Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten

 

Die Daumen nach oben: Andreas Pröve mit einem motorbetriebenen Rollstuhl unterwegs in China. Foto Pröve

Andreas Pröve und sein Triebling unterwegs.

Foto: Pröve
Anderswo
Andreas Pröve

China – von Shanghai nach Tibet

Unbändige Abenteuerlust treibt den querschnittsgelähmten Andreas Pröve immer wieder in die Welt hinaus. Auf seiner jüngsten Tour ist er dem Jangtsekiang über 6000 Kilometer gefolgt – von der Mündung bei Shanghai quer durch China bis zu seiner Quelle im tibetischen Hochland. In Behinderte Menschen schildert er, wie es ihm erging.

Wenn es nach dem Ruf gegangen wäre, der den Chinesen vorauseilt, rücksichtslose Egoisten zu sein, hätte ich mir mit meinem Rollstuhl wohl ein anderes Land auswählen müssen. Ohne ihre Hilfe werde ich keine Treppen, ja nicht einmal einen Bürgersteig überwinden. Was, frage ich mich, hat mich bloß geritten, dieses Land durchqueren zu wollen und mich von der Hilfsbereitschaft eines Volkes abhängig zu machen, von dem behauptet wird, seine öffentliche Moral sei eher schwach ausgeprägt. Natürlich weiß ich, nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird und kein Volk der Erde ist so schlecht wie die Vorurteile, die über es im Umlauf sind. Aber kann ich mir da sicher sein? Darauf bin ich gespannt. China wird mich fordern.

Versprechen auf große Freiheit

Touristen ist es in China nicht erlaubt, selbst ein Fahrzeug zu lenken, es sei denn, man fährt im Konvoi mit staatlicher Begleitung auf vorher festgelegten Routen. Nichts für mich. Wie aber werden Polizisten ein Fahrzeug definieren? Wird mein Rollstuhl zu einem Fahrzeug, sobald ich ihn motorisiere? Genau das habe ich nämlich vor. Ich bin unterwegs zum UPS-Büro in Shanghai, um meinen Triebling abzuholen. Ein 4-PS-Hondamotor, er soll mir den nötigen Speed auf meiner Reise durch China geben. Unter den neugierigen Blicken des Hotelpersonals klemme ich das Handbike an den Rolli, docke den Triebling an seine Achse und befestige den Gasgriff. Wie bizarr, ein Gasgriff vom Motorrad am Rollstuhl! Nein, wie fantastisch! Es ist ein Versprechen auf große Freiheit. Ich ziehe am Seilstarter und prompt ertönt dieses kräftige Röhren, das in meinen Ohren wie eine Aufforderung klingt: Los gib es mir, ich schiebe dich durch China! Nur ein paar Millimeter muss ich drehen, um die Gier und Aggressivität von vier Pferdestärken hinter mir zu spüren. Wow! Obwohl ich das Kraftpaket von meinen Testphasen zuhause kenne, überrascht mich die Vehemenz des plötzlichen Schubs erneut. 

Die drei Lehren

Im Innenhof des Stadtgotttempels von Shanghai herrscht viel Rummel. Der Stadtgott repräsentiert den Taoismus, eine der drei Lehren in China. Will ich den Stadtgott sehen, muss ich immer dem Gesang der Mönche folgend ins Heiligtum. Vier Stufen und eine monströse Schwelle fordern mich. Wer jetzt in den Tempel will, geht nicht ohne mich. Aber was ist das? Von allen Seiten stürzen kräftige Männer auf mich zu, drängeln sich gegenseitig weg, nur um selbst helfen zu dürfen. Dabei habe ich noch gar nicht gefragt! Was ist bloß mit den Chinesen passiert? Bevor ich auch nur einem von ihnen erklären kann, wo der Rolli am besten zu packen ist, bin ich drin. Und wie viel Freude sie dabei haben! Direkt rührend. Wo ist die darwinistische Einstellung geblieben, die aus den Chinesen angeblich ruppige Egoisten gemacht hat?

Start meiner großen Reise

Zwei schwere Fahrradpacktaschen und der Fotokoffer auf dem Handbike verleihen meinem Vehikel Stabilität und einen wunderbaren Geradeauslauf. Unter dem Rollstuhl sind Drohne und Videokamera verstaut. Medizinische Hilfsmittel habe ich an diverse Hotels auf meiner geplanten Route vorausgeschickt. Der Verkehr in China ist gewöhnungsbedürftig. Alle Fahrzeuge in meinem Dunstkreis muss ich im Blick behalten, Schlaglöcher und Bodenwellen früh erkennen, Ampeln beachten und Smartphone-Zombies, die über die Straße stolpern, nicht anfahren. Ich düse durch die Fußgängerzone der Nanjing Road, durch den Renmin Park, am imposanten Gebäude der Volksvertretung vorbei und verlasse die Stadt. Alle Polizisten recken ihre Köpfe, aber keiner kann schnell genug reagieren, um mich aufzuhalten, manchem fällt sogar vor Staunen die Pfeife aus dem Mund. 

Chinas rasantes Wachstum bereitet mir große Probleme. Autobahnen sind fünf Stockwerke hoch. Zum Teil winden sich verrückte Spiralkonstruktionen zwischen den Wohnsilos in die Höhe. Straßenschilder kann ich nicht entziffern, Passanten nicht fragen – und das mit einem Navi, das letztes Jahr aktualisiert, heute hoffnungslos veraltet ist. Immer wieder lande ich auf Autobahnzubringern und habe größte Not, diese wieder zu verlassen, ohne zum Geisterfahrer zu werden. 

Chongqing – Luxus pur

Hinter mir liegen unzählige Nächte in verrottenden Kaschemmen an der Straße mit schnarchenden Grobianen als Bettnachbarn. Waschbecken, Duschen und Toiletten lagen unerreichbar in einem engen Verschlag. Der beißende Geruch von da hat es mir leicht gemacht, auf jegliche Körperpflege zu verzichten. Meine Notdurft musste das Gebüsch aufnehmen. Reisen aus Leidenschaft kann auch Leiden schaffen. Jetzt stinke ich wie ein Iltis. Bei Ctrip – einem chinesischen Reiseportal – entdecke ich das Preisangebot vom Kempinski Hotel Chongqing: umgerechnet 40 Euro pro Nacht. Jetzt freue ich mich auf den Luxus von fünf Sternen mit Badewanne. Die polierte Marmorsäule vor der Edelherberge ist gut genug zum Abstellen meines verdreckten Gefährts. Im Augenwinkel nehme ich den Argwohn des Portiers wahr, der mit seinen Zweifeln ringt, wie mit mir umzugehen sei. Seine Frage nach einer Reservierung klingt wie „du bist hier falsch!“. Ich benehme mich ebenfalls hochnäsig, was aus dem Rolli heraus gar nicht so einfach ist und lasse mir die Tür aufhalten. Auch die Concierge rümpft ihre hübsche Nase. Nach dem Einchecken schultert der Page meine Fahrradpacktaschen und eine halbe Stunde später versinke ich unter einem Berg Badeschaum. Von nun an behandelt mich das Personal, wie es sich gehört.

Schade, dass nicht immer alles so glatt läuft. Die rechtliche Grauzone, in der ich fahre, birgt die dauernde Gefahr, mit der Staatsmacht in Konflikt zu geraten. Sobald Kontrollposten vor mir auftauchen, schalte ich daher den Motor aus und drehe die Kurbel. Meine Spekulation, auf diese Weise als jemand betrachtet zu werden, der einen Anhänger mit Motor hinter sich herzieht (was praktisch gesehen Blödsinn ist), ging bisher immer auf – bisher. Jetzt ärgere ich mich darüber, dass ich zu spät reagiert habe und mit knatterndem Motor mitten hinein gefahren bin in die Polizeikontrolle. Die drei Uniformierten diskutieren nicht lange. Meinem Fahrzeug fehlt die Registrierung und mir der chinesische Führerschein. Ich bin illegal unterwegs und muss meinen Triebling hier abnehmen. Im nächsten Hotel miete ich ein Auto mit Fahrer, verlade alles, lasse mich aus der Stadt chauffieren und docke meinen Triebling nach 20 Kilometern wieder an – bis zur nächsten Kontrolle. Ein anderes Problem sind die Tibet Mastiffs, große aggressive Hofhunde, die ihr Revier rigoros verteidigen. Ich mag Hunde, solange sie mir fernbleiben. Da ich meine Arme und Hände zur Fortbewegung dringend nötig habe, kann ich es selbst dem liebsten Freund des Menschen nicht erlauben, mir in die Hand zu beißen. Daher fahre ich mit schlagbereitem Knüppel durch die Dörfer. Schon damit zu drohen, hilft.

Der Weg zum Ziel

Nie hätte ich mir träumen lassen, wie viele Stolpersteine mich erwarten und wie weit ich mich daher vom Jangtse entfernen muss. Verblüffend aber auch, wie viele ungeahnte Abenteuer sich daraus entwickeln können. In Lijiang zum Beispiel erfahre ich, dass Tibet und die Grenze, die der Lauf des Jangtse bildet, für Touristen komplett gesperrt sind. Eine Genehmigung bekommt man – wenn überhaupt – in der Stadt Xining, über 1000 Kilometer entfernt. Viele Beziehungen musste ich aufbauen und mehrere Anläufe waren nötig, bis ich nach Monaten das Permit in Händen halten konnte. In schwerer Motorradkleidung düse ich auf über 4000 Metern Höhe über das tibetische Hochland der Quelle des Jangtse entgegen. Ein paar Tage später werde ich in Tuotuo von einem kleinen Expeditionsteam empfangen. Mit seiner Hilfe sollen die letzten 80 Kilometer zum Quellgletscher gemeistert werden. Der Rollstuhl ist für unwegsames Gelände präpariert, Proviant und Sauerstoff sind gepackt. Die Temperaturen hier in 5000 Metern liegen tagsüber weit unter Null. Mit der Unterstützung durch die Handkurbel und dank der tatkräftigen Hilfe der Träger, die sich wie zwei Zugpferde mit Gurten vor den Rollstuhl schnallen, erreichen wir einen der Quellgletscher des Jangtse. Eisige Luft steigt von ihm auf, als stünde ich vor einer riesigen Gefriertruhe. Atemlos fallen wir uns in die Arme.

Textiles, bedrucktes Gewebe, das mit Fäden in mehreren Farben bestickt ist. Raffaella Niederkoffler
Porträtfoto von Prof. Dr. Jutta Schöler, der Doyenne der deutschen Integrationsbewegung
Fachthema
Jutta Schöler

Schwere Behinderungen in der Schule

1982 habe ich Nicola Cuomo in Bologna kennen gelernt. Zuvor war ich in Florenz. Ludwig Otto Roser hatte mir die ersten Kontakte vermittelt. Damals konnte ich mich in Schulen von Florenz davon überzeugen: Das ist möglich! Gemeinsames Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung, ohne Ausnahme.1 Bei einem meiner Besuche in einer Schule in Florenz wurde mir von den Lehrerinnen empfohlen: „Wenn Sie mehr wissen wollen über die Integration von Kindern mit Behinderung, dann müssen Sie nach Bologna fahren, zu Andrea Canevaro und Nicola Cuomo.“

Prof. Nicola Cuomo mit dunkler Brille sitzt vor dem Laptop und überlegt angestrengt. Foto Stefan Meyer
Prof. Nicola Cuomo mit dunkler Brille sitzt vor dem Laptop und überlegt angestrengt. Foto Stefan Meyer
Spuren, die Nicola Cuomo hinterlassen hat
Stefan Meyer, Erik Weber, Alice Imola, Elisabetta Bacciaglia

Begegnungen mit Nicola Cuomo

Stefan Meyer, Erik Weber, Alice Imola und Elisabetta Bacciaglia: Sie alle sind in ihrem Leben Nicola Cuomo begegnet und haben mit seinem Konzept „l’emozione di conoscere ed il desiderio di esistere“ (EDC) – Empathie und Verstehen und die Sehnsucht zu existieren – gearbeitet. Eine Zusammenarbeit, die Spuren hinterlassen und verändert hat. In den folgenden Beiträgen schreiben sie darüber und bringen uns so einen großen Menschen und Wissenschaftler näher.

Auf der flachen Hand sitzt ein Insekt und kann wegfliegen, wann es will. Foto Cattari Pons / photocase.de
Auf der flachen Hand sitzt ein Insekt und kann wegfliegen, wann es will. Foto Cattari Pons / photocase.de
Gedanken einer Mutter
Cornelia Weber

Loslassen und warum das so schwer ist

Das Handy klingelt und schweigt gleich nach zwei kurzen Tönen wieder. Der Fahrdienst. Das ist ihr Zeichen, wenn sie im Anflug mit dir sind und ich nach draußen kommen soll, um dich in Empfang zu nehmen. Ich werfe mir schnell eine Jacke gegen die Kälte über und renne nach draußen. Der kleine Transporter-Bus mit dem großen Rollstuhlzeichen darauf und einem weiteren daneben für Kinder hat bereits ein kleines Verkehrschaos angerichtet, indem er verkehrt herum an unserem Fußweg parkt und schon die Rampe aus dem Heck ausklappt. Hupend und wild gestikulierend warten die Autofahrer, dass du herausgerollt wirst und der Bus weiterfährt. Und da kommst du. Dick eingepackt – so, dass keiner erahnen könnte, was für ein zartes Wesen da unter all den wärmenden Schichten verborgen ist. Blonde Locken quellen unter der dicken Mütze hervor und der Mann vom Fahrdienst schaut mich achselzuckend und gleichzeitig hilflos entschuldigend an, als du kurz aufschreist. „Macht sie schon die ganze Fahrt“, sagt er knapp. Schnell das Gefälle der Rampe hinunter, immer noch begleitet von einem Hupkonzert, drückt er mir die Griffe deines Rollstuhls in die Hand. Festhalten.

2 Schüler haben das Schuhwerk getauscht, sodass jeder zwei verschiedene Sandalen anhat.
Porträtfoto von Univ.-Prof. Dr. Hans Karl Peterlini
Inklusion in Südtirol
Hans Karl Peterlini

Inklusion ist (un)möglich

Der italienische Weg (fast) 100-prozentiger Inklusion am Beispiel Südtirol

Für ein derzeit vielseits gerühmtes ‚Modell‘ war der Anfang ziemlich chaotisch: In den 1980er Jahren herrschte in Südtirol ein dramatischer Mangel an Lehrkräften. Der südliche Teil des altösterreichischen Tirols war als Folge des 1. Weltkrieges 1919/20 von Italien annektiert worden, fast ein halbes Jahrhundert stagnierte das kulturelle Leben im Tauziehen zwischen Staat und Minderheit.

Wild wucherndes, langes Gras – mittendrin eine rote, kräftige Mohnblume.
Porträtfoto von Dr. Christel Manske
Vom sorgfältigen Blick in der Pädagogik
Christel Manske

„Dann wird auch das Wort Behinderung verschwinden“

Wir kennen alle die Augenblicke, die unser Leben verändert haben. Es war nur eine Geste, ein Wort, eine Erfahrung und nichts ist mehr, wie es war.