen Gegenwartsprobleme arbeitete. 

Rede- und Berufsverbot

Gemeinsam mit Medizinern und Priestern der Christengemeinschaft gründete er 1932 eine „Freie Schule der Sozialen Arbeit“ in Eisenach, die aber ein Jahr später wieder verboten wurde. In Berlin ging es ihm zum Beispiel um Themen wie Arbeitslosigkeit, „die Trübungen der menschlichen Seele“, „Das Heilige in der Menschenseele“ und um die Frage des „lebensunwerten Lebens“ (1934 und 1935) – klare Stellungnahmen in einer gefährlichen Zeit. Trotz Redeverbot und späterem Berufsverbot wollte König so lange wie möglich dem wahren mitteleuropäischen Geist treu bleiben und sich für das Gute und Heilende einsetzen. Schließlich, im Jahre 1936, musste er nach Wien zurück fliehen und 1938 – nach dem Einmarsch der deutschen Truppen – wurde er auf abenteuerlichen Wegen von einer einflussreichen Patientin außer Landes gebracht. Während dieser wenigen Monate aber gelang es König, nicht nur seine Praxis wieder aufzubauen, sondern auch eine Anzahl von jungen Menschen – vor allem jüdischen Hintergrundes – zu einer gemeinsamen Studienarbeit zusammenzuführen; sie für das Wirken im Sinne einer heilenden Gemeinschaft zu begeistern – etwas hinüberzuretten, was in Europa bereits der Zerstörung entgegenging; in aller Bescheidenheit „Kulturinseln“ zu gründen, wo das wahre Wesen des Menschen, des Sozialen und der Erde verstanden und gepflegt werden könnte. Bei ihrer letzten Wiener Zusammenkunft am 11. März 1938 – dem Tag des Einmarsches – versprachen sie einander, eigene Wege aus dem Katastrophengebiet zu suchen, um später einmal wieder zusammen zu finden. König war zunächst in Italien, Frankreich und der Schweiz, stellte Anträge mit Beschreibungen seines Vorhabens in Irland und auf Zypern – denn nicht viele Länder waren offen für die Emigration – und fand keine Aufnahme. Dr. Ita Wegman konnte aber König auf eine Liste von 50 jüdischen Ärzten setzen lassen, die nach England auswandern durften.

Im Advent 1938 kam er in London an. Er wusste nichts über Frau und Kinder, die nach Schlesien zurückgekehrt waren. Er hatte keine Information über die Eltern, die noch in Wien verblieben waren. Im Ungewissen war er auch über seine Freunde: Hatten sie ihre Fluchtwege gefunden? In diesem Zustand schrieb er die folgenden Worte, die die Weite seines Impulses verdeutlichen:

 

Könnten wir nicht ein Stück der wahren europäischen Bestimmung aufgreifen und es in ein Samenkorn verwandeln, so dass etwas von seiner eigentlichen Mission gerettet würde? Ein Stück von seiner Humanität, seiner inneren Freiheit, seiner Friedensliebe und seiner Würde? Wenn dies möglich wäre, hätte es dann nicht wieder Sinn, zu leben und zu arbeiten, sollten wir nicht versuchen, etwas von diesem Europa zu verwirklichen, das jetzt in die Unsichtbarkeit verschwinden musste? Nicht mit Worten, sondern mit Taten zu verwirklichen? Zu dienen und nicht zu herrschen, zu helfen und nicht zu zwingen, zu lieben und nicht zu kränken. Das wird unser Auftrag sein.2 

Durch Freunde von Dr. Ita Wegman konnte König ein kleines altes Pfarrhaus im Norden Schottlands beziehen und seine Familie und nach und nach auch seine Freunde nachholen. So konnte die kleine Gemeinschaft im Beisein der ersten zwei Betreuten – einem Kind und einem Erwachsenen – zu Pfingsten 1939 das Kirkton House feierlich eröffnen.

Camphill

Ohne Finanzierung, mit geschenkten Kartoffeln und mit dem, was sie selbst in dem rauen Klima anbauen konnten, wuchs die bescheidene, aber von Idealen getragene therapeutische Arbeit. Obwohl die Männer alle während des Zweiten Weltkriegs einige Monate (manche sogar mehrere Jahre) als „enemy aliens“ interniert wurden, wagten die tapferen Frauen den Umzug in ein vom Verleger Macmillan zur Verfügung gestelltes Gutshaus mit großem Gelände. Das Gut hieß „Camphill“. Als König im Herbst 1940 wieder frei war, erforschte er die Geschichte des Ortes und entdeckte, dass diese Gegend die letzte Wohnstätte des Templerordens gewesen war, der im Mittelalter in Europa sonst ausgelöscht worden war. Da die Gruppe gerne innerlich an die frommen Gemeinschaftsideale der Tempelritter anschließen wollte, wurde dieser Name auf die später sich ausbreitende Bewegung ausgeweitet. Das Leben in den ersten Jahren der therapeutischen Gemeinschaft, das sich äußerlich wie innerlich von den Kriegswirren abzusetzen hatte, war fast so entbehrungsreich wie in einem Orden, bis der Weg zu einer modernen und offenen Gemeinschaftsbildung gefunden werden konnte. 

Der Gründergruppe war es ein Anliegen, das eigene Leben mit den hilfebedürftigen Kindern und – später dann – auch Erwachsenen zu teilen, dieses Leben ganzheitlich zu gestalten im Sinne einer therapeutischen Gemeinschaft, aber auch im Sinne eines „Gesamtkunstwerkes“. Dabei spielten die Künste eine große Rolle – von Architektur und Design über die künstlerisch-rhythmische Gestaltung des Alltags bis hin zum regen kulturellen Leben und der Durchdringung des Schulunterrichts in Anlehnung an den Waldorflehrplan. Künstlerische Therapien wurden intensiv eingesetzt; Musik, Sprache, Schauspiel und Heileurythmie, aber auch neue Formen entwickelt, die heute noch praktiziert werden: „Hörraum-“ und Farbschatten-Therapien, Spieltherapie und Bewegungsübungen für die Sprachanbahnung. Das religiöse Leben und das Feiern der Jahresfeste waren wichtige Elemente und König schrieb Bühnenstücke, die in gewisser Weise an die Traditionen der Mystery Plays und Pageants anschlossen,die in England entstanden waren und sich im Mittelalter über ganz Europa ausgebreitet hatten. 

Von Anfang an waren die Pflege des Landes, die Arbeit mit Tieren und die gesunde Ernährung wichtige Bestandteile des Gemeinschaftslebens. Ab 1943 gestaltete König Tagungen, die immer wieder auch gemeinsam mit der Bewegung für biologisch-dynamischen Anbau durchgeführt wurden.3 1945 wurde in Schottland das Gut Newton Dee erworben. Thomas Weihs, der ein Mitglied der Wiener Jugendgruppe gewesen war und inzwischen seinen Medizinabschluss in der Schweiz gemacht hatte, übernahm die Landwirtschaft – gemeinsam mit Jugendlichen, die aus therapeutischen Gründen dort mitarbeiten und lernen sollten. Die Bilder, die die bedeutende Fotografin Edith Tudor Hart in Zusammenhang mit einem großen Artikel für die „Picture Post“ gemacht hat, sind recht bekannt geworden.4

 

Ab 1940 wurden alle Kinder – auch die der Mitarbeiterfamilien – nach Waldorfschul-Methoden in einer gemeinsamen Schule unterrichtet. Später war diese Inklusion auf jeden Fall im Kindergartenalter üblich, obwohl das bis heute in den meisten Ländern so nicht staatlich vorgesehen ist – denn die heutige „Inklusion“ ist nur in einer Richtung gedacht.

Eine Idee sorgt für Furore

Eine erste Ausweitung der Arbeit in Schottland erfuhr die kleine Gruppe, als nach dem Krieg immer mehr interessierte Menschen aus Deutschland, Österreich und Holland hinzustießen und dazu die neuartige Gemeinschaft in Großbritannien bekannt wurde und Elterninitiativen nach Hilfe riefen. Im Süden Englands begann ein Kinderdorf, wo – wie in Schottland – alle die Schule besuchen durften, was damals in ganz Europa noch lange nicht üblich war. Die landwirtschaftliche und auch handwerkliche Arbeit mit den Jugendlichen in Newton Dee führte zu der Frage, was mit den jungen Erwachsenen geschehen soll. In Botton, North Yorkshire, begann dann – auch durch Vermittlung der einflussreichen Macmillan-Familie, deren Sohn die Schule in Schottland bereits absolviert hatte – die erste Camphill-„Dorfgemeinschaft“, die inzwischen weltweit Siedlungen mit Dorf-Charakter angeregt hat, wo Erwachsene mit verschiedensten Begabungen und Behinderungen zusammen leben, arbeiten und ein eigenes kulturelles Leben entfalten. Abgesehen von der Auswirkung auf andere Gründungen sind seither mehr als 100 solche Camphill-Gemeinschaften in 24 Ländern und auf vier Kontinenten entstanden, die sich auf diese gemeinsame Wurzel beziehen und den Kontakt untereinander pflegen. Eine übergeordnete Organisation oder zentrale Führung gibt es bis heute nicht, sondern freie Formen der Zusammenarbeit über die Länder-, Sprach- und Kulturgrenzen hinweg. Unterschiedliche Arbeitsgebiete ergaben sich je nach lokalen Notwendigkeiten und Bedingungen: Waren die ersten Siedlungen im ländlichen Bereich, so gibt es heute auch viele im städtischen; es gibt Tagesschulen und Stadtgemeinschaften, wo die Wohnstätten in einem größeren Umkreis innerhalb eines Ortes verteilt sind; es gibt Jugend-Dörfer, Alten-Betreuung und andere soziale Aufgaben.

König war es wesentlich, dass dieser Kulturimpuls nach den Kriegsjahren langsam in Mitteleuropa Fuß fassen konnte – vor allem die Dorfgemeinschafts-Idee. Als die zweite Schule am Bodensee, Föhrenbühl bei Heiligenberg gegründet wurde, beschloss er, wieder den Schritt zurück nach Europa zu tun – an seinem letzten Geburtstag im September 1965 eröffnete er die erste Camphill-Dorfsiedlung auf dem europäischen Festland, den Lehenhof.

Tod zu Ostern 1966

Karl König selbst war es noch möglich, diesen Impuls der inklusiven Gemeinschaft nach dem Westen zu tragen: in die USA, wo durch seine Reisen zu Elterngruppen sowohl eine Schule als auch eine Siedlung mit Erwachsenen gegründet werden konnten. Doch König hoffte auf den weiteren Schritt ins „Herz“ Europas – in seine geliebten Gegenden in Österreich, Mähren und Böhmen – und hatte schon Reisen nach Budapest und Prag unternommen. Sein Tod zu Ostern 1966 beendete jedoch zunächst diesen starken Drang nach Osten. Erst in den Jahren nach seinem Tod entstanden Camphill-Siedlungen in Schlesien (Polen), Österreich (Kärnten) und in Böhmen – direkt neben Theresienstadt, wo während der schottischen Gründerjahre viele seiner Verwandten und Freunde ihren Märtyrerweg gegangen waren. Und erst in den letzten Jahren sind Camphill-Initiativen weiter im Osten zustande gekommen: in Indien, Vietnam, Japan, Korea und Sri Lanka.

 

Der Exil-Wiener Karl König hat einige Versuche unternommen, die Geschichte der Heilpädagogik im Zusammenhang mit der Gesellschaftsentwicklung darzustellen. Daraus wird deutlich, wie er diese Arbeit im großen Kontext und als eine weitgefasste gesellschaftliche Aufgabe gesehen hat. Immer wieder machte er darauf aufmerksam, dass Menschen mit besonderem Hilfebedarf nicht nur Hilfe-Empfänger sind, nicht nur Klienten einer Dienstleistungsindustrie, sondern genauso einen wichtigen Beitrag leisten, anderen Menschen etwas bedeuten und darüber hinaus bestimmte Aufgaben auf sich nehmen, die sonst unserer Gesellschaft abhanden kommen würden: Aufgaben, die mit der allgemeinen Menschlichkeit engstens zu tun haben. 

Vermächtnis an die Camphill-Bewegung

Diese gemeinsame Aufgabe war es, die das Leben der Camphill-Gemeinschaften erfüllen sollte. Er sah dies angezeigt durch die historische Stellung der Heilpädagogik, so wie sie durch die Anthroposophie verstanden werden kann, und erachtete es nicht als zufällig, dass das erste Lehrbuch der Heilpädagogik in Wien erschien – und zwar im Geburtsjahr von Rudolf Steiner, 1861.5 Im Jahre 1965, ein Jahr vor seinem Tod, schrieb König einen solchen Aufsatz, der als eine Art Vermächtnis an die Camphill-Bewegung verstanden werden kann, die noch stark in der Phase der Ausweitung begriffen war. Dort prägte er den wichtigen Satz:

 

Allumfassend aber ist Heilpädagogik nicht nur Wissenschaft, nicht nur praktische Kunst, sondern menschliche Haltung.

 

Aber wie sah König die Bedeutung dieser Heilpädagogik? In jenem Aufsatz finden wir die Formulierung:

 

Wir müssen nur die Idee der Heilpädagogik weit genug fassen, um ihrer wahrhaften Bestimmung ansichtig zu werden [….] Sie will zu einer weltweiten Tätigkeit werden, um der überall entstandenen „Bedrohung der Person“ [hier zitiert König das Buch des ihm persönlich gut bekannten Wieners Hans Asperger: „Heilpädagogik“, Wien 1952. RS.] hilfreich entgegenzutreten. Die „heilpädagogische Haltung“ muss in jeder sozialen Arbeit, in der Seelsorge, in der Betreuung der Alten, in der Rehabilitation [….], in der Führung der Waisen und Flüchtlinge, der Selbstmordkandidaten und Verzweifelten, aber auch in der Entwicklungshilfe, im internationalen Friedenskorps und ähnlichen Bestrebungen sich zum Ausdruck bringen.

 

Sieht man die Probleme, vor die uns das Leben heute stellt, kann man ahnen, dass Karl König die von ihm gemeinte Heilpädagogik gerne für diese Aufgaben vorbereitet hätte – und er hat sicher sein Bestes dafür getan. König schließt den Aufsatz mit den Worten, die keinesfalls an Relevanz verloren haben:

 

Das ist die einzige Antwort, die wir heute – insofern wir noch Menschen sein wollen – einer am Abgrund tanzenden Menschheit entgegenstellen können.6

 

In seinem letzten Lebensjahr hatte König die Hoffnung ausgesprochen, dass – im Sinne der Goetheschen „pädagogischen Provinz“ – um die Camphill-Schulen herum weitere Initiativen entstehen: Ausbildungsbetriebe, vor allem in der Landwirtschaft, eine Kinderklinik und ein Altersheim; in der an seinem letzten Geburtstag eröffneten Camphill-Dorfgemeinschaft Lehenhof am Bodensee hoffte er eine Arbeit für seelisch kranke Menschen entstehen zu sehen; er war unermüdlich im Reisen und Beraten, wo sein Rat gefragt war: in Kliniken, Schulen und Universitäten, und wollte besonders gerne auf Bedürfnisse im Osten Europas eingehen. Sein früher Tod machte dies nicht mehr möglich. 

Heute haben sich manche Initiativen in diesem Sinne aus der Camphill-Bewegung heraus entwickelt – in der Altenpflege, in der Suchttherapie, mit traumatisierten Kindern, mit Flüchtlingen – und es ist zu hoffen, dass sich vieles weiterentwickeln wird. 

Hohes Ideal der Inklusion

Viele Fragen stehen heute vor einer Bewegung, die eine solch reiche Tradition hat; vieles hat sich in der sozialen Arbeit und in der Sozialpolitik geändert – vieles im Namen des Fortschritts, nicht aber alles zum Vorteil der Schwächsten. Das hohe Ideal der Inklusion setzt voraus, dass in etwas, was als richtig und erstrebenswert angesehen wird, inkludiert (einbezogen) werden kann. Es darf wohl hinterfragt werden, ob eine Gesellschaft überhaupt eine inklusive genannt werden kann, die entscheiden will, welche Menschen geboren werden sollen und keine Kriterien mehr hat, nach denen der Weg aus diesem Leben heraus gestaltet werden kann. Vielfach werden die Fragen der Menschenwürde und der Menschenrechte durch die schleichende Verwirtschaftlichung einer Dienstleistungsindustrie verschleiert. 

 

Die Camphill-Bewegung steht heute vor einer Reihe von Fragen; es sind Fragen, vor denen die soziale Arbeit im Allgemeinen steht, Fragen, die uns allen als Gegenwartsmenschen angehen. In einem Forschungspapier, das gerade von der „Centre for Welfare Reform“ in Großbritannien veröffentlicht wurde, kommt Robin Jackson zu dem Schluss: Es besteht das Risiko, dass die Makro-Institutionalisierung des 19. Jahrhunderts – eine berüchtigte Episode in unserer Sozial-Geschichte – im Begriffe ist, durch eine ebenso beschämende Mikro-Institutionalisierung ersetzt zu werden.7(Und wenn Jackson „unsere“ Sozial-Geschichte anführt, so meine ich, dass nicht alleine Großbritannien der Prozesseigner sein kann!)

„Es ist normal, verschieden zu sein“

Wenn wir es ernst meinen mit dem Gerechtwerden gegenüber den Rechten von individuellen Menschen, müssen wir wohl mit der Originalität eines jeden Einzelnen rechnen und die Worte des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker (1.7.1993) ernstnehmen: Es ist normal, verschieden zu sein – dann muss es aber eine ebenso große Vielfalt von sozialen Möglichkeiten geben.8

Mit der Gründung und Entwicklung der Camphill-Dorfgemeinschaften wollten König und seine Mitarbeiter exemplarisch etwas schaffen, was man wohl eine „umgekehrte Inklusion“ nennen könnte – eine Umgebung, die jedem einzelnen Mitlebenden nicht nur dient, sondern im Sinne der Seelenpflege-Bedürftigkeit heilend helfen kann. Anders gesagt: Eine ganzheitliche therapeutische Gemeinschaft, die das bietet, was jemand mit Behinderung braucht, wird eine Umgebung sein, in die der Mensch überhaupt zu seinem Vorteil hinein inkludiert werden kann. In diesem Sinne sollte die „Sozialtherapie“, weit genug gefasst, eine Therapie für das Soziale sein – für die Gesellschaft.

Der Bedarf ist wohl nicht gedeckt.

Mir scheint, dass es von Belang wäre, die Studien Königs zur parallelen Entwicklung der Heilpädagogik, der sozialen Arbeit überhaupt und der allgemeinen Gesellschaft in ihrem Wertewandel kritisch fortzusetzen. 

Fußnoten

1 Peter Selg (Hrsg.): Karl König – Meine zukünftige Aufgabe: Autobiografische Aufzeichnungen und lebensgeschichtliche Zeugnisse, Stuttgart 2008.

2 Selg, a.a.O., Stuttgart 2008, S. 56.

3 Siehe auch Karl König: Landwirtschaft und Gemeinschaft, Stuttgart 2010.

4 Edith Tudor Hart: A School where Love is a Cure, 30. April 1949, „Picture Post“, Britisches Pionier-Magazin des Photojournalismus.

5 Jan Daniel Georgens und Heinrich Marianus Deinhardt: Die Heilpädagogik mit besonderer Berücksichtigung der Idiotie und der Idiotenanstalten. Band I. 

6 Peter Selg (Hrsg.): Karl König: Das Seelenpflege-bedürftige Kind, Stuttgart 2008, S. 41 ff.

7 Die Worte Jacksons im Original: „There is a risk that the macro-institutionalisation of the 19th century, a notorious episode in our social history, is in the process of being replaced by an equally shaming process of extensive micro-institutionalisation.“ In: Who Cares? The Impact of Ideology, Regulation and Marketisation on the Quality of Life of People with an Intellectual Disability. download: http://www.centreforwelfarereform.org/uploads/attachment/449/who-cares.pdf.

8 Zu diesem Thema siehe auch Richard Steel: Es ist normal, eine Minderheit zu sein: Behinderung, Gesellschaft und Gemeinschaft. In: Kurt E. Becker (Hrsg.): Minderheiten in Deutschland, Worms 2011.

 

Richard Steel

Richard Steel wurde 1952 in Oxford, England, geboren. Nach dem Studium der Sprachwissenschaften absolvierte er 1975 das Camphill-Seminar für Heilpädagogik in der Schulgemeinschaft Föhrenbühl am Bodensee, wo er anschließend mit seiner Familie in einer Hausgemeinschaft mit Seelenpflege-bedürftigen Kindern und Jugendlichen bis 2008 lebte und arbeitete. Unter anderem war er in der Werk-(Ober-)stufe und im Camphill-Seminar unterrichtend tätig und inszenierte viele der Spiele Karl Königs für die Jahresfeste. Seit August 2008 ist er für den Nachlass Karl Königs mit verantwortlich und baute das Büro des Archivs in Berlin auf. Neben der freien Tätigkeit als Vortragender und Publizist ist er für die neue Karl König-Werkausgabe (zweisprachig) zuständig. 2011 Mitgründer des Internationalen Karl König Instituts für Kunst, Wissenschaft und soziales Leben in Berlin. Vorträge und Seminare zu vielen Themen um Königs Leben und Werk, vor allem zu Kaspar Hauser, dem er seinen ersten Gedichtband widmete. Seit November 2014 ist er am Aufbau einer Camphill-Lebensgemeinschaft mit älteren Menschen in New York State beteiligt.

 

www.karl-koenig-archive.net

www.karl-koenig-institute.net

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Report
Silke Engesser

Waldorfschule Emmendingen – eine Schule für alle Kinder!

„Es ist normal, verschieden zu sein“: Unter diesem Motto lernen seit fast 20 Jahren Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam an der Waldorfschule Emmendingen. Bis heute ist sie die einzige staatlich anerkannte integrative Schule in Baden-Württemberg. Die Verleihung des Jakob Muth-Preises für inklusive Schule ist nur ein Indiz dafür, dass dieses Motto hier auch wirklich gelebt und umgesetzt wird.

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Essay
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Mein Sohn Willi besucht eine ganz exklusive Waldorf-Förderschule

Als ich im Jahr 2007 mein erstes Kind bekam, war ich mir nicht bewusst gewesen darüber, dass ich an dieses Kind Erwartungen hatte. Erst als wir erfuhren, dass unser Sohn das Down-Syndrom hatte, platzte der mir nicht bewusste Traum vom ganz normalen Leben mit einem ganz normalen Kind. Der Schmerz über diesen Verlust war groß und nur mein kleines Baby mit seinen weichen Wangen konnte mich trösten. Wir gaben ihm den Namen Willi und wir wollten ihn so nehmen, wie er war.