Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten

 

Kinder mit unterschiedlichen Hautfarben sitzen am Mittagstisch und lachen fröhlich in die Kamera. Foto: Linda Jordan

Vielfalt beim Mittagessen an einer Schule in Newham.

Foto: Linda Jordan
Schulentwicklung mit Erfolg
Fabian van Essen

Die Newham Story: Schulische Inklusion seit den 1980er Jahren

Newham ist ein Bezirk im Londoner Osten, der 1964 aus den von der „working class“ geprägten Stadtteilen East und West Ham hervorgegangen ist (und in dem heute ca. 350.000 Personen leben). Die Labour Partei war in diesem Teil Londons traditionell sehr stark und hat sich den benachteiligten Bürgerinnen und Bürgern als besonders verpflichtet verstanden (Jordan & Goodey 2002, 12). Wichtiger Wegbereiter für Inklusion in Newham war der Warnock Report (Warnock 1978), in dem unter anderem empfohlen wurde, dass Kinder und Jugendliche mit special educational needs vorzugsweise in Mainstream Schools (Regelschulen) unterrichtet werden sollten: „This recommendation became interpreted by some parents and lobby groups as a call to end all segregation of pupils with special educational needs“ (Evans 1999, o.S.).

So waren es vor allem politische Kampagnen sowie rechtliche Auseinandersetzungen von Eltern von Kindern mit Behinderung, die in Newham das weitgehende Ende der Segregation vorangetrieben haben (Jordan & Goodey 2002, 16). Das blieb nicht unbemerkt: Etliche Familien aus anderen Stadtteilen sind nach Newham gezogen, weil sie sich davon einen Platz an einer Regelschule erhofft haben. 

1986 erhielten die Bemühungen um schulische Inklusion sodann eine konkrete politische Grundlage durch die Integration Policy des Newhamer Bezirksrats, in der es u.a. heißt: „The Council believes that segregated special education is a major factor causing discrimination. We therefore believe that de-segregating special education is the first step in tackling prejudice against people with disabilities” (Jordan & Goodey 2002, 18). 

Visionäre Steuerungsgruppe

Im Frühjahr 1987 wurde eine Steuerungsgruppe eingerichtet, um die ersten Schritte in Richtung De-Segregation vorzubereiten und umzusetzen. Dazu gehörte unter anderem, an allen Regelschulen des Stadtteils für Inklusion zuständiges Personal zu benennen (zum Beispiel Beratungslehrer oder Inklusionsbeauftragte) sowie Inhouse-Schulungen zur Identifikation von sonderpädagogischem Förderbedarf in allen Regelschulen zur höchsten Fortbildungspriorität zu machen (Jordan & Goodey 2002, 19). Diese Steuerungsgruppe hat eng mit der Schulbehörde zusammengearbeitet, die zeitgleich den Prozess begleitet sowie neue politische Richtlinien erarbeitet hat. Zudem wurden zusätzliche finanzielle Ressourcen zur Verfügung gestellt; dies betraf vor allem Sekundarschulen, die erhebliche ökonomische Anreize erhalten haben (Jordan & Goodey 2002, 19).

Schließung von Sonderschulen

Am Ende des Jahres 1987 standen damit den Regelschulen erste Strukturen für die Aufnahme von Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf zur Verfügung. Das bedeutete, dass nun mit der Schließung von Sonderschulen begonnen werden konnte. Während die Steuerungsgruppe dies möglichst schnell vorantreiben wollte, bestand die Schulbehörde darauf, eine Schule nach der anderen zu schließen. Darauf ließ sich die Steuerungsgruppe ein, weil eine gute Kooperation mit der Behörde als unerlässlich empfunden wurde. Die Auswahl der ersten Schule – einer Sonderschule für Jugendliche mit dem Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung – fiel leicht, da die Schule vor erheblichen Schwierigkeiten stand, unter anderem weil die langjährige Schulleitung ihre Tätigkeit dort beendet hatte und die Schulkultur von niedriger Moral geprägt war (Jordan & Goodey 2002, 20). Die personellen Ressourcen der Sonderschule wurden in ein Team umgewandelt, das alle aufnehmenden allgemeinen Sekundarschulen dabei unterstützen sollte, mit der neuen Schülerschaft umzugehen. Die Schulen waren zunächst entsetzt, obwohl sie jeweils nur drei oder vier Jugendliche aufnehmen sollten: „This was an example of the damage that segregation does to a community. There were images of hundreds of disturbed youngsters storming over the walls to wreak havoc” (Jordan & Goodey 2002, 20). 

Tatsächlich hat die Aufnahme der wenigen Schülerinnen und Schülern gut funktioniert und dazu beigetragen, dass die entsprechenden Schulen ihren Unterricht stärker individualisiert haben.

Widerstände und Stolpersteine

Weitere Widerstände, Widerwille und Stolpersteine begleiteten den gesamten Schließungsprozess. So kam es beispielsweise vor, dass die Schülerinnen und Schüler einer vorherigen Sonderschule mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung räumlich vollkommen separiert im Gebäude einer Regelschule unterrichtet wurden – wie in einer Quasi-Sonderschule. Dies dauerte jedoch nur ein Schuljahr an, was vor allem der kontinuierlichen Moderation durch die Steuerungsgruppe sowie der Bereitstellung von zusätzlichen Ressourcen zu verdanken war (Jordan & Goodey 2002, 20).

Auch etliche Eltern von Kindern mit Behinderung waren sehr besorgt, dass ihre Kinder in den Regelschulen nicht vernünftig gefördert werden könnten. Diese Sorge der Eltern war der Ausgangspunkt der Schaffung sogenannter „resourced schools“. Darunter sind einzelne Regelschulen als Schwerpunktschulen zu verstehen, die auf einen bestimmten Förderschwerpunkt spezialisiert sind. Von der Steuerungsgruppe wurde dies als inkonsequent („a half-way house“) angesehen, jedoch dennoch vorangetrieben, um den Eltern ihre Ängste zu nehmen.

Die Sorgen und Widerstände von Regelschullehrkräften und Eltern zeigten, dass der Prozess der Schließung der Sonderschulen mit erheblichen Herausforderungen verbunden war. So dauerte es auch fünf Jahre von der Verabschiedung der neuen Integration Policy bis zur Schließung der ersten beiden Sonderschulen. Insgesamt wurde im Zeitraum 1986, dann jedoch beeindruckend schnell bis 1994 nach entsprechender politischer Vorarbeit die Anzahl von Sonderschulen in Newham von acht auf zwei reduziert, eine weitere wurde 1999 geschlossen. Die Anzahl der segregiert beschulten Kinder und Jugendlichen sank von 913 im Jahr 1984 auf 94 im Jahr 2002 (Jordan & Goodey 2002, 6). Seit den 1980er Jahren und bis heute gilt Newham in Großbritannien als viel besuchter Vorzeige-Bezirk im Kontext von schulischer Inklusionsentwicklung. Dabei ging es von Anfang an nicht darum, Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf „fit zu machen“ für die Regelschule, sondern um eine Transformation der gesamten bezirklichen Schullandschaft in Richtung Inklusion (Jordan & Goodey 2002, 6). 

Schulleistungen verbessert

Damit wurde in Newham ein fundamentaler Schulentwicklungsprozess vollzogen. In den Jahren 1986 bis 2002 haben sich dabei die Schulleistungen der Kinder und Jugendlichen mit special educational needs drastisch verbessert; zudem gibt es keinen Beleg dafür, dass die Schulleistungen der Schülerinnen und Schüler ohne sonderpädagogischen Förderbedarf in Mitleidenschaft gezogen worden wären (Jordan & Goodey 2002, 7). 

Dieser kurze Rückblick auf die Entwicklungen in Newham zeigen, dass einiges zusammengekommen ist, damit der beschriebene Transformationsprozess stattfinden konnte. Dazu gehörte eine spezifische politische Ausgangslage, verärgerte und engagierte Eltern, eine zielstrebige und visionäre Steuerungsgruppe, eine kooperierende Schulbehörde sowie mutige Schulleitungen. 

Literatur

Evans, J. (1999): The Impact of the SEN Tribunal on Policies and Practices in Special Education. Paper presented at the British Educational Research Association Conference, University of Sussex, at Brighton, 2-5 September 1999. Online verfügbar unter: http://www.leeds.ac.uk/educol/documents/000001082.htm (11.092019).

Jordan, L. & Goodey, C. (2002): Human Rights and School Change: The Newham Story. Herausgegeben vom Centre for Studies on Inclusive Education. 

Warnock, H. M. (1978): Special Educational Needs. Report of the Committee of Enquiry into the Education of Handicapped Children and Young People. London: Her Majesty’s Stationery Office. Online verfügbar unter: http://www.educationengland.org.uk/documents/warnock/warnock1978.pdf (10.09.2019).

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Willis Insiderwissen
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Kommentare

Manchmal wünschte ich, ich könnte in die Köpfe der Menschen schauen. Was denken unsere Nachbarn über uns? Über das ewige laute Schreien von Willi – sei es nun aus Freude oder Unmut. Was denken sie über die ewig gleichen Anweisungen, die wir Willi zurufen? Nervt es sie so sehr wie uns manchmal?

Ein Vater trägt sein Kleinkind in Tragegurten an der Brust und schaut von einer Anhöhe auf Bäume und Berge. Foto: Fabian Sixtus Körner
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