Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten

 

Thema der Ausgabe 4/5/2019:

Lernen unter erschwerten Bedingungen

„Jeder Mensch will lernen!“
(Josef Fragner, Chefredakteur)

 

Intro:

Josef Fragner, Chefredakteur

Lernen unter erschwerten Bedingungen

Es ist eine Freude, Kinder zu beobachten, wie sie bei jeder Gelegenheit lernen wollen. Manchmal scheint diese Begeisterung, die Welt zu entdecken, verschüttet, ja versiegt zu sein. Bei der Frage, wie Lernen wirklich funktioniert, machen sich oft einfache, triviale Vorstellungen breit, noch mehr bei Lernschwierigkeiten. Doch es sind meist individuelle, biographische Faktoren, welche die einzelnen Lernbiographien stärker beeinflussen als Intelligenz und Begabung. Jeder Mensch will – trotz mancher Hürden – lernen, wenn er die für ihn passende Gelegenheit dazu bekommt. Dafür ist unser herkömmliches Bildungssystem gerade bei Schwierigkeiten zu allgemein, zu eng, zu strukturell und berücksichtigt zu wenig die biographischen Lebenslagen. 

Gotthilf G. Hiller veranschaulicht dies an Rasin, einem jungen Syrer, der sich trotz großer Anstrengungen ungerecht behandelt fühlt. Hiller weiß aufgrund seiner enormen Lebenserfahrung, dass Jugendliche auch unter schwierigen Bedingungen immer wieder für positive Überraschungen gut sind, wenn wichtige Personen an sie glauben. Sein solidarisches Eintreten für Rasin perlt aber kalt am System ab. 

Nach Oliver Hechler kann Pädagogik nur als praktische Wissenschaft ihr volles Potential ausschöpfen und gesellschaftlich Geltung beanspruchen. Erst vom Individuum aus betrachtet gewinnen verschiedene Heterogenitätskategorien persönliche Bedeutung und pädagogisch-professionelle Relevanz. Kümmert euch also um die Individualität der Kinder und macht keine kausalen Kurzschlüsse wie Armut = Schulversagen!

Auch Stephan Ellinger geht in seinem Beitrag „Differenz macht dumm“ der Frage nach, wie aus sozialer Differenz, die an sich kein Lernhindernis darstellt, individuelles Schulversagen wird. Oft setzt ein unseliger Prozess ein, der die einen als dumme, die anderen als erfolgreiche Schüler entlässt. Dabei baut unser Schulsystem soziale Ungleichheit nicht nur nicht ab, sondern unterstreicht sie sogar, weil Lernen oft emotionslos bleibt und keine positive Resonanz beim Schüler erweckt.

Andreas Möckel weist darauf hin, wie Heil-Pädagogik schon frühzeitig versuchte, in Unordnung geratene Erziehung wieder in Ordnung zu bringen. Dabei ging es immer um neue Wege in der Erziehung. Die Geschichte zeigt uns auch, dass staatliches Recht zugleich Unrecht sein und Kinder verletzen kann. Wir sollten nicht aufhören, viele, schon bekannte Vorschläge so lange immer wieder vorzubringen, bis sie Gehör finden. 

Ulf Algermissen arbeitet mit Lerngeschichten. Kinder werden beim Lernen und Spielen beobachtet, ihre Handlungen werden dann dicht und nachvollziehbar beschrieben und den Kindern als orientierender Impuls wiedererzählt. Dies eröffnet Wege, „mit Kindern gemeinsame Sache zu machen“. 

Vieles von dem, was wir über unser Gedächtnis wissen, ist lückenhaft. Erwin Breitenbach macht uns vertraut, wie unser Gedächtnis funktioniert. Es gibt kein schlechtes oder gutes Gedächtnis, sondern nur einzelne Prozesse, die besser oder schlechter funktionieren. Und jeder benutzt seine eigenen Strategien, weil er aus Erfahrung weiß, dass er so am schnellsten lernt.

Stephan Ellinger und Pierre Walther belegen durch ihre Forschungen, dass Neurofeedback auch in schulischen Settings eine wirksame Methode darstellen kann, Aufmerksamkeit und Konzentration zu verbessern. Diesen Chancen sollte sich Schule, auch als Präventionsprogramm, nicht verschließen.

Was können Sonderpädagogen tun, dass ihre Schüler vom digitalen Klimawandel profitieren und nicht noch weiter abgehängt werden, damit beschäftigen sich Pierre Walther und Holger Wilhelm. Es gibt durchaus motivationale Faktoren und kompensatorische Maßnahmen durch digitale Medien.

Wir starten ab diesem Heft eine neue Kolumne mit Michael Wahl. Er schildert den Moment, wie aus seiner starken Sehbehinderung plötzlich Blindheit wird. Die Dunkelheit dieser Stunden wird erhellt durch das Vertrauen und den Halt, den er durch seine Freunde bekommt. 

Dieses Heft kuratierte Stephan Ellinger. Er initiierte das Schwerpunktthema, motivierte Autorinnen und Autoren zum Schreiben, feilte bis zuletzt am Ergebnis, das Sie in Ihren Händen halten. Es war eine fruchtbare, bereichernde und schöne Zusammenarbeit. Sie werden es sicherlich beim Lesen bemerken.

Josef Fragner, Chefredakteur

 

Leseproben:

Mehrfärbige Darstellung eines Schiffes am Wasser von Harald Schulth
Porträtfoto von Stephan Ellinger, Foto: privat
Fachthema
Stephan Ellinger

Differenz macht dumm

Soziologische Dimensionen schulischen Lernversagens

Strukturgebend ist die Frage, wie aus überindividueller Heterogenität individuelles Schulversagen wird. Regelmäßig zeigen Statistiken, dass Anderssein nach wie vor auch dann Prädiktor Nummer 1 für schulisches Lernversagen ist, wenn sich damit nicht eine Intelligenzminderung oder geistige Behinderung verbindet. Soziale Differenz stellt an sich im Lernen kein Hindernis dar, führt aber – so die These dieses Beitrags – unter bestimmten Umständen zur Benachteiligung der einen und zur Bevorzugung der anderen Schülerinnen und Schüler durch die Lehrkräfte. Am Ende eines unseligen Prozesses gelten dann die einen als dumm, schulversagend und lernbeeinträchtigt – und die anderen als erfolgreiche Lerner, Absolventen und gute Schüler.

Sofi sitzt im Freien in einer freistehenden Badewanne, ein Pferd steht daneben und trinkt aus der Badewanne.
Sofi sitzt im Freien in einer freistehenden Badewanne, ein Pferd steht daneben und trinkt aus der Badewanne.
Fotoessay
Snezhana von Büdingen

Begegnung mit Sofie

In ihrer Serie „Begegnung mit Sofie“ zeigt Snezhana von Büdingen das Leben der mittlerweile 20 Jahren alten Sofie mit Trisomie 21. Geboren in einer deutschen Auswandererfamilie in Dänemark lebt Sofie seit acht Jahren mit ihren Eltern und ihrem Bruder auf einem kleinen Gutshof im Osten Deutschlands.

Kinder mit unterschiedlichen Hautfarben sitzen am Mittagstisch und lachen fröhlich in die Kamera. Foto: Linda Jordan
Kinder mit unterschiedlichen Hautfarben sitzen am Mittagstisch und lachen fröhlich in die Kamera. Foto: Linda Jordan
Schulentwicklung mit Erfolg
Fabian van Essen

Die Newham Story: Schulische Inklusion seit den 1980er Jahren

Newham ist ein Bezirk im Londoner Osten, der 1964 aus den von der „working class“ geprägten Stadtteilen East und West Ham hervorgegangen ist (und in dem heute ca. 350.000 Personen leben). Die Labour Partei war in diesem Teil Londons traditionell sehr stark und hat sich den benachteiligten Bürgerinnen und Bürgern als besonders verpflichtet verstanden (Jordan & Goodey 2002, 12). Wichtiger Wegbereiter für Inklusion in Newham war der Warnock Report (Warnock 1978), in dem unter anderem empfohlen wurde, dass Kinder und Jugendliche mit special educational needs vorzugsweise in Mainstream Schools (Regelschulen) unterrichtet werden sollten: „This recommendation became interpreted by some parents and lobby groups as a call to end all segregation of pupils with special educational needs“ (Evans 1999, o.S.).

Mehrfärbige Darstellung von zwei Pilzen mit großen schwarzen Punkten am Schirm. Harald Schulth
Porträtfoto von Erwin Breitenbach. Foto: privat
Fachthema
Erwin Breitenbach

Vom Behalten zum Erinnern – Wie funktioniert unser Gedächtnis?

Alles Lernen ist untrennbar mit dem Gedächtnis verbunden. Lehrende und Lernende sollten deshalb möglichst gut mit der Struktur und Funktionsweise des Gedächtnisses vertraut sein, denn nur so sind sie in der Lage, Lernprozesse optimal und effektiv zu gestalten. Einem solchen an das Gedächtnis angepassten Lehren und Lernen stehen oft – nicht nur bei Laien – grundlegende Fehlannahmen im Wege, die es auszuräumen gilt.

Willi sitzt offensichtlich gut gelaunt auf einem Stuhl und zieht seine nackte linke Fußsohle artistisch hoch bis auf seine linke Wange.
Willi sitzt offensichtlich gut gelaunt auf einem Stuhl und zieht seine nackte linke Fußsohle artistisch hoch bis auf seine linke Wange.
Willis Insiderwissen
Birte Müller

Kommentare

Manchmal wünschte ich, ich könnte in die Köpfe der Menschen schauen. Was denken unsere Nachbarn über uns? Über das ewige laute Schreien von Willi – sei es nun aus Freude oder Unmut. Was denken sie über die ewig gleichen Anweisungen, die wir Willi zurufen? Nervt es sie so sehr wie uns manchmal?

Ein Vater trägt sein Kleinkind in Tragegurten an der Brust und schaut von einer Anhöhe auf Bäume und Berge. Foto: Fabian Sixtus Körner
Ein Vater trägt sein Kleinkind in Tragegurten an der Brust und schaut von einer Anhöhe auf Bäume und Berge. Foto: Fabian Sixtus Körner
Anderswo
Jürgen Streihammer

„Ich brauche euer Mitleid nicht“

Fabian Sixtus Körner war ein Abenteurer. Jetzt ist er Vater einer Tochter mit Trisomie 21. Er hielt das für einen „Schicksalsschlag“. Ein Irrtum. Heute reisen sie gemeinsam um die Welt: Nichts wie weg aus dem verkrampften Deutschland!

Inhalt:

Artikel
Lernen
Heterogenität sichtbar machen – Überindividuelle Kategorien und individuelle Ausdrucksgestalten
Lernen
Differenz macht dumm
Lernen
Pädagogisches Heilen bei sozialen Benachteiligungen
Lernen
Lerngeschichten und kooperatives Lernen
Lernen
Vom Behalten zum Erinnern – Wie funktioniert unser Gedächtnis?
Lernen
Schulisches Neurofeedbacktraining zur Verbesserung von Aufmerksamkeit und Konzentration
Lernen
Lernbeeinträchtigungen 2.0 – Überlegungen zum digitalen Wandel in der Sonderpädagogik
Kritisch betrachtet
Wie berufliche Schulen junge Geflüchtete abwerten
Willis Insiderwissen
Kommentare
Aus der Behindertenanwaltschaft Österreichs
Lebenslanges Lernen?
Fotoessay
Begegnung mit Sofie
Schulentwicklung mit Erfolg
Die Newham Story: Schulische Inklusion seit den 1980er Jahren
Blinde Sichtweisen
Meine blaue Morgenstunde
Anderswo
„Ich brauche euer Mitleid nicht“
Inklusive Kulturvermittlung
„Museumsarbeit ist auch Kompromiss"
Ausbildung
Auf dem Weg zu einer ganz besonderen Lehrerin
Aus Grolls Skizzenbuch
Herr Groll am Filmteich