Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten

 

Florale Formen, die farbenfroh (gelb und blau) ausgeführt sind. Im Zentrum steht ein Magnolienbaum mit Stamm und Früchten.

 

Fachthema
Annette Orphal

Wie geht es mit Bastian weiter?

Bastian ist 15 Monate alt, als seine Mutter Sarah im vergangenen Oktober Kontakt zu mir aufnimmt.
Seit die gelernte Krankenschwester und mittlerweile Ausbilderin zur eigenen Erholung wöchentliche Feldenkrais-Stunden besucht, glaubt sie, dass so eine wohlwollende und spielerisch anregende Herangehensweise bestimmt auch ihrem Sohn helfen könnte: Er braucht Unterstützung, denn die von der Mutter schon seit den ersten Lebensmonaten vermutete Entwicklungsverzögerung ist inzwischen auch von Medizinern anerkannt, wenngleich noch keine der zahlreichen Untersuchungen bisher Ursachen aufdecken konnte und daher nach wie vor keine Erklärung gefunden ist.

Therapie, ebenso wie Pädagogik, orientiert sich nach meinem Verständnis an der Selbstorganisation des Menschen, den ich als Patienten, ebenso aber auch als Schüler, gar als Lehrer, vor allem aber als jemanden betrachte, mit dem die Begegnung ganz bestimmt unser beider Erfahrung bereichern wird. Wo und wie befindet er sich auf seinem Weg, der meinen eigenen kreuzt und in welche Richtung weist seine und unsere proximale Entwicklungszone (nach Vygotsky)? Auf diese Frage gibt er mir die Antwort. Ich beobachte und trete mit ihm in Interaktion, beobachte weiter und gehe dabei immer wieder der Frage nach: Wie erlebt er sich wohl in seinem emotionalen Bewusstsein, in seinem sensomotorischen Bewusstsein, und wie lassen sich die Prozesse beschreiben, die diese verschiedenen Aspekte der Selbstwahrnehmung im Bezug zum Umfeld in der aktuellen Haltung und Handlung verschmelzen lassen? Immer geht es um die Verquickung des dynamischen Gleichgewichts in der gerichteten Bewegungsorganisation mit der Orientierung selbstbestimmter Initiative im intersubjektiven Miteinander. Selbsterleben findet in zwei einander überlagernden Räumen statt: im Bezug zur Schwerkraft des physischen Raumes und im zwischenmenschlichen Beziehungsraum. Beide Bezugsräume gilt es in sinnbildende Handlungsmuster zu integrieren, und diese Sinngefüge in präverbaler und sprachlicher Kommunikation Ausdruck finden zu lassen. So entsteht ein Gefühl für Kontinuität und mittels sozialer Interaktion die Möglichkeit, Selbstwahrnehmung und Erfahrungen im Bezug zum Umfeld auch gedanklich zu entfalten. Ein virtueller Raum entsteht, der über das aktuelle Geschehen hinausweist und allerlei Möglichkeiten zu persönlichem Aufblühen bietet – so man ihn unbefangen zu bewohnen vermag. Wenn ich Menschen auf dem Weg so vielfältiger Entdeckungen ein Stück weit begleiten darf, erfüllt mich selbst diese Erfahrung mit Freude – und die teile ich gern: So auch hier mit Bastian und seiner Mutter, und dann mit dem Leser. Fünf Termine fanden bislang statt, etwa in monatlichen Abständen.

Ankommen, abwarten, Tee trinken, abheben und losfliegen

Im November 2018 stattete ich Bastian meinen ersten Hausbesuch ab. Gerade bei so kleinen Kindern ist mir das manchmal lieber, damit sie mich – eine ganz fremde Person – nicht nur in Anwesenheit eines Elternteils, sondern auch auf ihrem eigenen Territorium kennenlernen können. Gerade wenn ich komme, um körperlich in den Prozess ihrer Selbstorganisation einzugreifen, ist es umso wichtiger, dass sich das Kind nicht nur in elterlicher Begleitung geborgen fühlt, sondern auch Herr über die eigenen Räume bleibt: den Raum des eigenen Körpers, den Raum seines Spielteppichs, sowie über den Beziehungsraum, dessen Dynamik sich durch meine Ankunft um einige Vektoren bereichert. 

Selbst wenn ich als Feldenkrais-Pädagogin kontaktiert wurde, bleibe ich Psychologin und berufe mich auf meine Kenntnis frühkindlicher Entwicklungsprozesse – immer in Anlehnung an Henri Wallons Entwicklungsmodell. Das, was ich mit Worten und Bewegungsangeboten kommuniziere, wird sich in das komplexe Zusammenspiel von sensomotorischer, emotionaler und kognitiver Erfahrung des Kindes als Ganzes einordnen. Und die Integration neuer Erfahrungen wird umso solider sein, als letztere sich mit möglichst vielen bereits bekannten und sicherheitsspendenden Elementen des bisherigen Kenntnisraums von Bastian verknüpfen können und das Kind dabei selbst die Zügel des Geschehens hält. Mein Anliegen ist, für unsere Begegnung Bedingungen zu gewähren, die das Kind selbst die Situation gestalten lassen. Interessant wird dann zu beobachten, welche Kreativität es aus den Ideen schöpfen wird, die ich mitbringe, bzw. die sich im gemeinsamen Spiel ergeben – ausgehend von meinen Beobachtungen in der aktuellen Situation.

Als ich zum ersten Mal die Wohnung betrete, sitzt Bastian auf seinem Spielteppich im Wohnzimmer und begrüßt mich mit erstauntem Blick. Sarah stellt uns einander vor und entschuldigt sich bei ihm für ihr Vergessen: „Ich hatte dir gar nicht gesagt, dass wir heute Besuch zum Spielen bekommen!“ Sie bietet mir eine Tasse Tee an, und Bastian lauscht, wie wir im Gespräch einander kennenlernen. Sowohl ihm als auch mir lässt das Zeit, uns gegenseitig zu beobachten. Währenddessen sackt er mehr und mehr in sich zusammen und seine Mutter beteuert, dass sie ihn neuerdings auf Geheiß der Therapeuten hinsetzt, weil er es immer noch nicht selbst schafft sich aufzusetzen. Und das Ziel der Therapie ist ja doch, in die Vertikale zu gelangen. Ob er je laufen würde, sei unsicher. Während wir uns so austauschen, lege ich sanft meine Hand auf sein Knie und den Oberschenkel, lasse sie zu seinem Becken gleiten und übe letztlich einen ganz kleinen, aber präzisen Druck auf sein Kreuzbein aus: Siehe da, er richtet sich auf, als liefe der Saft aus der Erde die Wirbelsäule hinauf bis zur Aufrichtung seines Kopfes – und da begegnet sein Blick dem seiner Mutter. Ich sage: „Oh, du wächst ja schnell! Schon bist du so groß!“ Er freut sich, und wir spielen ein paarmal groß-und-klein-werden, indem ich den leichten Druck verstärke und wieder nachlasse. Danach ziehe ich meine Hand zurück und als lauschte er weiter in sich hinein, führt er das Auf und Ab mehrmals in eigener Regie fort und hält dabei den Blickkontakt, abwechselnd mit seiner Mutter und mir. Sarah ist genauso überrascht wie er: „Das ist erstaunlich! Vor allem deshalb, weil Sie die erste Person sind, von der er sich berühren lässt, ohne sofort zu weinen. Gewöhnlich erträgt er es gar nicht, dass ihn überhaupt jemand anfasst!“ Ich erfahre, dass ihm wöchentliche Sitzungen in Physiotherapie und Psychomotorik verschrieben wurden, in denen er jedes Mal die ganze Stunde lang weint. 

Ob das hilft? Ob Therapie etwas mit Lernprozessen zu tun hat? Wohl weniger, als man es sich gemeinhin erhofft. Ich glaube, der Unterschied von Therapie und Pädagogik liegt hauptsächlich in der Zeit, die man sich in der Begegnung nimmt, das Lernen in mehr oder weniger detailliert begleitete kleine, vom Kind mit seiner Aufmerksamkeit kontrollierbare Portionen zu unterteilen. Die subjektive Aufmerksamkeit des Kindes wird multimodale sensorische Wahrnehmung mit selbstgesteuerter Motorik zu verbinden suchen und beobachten, welcher Sinn sich aus den neuen Erfahrungen schöpfen lässt: „schöpfen“ im empfangenden, aber auch im kreativ weiterführenden, also motivationsbildenden Sinn. Und die Aufmerksamkeit ihrerseits bedarf positiver Emotionen zum einen – und des Respekts der je subjektiven Rhythmen zum anderen. 

Was Bastians Rhythmus angeht, scheint die gebotene Information in dieser neuen Beziehung zu mir für heute zu reichen. Er wird weinerlich, seine Mutter nimmt ihn in den Arm und folgt seinem ausgestreckten Zeigefinger zum Fenster. Währenddessen erklärt sie mir, dass Bastian vielleicht auch deshalb so zusammensackt und es nicht schafft, sich allein aufzusetzen, weil er nie die Bauchlage akzeptieren konnte und daher nie seine Rückenmuskulatur beansprucht hat. Doch es wird immer schwerer für sie, mit mir zu reden, denn er scheint danach zu verlangen, den Fenstergriff zu fassen. Und da das Fenster geöffnet ist, müsste sie sich in der Wand verkriechen, um ihn so zu halten, dass er seinem Willen folgen könnte. „In letzter Zeit will er dauernd diesen Fenstergriff berühren! Aber er wird langsam schwer und es ist sehr unbequem, ihn auf dieser Höhe zu tragen.ì Als ich das Szenario beobachte, kommt mir eine Idee: „Sie könnten ihn unterm Brustbein stützen, das trägt! Von seiner Mama gehalten, wird er diese Variante der Bauchlage bestimmt akzeptieren, und außerdem können Sie die Wand nutzen, ihn sich mit den Füßen daran selbst abstützen zu lassen. Wenn er so den eigenen Halt im Gleichgewicht findet und dabei den Blick auf die Attraktion richtet, nach der er seine Hand zum Greifen ausstreckt, erreichen Sie aus seiner eigenen Motivation heraus genau das Streckmuster, das er seit Beginn seiner Bewegungsentwicklung meidet und das ihm fehlt, um sich aufzurichten.“ Sie probiert es kurz aus, und Bastian federt sich begeistert von der Wand ab – in Fliegerhaltung Richtung Fenstergriff. 

Beide strahlen, und ich trage ihnen als Hausaufgabe auf, immer wieder mit dem Fenstergriff zu spielen. Mit dieser Idee verabschieden wir uns.

Einbindung emotionaler, sensomotorischer und kognitiver Selbstwahrnehmung in die Interaktion: ein rhythmisches Geflecht entsteht

Einen Monat später sehen wir uns wieder. Bastian weiß diesmal, dass ich komme, sitzt wieder auf seinem Spielteppich und spielt mit Buntstiften, die er aus ihrer Dose holt und wieder hineinsteckt. Er scheint mir an Tonus gewonnen zu haben, zugleich auch entspannter als beim ersten Mal – und er lächelt mich an. Ich geselle mich zu ihm, interessiere mich ebenfalls für die Schachtel mit den Stiften, nehme einen heraus und zeichne damit sein Bein entlang, zwischen Hüfte und Fuß. Dort halte ich den Stift gegen seine große Zehe und warte auf Gegendruck und schließlich lege ich meine andere Hand auf sein Kreuzbein wie beim letzten Mal, um die Verbindung durch das ganze Bein inklusive Hüfte laufen zu lassen: Druck und Gegendruck bewirken eine Aufrichtung der Wirbelsäule, die diesmal das Bein in ganzer Länge mit einbezieht. 

Dann lege ich den Stift nieder und adressiere mich mit anderen Bewegungsworten an dieselben Linien, die durch seinen Körper laufen und dessen Teile miteinander verbinden: Ich klopfe mit meiner „leicht schweren“ Hand vom Fuß das Bein entlang, der Wirbelsäule folgend vom Becken hinauf zur Schulter, das Schlüsselbein entlang zum Brustbein – und ein weiteres Mal gibt seine Mutter zu bemerken, dass er das bei den Therapeuten nie mit sich machen lässt. Interessiert folgt er meiner Hand mit seinem Blick, und wenn er sie nicht sehen kann, schaut er mich an und lauscht in sich hinein. Sarah erwähnt, dass sie dieses Klopfen an die Vibrationen erinnert, denen er bei der Psychomotorik ausgesetzt wird: Doch sie fragt sich, ob sie dort noch jemals wieder hingehen soll, denn er weine die ganze Zeit, und sie fände dieses Schütteln recht gewaltvoll. Ich erkläre ihr mit Bezug auf den Schweizer Psychologen André Bullinger, inwiefern solche tiefensensorischen Stimulationen durchaus sinnvoll erscheinen, dass ich es allerdings vorziehe, sie in der direkt berührenden Beziehung einzusetzen: Denn meine Hand ist nicht nur klopfend tätig, sondern zugleich erlaubt sie mir zu spüren, wie Bastian mit seiner Tonizität auf diese Kommunikation reagiert. Wie Wallon und de Ajuriaguerra, aber auch wie Winnicott (holding und handling) oder Daniel Stern (affect attunement) beobachte ich – mehr mit den Händen als mit Ohr und Auge – die Qualität des tonisch-emotionalen Dialoges, auf den sich Bastian mit mir einlässt. Denn worauf es ankommt, ist ja letztlich nicht, die Muskulatur des Kindes durchzurütteln, sondern seine sensomotorischen Sinne emotional einzubinden in eine Kommunikation, die auch kognitiv Sinn zu bilden vermag: in der freudvoll aufmerksamen Beziehung zwischen ihm und mir, zusammen mit seiner Mama. Daher rührt die hohe Bedeutung, die ich den Worten beimesse, mit denen ich der Mutter erkläre, welche Sinn-Muster ich selbst knüpfe, um unserer körperlichen Kommunikation eine klare Orientierung zu geben. 

Bastian schreibt sich in diese Triangulierung aktiv ein: zunächst mit seinem Blickverhalten und schließlich wendet er sich mit einer Drehung seiner Mutter zu. Sie bestätigt, dass er mehr und mehr versuche, sich auf die Knie zu stemmen, doch an seiner Scheu scheitere, sich auf die Arme zu stützen. Meine Antwort, dass sich darin die Angst wiederfindet, mit der er bereits die Bauchlage mied, versetzt sie in Staunen. Also leite ich sie an, die Armstütze selbst auszuprobieren. Schnell spürt und erkennt sie, dass das Gewicht durch die Knochenleitung der Arme über die Schlüsselbeine auf das Brustbein übertragen wird: eben jenes, dessen Kontakt er seit jeher fürchtet. Wie können wir eine Brücke schlagen, um diesen fehlenden Baustein in das sich fortentwickelnde Puzzle der körperlichen Selbsterfahrung einzusetzen? In Anbetracht seiner immensen Resistenzen nehme ich mir vor, Explorationen in der Horizontalen erst später anzugehen, wenn Bastians Vertrauen in sich selbst und auch in mich gestärkt ist. 

Mir kommt eine Idee: „Habt ihr eine Trommel?“ Sarah holt eine Kindertrommel und ich versuche, Bastians Hand zum Draufschlagen zu animieren: ohne Erfolg, denn er hält die Arme steif und versteht den Vorschlag nicht. Also setze ich mich hinter ihn, Bastian zwischen meinen Beinen und fange selbst an, verschiedene Rhythmen zu trommeln. Er lächelt mich an. Kurz darauf legt er spontan seine Hände auf meine und während ich weiter trommele, spüre ich, wie nach und nach sein überschüssiger Tonus sinkt: Er lässt meine Hände seine eigenen tragen, vertraut mir sein Gewicht an und erlebt einfach die Bewegung mit, zweifellos auch mein eigenes Spiel mit wechselndem Tonus. Irgendwann ziehe ich meine Hände zurück und er nimmt das Spiel aus eigener Initiative wieder auf. Als er aufhört, übernehme ich wieder, und wir entwickeln eine Art Frage-Antwort-Trommeln nach afrikanischem Stil. Seine Mama kommt hinzu, es ergibt sich ein rhythmischer Dialog zu dritt – ein Trialog also. Um den Ton zu variieren, wechsle ich auf größere Bauklötze über: Gab Wallon nicht zu bedenken, dass sich die Aktivität eines Kindes „Spiel“ nennen lässt ab dem Moment, da seine Exploration die Form eines Themas mit Variationen annimmt? Mit dem Spiel setzt psychisches Bewusstsein ein, schrieb er. Ich will versuchen, ob ich Bastian mit meinem „Bei“spiel dazu anregen kann, über den Weg des Nachahmungsverhaltens selbst die Lust am Spiel zu entdecken. Wenn das Thema dabei die Regulation der Tonus-Kombinatorik in den Muskeln entlang der tragenden Linien in den Armen würde, ließe sich irgendwann die progressive Entspannung auch in das Ausprobieren solcher Spannungsmuster überführen, die die Arme als Stütze nutzbar machen. Nach und nach erweitere ich also den Radius der Variationen: Eine Spielkiste eignet sich als dritte Trommel und dann fällt mir ein, dass sich auch die Füße eignen, um Tritte zu geben: Wie bei geübten Schlagzeugern endet unsere Percussion-Performance in einer Improvisation mit Einsatz aller vier Linien der Körperperipherie, deren Koordination über die Mittellinie gewährt ist. Vertrauen entsteht mit der Sicherheit, dass sowohl Arme als auch Beine dazu geeignet sind, in Trage- und Stützfunktion die Kraft zum Körperzentrum zu leiten. Den Schlussstein, der das tragende Gerüst am Ende hält, bildet das freudige Empfinden des Subjekts – in diesem Fall Bastian –, dass das gesamte Erleben sich aktiv gestalten lässt und Sinn bildet: angefangen damit, dass wir gemeinsam an dieser Kommunikation Spaß haben. Der kognitive Sinn ergibt sich aus der Lernerfahrung spontan entstehender, wiederholbarer, aber auch variierbarer Musterbildung in der Akustik, mit der die koordinierte Bewegungsdynamik multimodal erlebbar wird und in abwechselnder Reihenfolge zwischen uns drei Interaktionspartnern zu direkter, differierter Nachahmung sowie zu scherzhaften Ausbrüchen aus Erwartungshaltungen stimuliert. Blickkontakte verstärken dabei das Gefühl von Subjektivität in der Intersubjektivität: Initiative ergreifen, wirken lassen und wieder abgeben, loslassen, Ideen der Partner aufnehmen, in sich wirken lassen und wieder neu initiieren – so lange, bis wir zur Ruhe kommen.

Oben, unten, vorne, hinten, rechts und links, Gewicht und Gegengewicht, Linien im Körper und Diagonalen – um die eigene Mitte tanzen

Drei Wochen später – zu meinem dritten Besuch – ist Bastian krank. Trotzdem begrüßt er mich mit wachem Blick und lächelnd, während er noch sein Frühstück beendet. Die Situation eignet sich perfekt zu der Beobachtung, um wieviel freier er seine Arme benutzt, inklusive der Schultern. 

Als wir uns am Boden wieder zusammensetzen, hole ich einen Bus aus Holz herbei, in dem kleine Passagiere Platz nehmen können, die ich in entsprechende Löcher stecke. Bastian sitzt mit beiden Beinen zur selben Seite angewinkelt und nutzt die Stütze beider Arme (oh, siehe da!), um sich bis zum Bus fortzubewegen. Seine Mutter kommentiert dazu, dass er neuerdings auch versuche, auf alle Viere zu gelangen, aber aus irgendeinem Grund bleibe er dabei stecken. Die Physiotherapeutin habe ihr erklärt, dass Bastian nicht in den Vierfüßler-Stand käme, ehe er die kriechende Fortbewegung in Bauchlage nachgeholt hätte. Bastian akzeptiere inzwischen auch, fünf Minuten lang auf dem Bauch zu verweilen, doch Kriechen schiene jenseits aller Möglichkeiten. Ich merke an, dass die Fortbewegung aus dem Vierfüßler-Stand voraussetzt, das Gewicht ausgehend von vier Füßen auf reihum abwechselnd jeweils drei Beine zu verlagern. Aus 4 werden also 4x3 – und das im Wechsel: Schnell versteht sie die Komplexität des Vorhabens und also auch, dass es Zeit braucht.

Der kranke Bastian ist müde. Ich setze ihn auf den Oberschenkel meines ausgestreckten Beines, mit dem Rücken an meinen Bauch gelehnt und umgreife seine Rippen mit meinen Händen. Sarah zeigt uns ein Buch, das auf jeder Seite per Knopfdruck Auszüge verschiedener Musiken spielt, und ich beginne, im Rhythmus der jeweiligen Melodien mein Bein zu rollen: einwärts, auswärts von der Hüfte aus. Bastians Becken schwingt mit, während meine Finger seine Rippen halten und deren Zwischenräume spüren. Je klarer sich mit zunehmend entspanntem Tonus dieses laterale Neigungsmuster herausformt, desto deutlicher nehmen meine Hände die akkordeonartige Bewegung seines Brustkorbes wahr und können sie mit leichter Verstärkung bestätigen. Ich leite Sarah an, dieses Bewegungsmuster zu beobachten; daraufhin probiert es Bastian spiegelnd selbst aus und stellt fest: „Eigentlich ist das die Diagonale!“

In nächster Sequenz greife ich nach einer aufblasbaren Rolle, über die ich Bastian bäuchlings lege. Sie ist gerade dick genug, dass ich ihn darauf vor- und rückwärts rollen kann. Bei der Schaukelbewegung zum Kopf hin fängt er sich selbst auf, indem er die Arme zur Stütze ausstreckt. (Super!) Die Koordination von Oben und Unten, die wir letztes Mal geübt haben, scheint integriert, und heute haben wir mit der Koordination der Diagonalen zwischen oben und unten auf rechter und linker Seite gespielt.

Mit zunehmend komplexer Gleichgewichtskoordination wird Integration „funktional“ und öffnet dem „Er“leben neue Räume: Feinmotorik und Kognition beginnen sie zu erobern

Als ich Mitte Januar zu unserer vierten Begegnung komme, berichtet mir Sarah sofort von der Weihnachtsüberraschung: Bastian hat sich auf alle Viere begeben und krabbelt! Momentan sitzt er noch vor mir, aber ich sehe, mit welcher Leichtigkeit er die Beine mal nach rechts, mal nach links winkelt: Das Akkordeon seiner Brustkorbbewegung gewährt diese Gewichtsverlagerung in fließender Bewegung ohne jede Schwierigkeit (wie toll!). Schließlich verlagert er tatsächlich einen Teil seines Gewichts auf die Arme und krabbelt, bislang noch vorsichtig und langsam. „Wenige Tage nach unserem letzten Treffen hat er plötzlich losgelegt: Mit einem Mal hatte er keine Angst mehr, sich auf die Arme zu stützen“, erzählt Sarah. Sie ist sehr bewegt – dachte sie doch, dass er das Krabbelstadium womöglich nie erleben würde!

Doch mittlerweile versucht er, sich mit den Armen in den Kniestand zu ziehen. Er will sich auf den niedrigen Wohnzimmertisch stützen, doch Sarah sagt, dass sie ihn noch nicht ermutigen möchte, sich aufrecht hinzustellen. Lieber soll er seine Gleichgewichtsregulierung auf allen Vieren noch konsolidieren.

Heute lässt Bastian sich zu mehreren Spielen motivieren. Zunächst spielen wir mit dem Mini-Tischfußball seines älteren Bruders. Ich entdecke, mit welcher Präzision er die kleinen Metallstangen zwischen Daumen und Zeigefinger rollt. Am liebsten nutzt er dazu die linke Hand, während ihm die rechte zur Stütze dient. Er hat also mittlerweile die Armstütze mit der lateralen Beugebewegung verknüpft (super!) und verfügt damit nicht nur über die Fortbewegung auf allen Vieren, sondern auch über die Gewichtsverlagerungen, die fortan der Feinmotorik zugutekommen – und somit der genauen Koordination von Blick und Handbewegung, sprich der gezielten Aufmerksamkeit. Seine Mimik in der Interaktion scheint mir an Wachheit und Geschwindigkeit gewonnen zu haben: Ich habe ein Gefühl von feinerer, verlässlicherer gegenseitiger Abstimmung.

Allerdings passiert es immer noch oft, dass er mit dem Finger nach etwas zeigt und seine Mutter versucht etwas erfolglos zu erraten, was ihn eigentlich in solchen Momenten interessiert. Er gibt dabei auch Töne von sich, doch bleibt es schwierig, ihnen einen Sinn zu entnehmen. Dennoch scheint es, als hätte sich das Feld seines Zeiger-Radius erweitert, oder auch der Raum seiner Wahrnehmung. Öfter erwähnt seine Mutter im Zusammenhang mit den heute beobachtbaren Spielsequenzen solche, deren Erinnerung auf die anderen Etagen der Wohnung verweist: Das gab es zuvor nicht, bislang schien Bastians Welt auf seinen Spielteppich beschränkt.

Ein anderes Spiel bietet das ferngesteuerte Auto, das sein Bruder zu Weihnachten geschenkt bekommen hat. Zunächst hätte es Bastian Angst gemacht, doch inzwischen will er verstehen, wie es funktioniert. Hierzu bedarf es verschiedener Bewegungen an der Fernsteuerung: einen Hebel schieben und ziehen für Vor-und Rückwärtsgang, oder auch ein Rad drehen, um Kurven zu fahren. Letztere Kausalbeziehung nimmt Bastian jedoch noch gar nicht wahr. Systematisch drehe ich das Auto immer wieder so in sein Sichtfeld, dass sein Blick auf die Vorderräder fällt: jene, die sich bewegen, sobald er an dem Rad der Fernsteuerung dreht. Plötzlich fällt ihm die zeitliche Konkordanz auf und ab diesem Moment beginnt er zu „spielen“: rechts… links. Sein Blick wandert zwischen den Bewegungen seiner Hand und denen der Räder hin und her: Wir schauen förmlich zu, wie er seiner Selbstwirksamkeit auf die Spur kommt und sie ebenfalls zu steuern beginnt. Sein Interesse an intentionaler Exploration und aufmerksamer Beobachtung entstehender Verbindungen zwischen vormals unabhängig voneinander wahrgenommenen Phänomenen wächst sichtbar.

All dies begeistert auch seine Mutter. Doch gibt sie zu bedenken, dass er trotz dieser beachtlichen Fortschritte noch immer nicht allein aus seiner Trinkflasche trinkt. Zwar nimmt er sie und führt sie zum Mund, hält sie dann aber nicht hoch genug.

Meine spontane Hypothese lautet, dass er noch immer jenes Streckmuster meidet, das ihn schon in der Bauchlage störte – ungeachtet all der Fortschritte, mit denen er inzwischen in die Aufrichtung strebt, wenn er sich vom Kniestand auf die eigenen Fersen setzt oder am Tisch festhalten will, um aufzustehen. Ich schlage vor, sein Interesse in die Höhe zu leiten, damit er den Blick und die Greifbewegung seines Armes über die eigene Kopfhöhe richtet. Ein Dinosaurier, mit dem wir kurz vorher schon gespielt hatten, bekommt plötzlich Flügel, fliegt über seinen Kopf hinweg – und spontan streckt er Blick und Hand danach aus. Mit der anderen Hand unterstütze ich die langgestreckte Kurve seiner oberen Wirbelsäule, die diese Greifbewegung des Armes trägt. Die Armlinie hört in der Schulter nicht auf: Vielmehr verläuft sie durch den Rücken bis zum Becken, von dem die Hebelbewegung des Armes letztlich getragen wird; das zu spüren hat Bastian jetzt Gelegenheit. Der Dinosaurier landet, und meine freigewordene Hand lege ich auf Bastians Brustbein: ein drittes Auge, das wie die zwei anderen nun den Blick gehoben hat.

Die Streckung im Rücken mit befreitem Brustbein hilft auch, schneller zu krabbeln. Ehe sich die Mutter versieht, ist Bastian ins Badezimmer entwischt: Er liebt es, die Waschmaschine zu betrachten. Aber das ist verboten. Zum ersten Mal höre ich ihn protestieren: Nachdem er letztes Mal mit klar orientierter Intention zu handeln begonnen hatte, taucht heute seine Fähigkeit auf, auch Frust zu zeigen: ein großer und wichtiger Fortschritt! 

An sich drücken und Gegendruck bieten, Halt geben und aushalten: im physischen Raum, im zwischenmenschlichen Beziehungsraum … „beziehungs“weise im „Er“ziehungsraum

Unsere fünfte Begegnung beginnt damit, dass Bastian mir zeigt, wie leicht er sich jetzt am Tisch in den Stand hochzieht. Allerdings hat er noch nicht herausgefunden, wie er wieder zum Boden gleiten kann: daher endet diese Sequenz jedes Mal mit Weinen, damit seine Mutter ihm hilft.

Ich versuche es mit einem niederen Hocker, den ich neben ihn stelle. Meine Idee ist, auf dem Weg von oben nach unten eine Zwischenstufe einzubauen. Doch als ich mich anschicke, seine Hände zu dieser zusätzlichen Stütze hin zu begleiten, antwortet er mit einer ängstlichen Rückwärtsbewegung und landet auf dem Po. Bestätigt in Angst und Frust seiner Vorahnung, beklagt er sich weinend.

Sarah beschreibt außerdem die unglücklichen Umstände eines kürzlich erfolgten chirurgischen Eingriffs, dessen Erfolg unsicher bleibt. Bastian hatte Grippe, wurde dennoch operiert, und die Unfreundlichkeit des Personals hat Sarah derart betroffen gemacht, dass sie ihren Job gekündigt hat: Krankenschwestern auszubilden und dann als Mutter von deren Umgang schockiert zu sein, war zu viel. Bastian ist seither anhänglicher denn je und will nur noch bei den Eltern seinen Schlaf finden.

Während sie mir von diesen emotionalen Umschwüngen berichtet, schaue ich Bastian bei seinen wiederholten Versuchen zu, sich aufzurichten und wieder hinzusetzen. Auffallend ist, dass er jeweils den Po zurückbewegt, gleichzeitig aber Angst hat vorm Fallen – und genau das geschieht auch und bestätigt seine Vorahnung. In der Tat vergisst er, die Gewichtsverlagerung des Beckens hinter seinen Masseschwerpunkt mit dem Gegengewicht einer Rumpfbeugung nach vorne zu kompensieren. Hinsetzen klappt nur, wenn man dem Fall ein Gewicht „entgegen“setzt. 

Wenn er diesen Versuch in der Nähe seiner Mutter unternimmt, hilft sie ihm, indem sie seinen Rücken mit ihrer Hand stützt, sodass er sich daran anlehnen kann und sie den Sturz abfedert.

Ich mache sie darauf aufmerksam, dass sie ihm in diesem tonisch-emotionalen Dialog zwar Sicherheit gibt, ihn allerdings auch einlädt, sich rückwärts zu lehnen. Die Sicherheit liegt also förmlich „in ihrer Hand“, und nicht etwa in seiner Aneignung einer dem Vorhaben angemessenen Gleichgewichtsregulation. In der Tat müsste er ja den Oberkörper vorlehnen, um sich zunächst bei Bedarf mit den Armen abstützen bzw. gar auffangen zu können und schließlich auch ohne diese Stütze die Gewichtsverlagerung nach hinten mit entsprechender Vorwärtsbeugung auszuloten.

Nun verstehe ich besser, warum er den kleinen Stuhl als Zwischenstufe nicht annehmen konnte: Er verstand das Angebot nicht und immer noch kreisen wir um dasselbe alte Thema, die Bauchlage zu meiden. Meine dahingehende Deutung bestätigt Sarah sofort: „Das ist in der Tat eine immer häufiger auftretende Sorge derzeit: Ganz anders, als es bei seinem Bruder damals war, denkt Bastian überhaupt nicht daran, sich mit den Armen abzufangen, wenn er hinfällt. Oft tut er sich wirklich weh!“ Wir sind uns einig, dass wir weiteren Risiken dieser Art vorbeugen sollten. Dringend muss Bastian lernen, sein Vertrauen in die Erkundungen zu „setzen“, die vor ihm liegen – und nicht hinter ihm.

Ich lasse Sarah selbst ausprobieren, wie der ganze Körper um sein imaginäres Lot der Mittellinie herum federt: Stellen Sie sich hin, ziehen Sie die Linie vom Schopf zwischen die Füße, lassen Sie die Füße stehen und beugen Sie Hüften und Knie. Merken Sie, dass Sie gar nicht anders können als den Oberkörper vorzubeugen, wenn Sie nicht zurückfallen wollen?

Sarah federt zweimal aufmerksam, kniet sich zu Bastian, der ihr ebenso aufmerksam zuschaute, nimmt ihn in die Arme und sagt: „Mein lieber Junge, Entschuldigung! Das hatte ich nicht verstanden!“

Fortan ist ihr klar, dass sie ihm von vorne Halt bieten muss, auf den er sich stützen kann. Rückhalt ist manchmal Hinterhalt; er fängt auf, bietet aber keinen Halt zum aktiven Vorwärtsstreben.

Über das Risiko der Fallbewegung und der Suche nach sicherem Halt hinaus bringt uns diese Situation dazu, auch andere Vermeidungsstrategien anzusprechen. So vermeidet Bastian jede Selbstwirksamkeitserfahrung, indem er sich vor jeder Herausforderung weinend in Mamas Schoß verkriecht. Und anstelle einer altersgerechten Trotzreaktion meidet er jeden Frust und Konflikt, indem er den Arm ausstreckt und irgendwohin zeigt, als verlangte er nach etwas: Sarah ist immer bemüht herauszufinden, was ihn interessiert und vergisst darüber das vorige Thema der Interaktion. Ihr ist bereits selbst aufgefallen, dass es ihr oft schwerfällt, den Sinn seiner Wunschbekundung zu entziffern. Oft endet es damit, dass sie das ganze Regal abräumt, bis zu den Musikbüchern. Und Bastian weiß ganz genau, dass er mit Musik „auf Knopfdruck“ Mamas gute Laune für sich gewinnt.

Mamas Aufmerksamkeit, von dem abzulenken, was ihm Angst macht, ist natürlich keine angemessene Strategie, diese Angst bewältigen zu lernen. Ich zeige Sarah, wie sich Bastians Intentionalität in gerichteter Aufmerksamkeit und Handlung in den vergangenen Wochen entwickelt hat. Es ist offensichtlich, dass sie nicht mehr jedem ausgestreckten Zeigefinger Folge leisten muss, um seine intrinsischen Motivationsgefüge zu fördern. Die aktuelle Vermeidungsstrategie erlaubt ihm, weder emotionale Fähigkeiten wie Frusttoleranz, Konfliktvermögen und Reparationsverhalten nach ausgestandener Dissonanz zu entwickeln, noch zwecks Wunschäußerung und Oppositionsverhalten sprachliche Kommunikation zu nutzen. Gar motorische Fortschritte zu entfalten, verweigert er sich selbst, wenn er sich von keiner Wut „aus dem Gleichgewicht bringen“ lässt.

Wir erarbeiten also zwei Themen und ihre Verwandtschaft: Bastians Zurückschrecken vor der Bewegung nach vorn, gepaart mit Sarahs Scheu, ihm in der Konfrontation tatsächlich die „Stirn“ (Front) zu bieten. Im Körper- wie im Beziehungsraum meiden beide Interaktionspartner die Entscheidung, die vorwärts führen könnte.

Sarah setzt sich auf ihr Sofa, um mir den Scheck mit meinem Honorar auszustellen. Bastian zieht sich am Sofa hoch und läuft seitwärts zu ihr hin. Wieder stellt sich die Frage: Wie geht es weiter? Ich schlage ihr vor, ein Sofakissen auf den Boden vor sich zu legen, damit er vorwärts darauf fallen kann. „Ach so, meinen Sie wirklich?“ Bastian sucht ihren Blick und streckt den Finger zum Regal aus. Sie greift zu dem kleinen Stuhl, stellt ihn neben sich – und als Bastian fällt, führt der Weg über eine kurze, bislang noch versehentliche Stütze auf der Sitzfläche, ehe sein Po auf dem Boden landet. Noch ehe er zum Weinen kommt, sagt sie bestimmt: „Ja ich weiß, du willst wieder Bücher, aber jetzt gerade hast du es prima geschafft, mithilfe des Stuhls vom Stehen wieder auf den Boden zu kommen!“ 

Prima finde ich vor allem, wie Sarah plötzlich verstanden hat, ihren Sohn auf seinem Entwicklungsweg nach vorne zu begleiten: Ganz klar hat sie verweigert, seinem Fingerzeig zu folgen, sondern im Gegenzug seine Aufmerksamkeit auf die Herausforderung zentriert, die er soeben bereits mit Erfolg bewältigt hat. Mit anderen Worten: weiter geht’s!

 

 

Orphal, Annette (2013)

Bewegung, Lernen und Entwicklung

Ein praxisbezogener Dialog zwischen der Entwicklungspsychologie nach Henri Wallon und der Feldenkrais-Methode

Lehmanns Media

Emotionale Sicherheit findet ihre Verankerung in frühkindlichen Beziehungserfahrungen. Daher wird in Kinderkrippen darauf geachtet, dass jedes Baby Vertrauen zu einer feinfühligen, ihm eindeutig zugewandten Bezugsperson fassen kann. Dennoch fällt auf, dass manche Babys es schwerer haben als andere, ihre explorativen Möglichkeiten im neuen Umfeld zu nutzen. Annette Orphal beobachtet diese Probleme insbesondere bei solchen Kindern, deren Bewegungskoordination kein ausreichendes Gleichgewicht als Basis für furchtlose Orientierung gewährt. Dies ergibt die Leitfrage: Wie lassen sich Funktionen wie Gleichgewicht und Orientierung so beschreiben, dass wir ihre Einbindung in zeitgleich entstehende Bindungsmuster erklären können, jene Bindungsmuster also, die im Verlauf frühkindlichen Lernens die emotionale Sicherheit/Unsicherheit prägen? Es wird die These diskutiert, dass emotionale Sicherheit aus Erfahrungen der Selbstwirksamkeit in der subjektiven Begegnung mit dem sozialen, aber auch dem physischen Raum (insbesondere also der Schwerkraft) resultiert. Letzteres bleibt in Psychologie und Pädagogik weitgehend unbeachtet. Mithilfe der umfassenden Entwicklungstheorie von Henri Wallon (1879–1962), Vorreiter der französischen Kinderpsychologie, können wir psycho-motorische Entwicklung im Sinne selbstorganisierender Prozesse in Systemen von Subjekt – Tätigkeit – Objekt verstehen, um sie in erzieherischer und therapeutischer Praxis sinnbildend zu begleiten.

„Durch Handlung entsteht nach Henri Wallon Bewusstsein. Dabei werden Organik und Bewusstsein als sich gegenseitig bedingend betrachtet. Das Verständnis von Feldenkrais von ‚funktioneller Bewegung‘ lässt deutliche Nähe zur Handlungsanalyse von Wallon erkennen. Die Gemeinsamkeit beider Autoren wird sehr differenziert dargelegt, da diese sensomotorische Prozesse als Basis höherer Funktionen der Psyche verstehen. Annette Orphal liefert eine sehr differenzierte Darstellung der psychomotorischen Entwicklung von Kindern, die als einzigartig im deutschsprachigen Fachdiskurs zu betrachten ist.“ (Prof. Dr. Ruth Haas)

 

Dr. phil. Annette Orphal

Annette Orphal arbeitet seit knapp 20 Jahren als Psychologin in Kinderkrippen sowie in freier Praxis in sozialen Brennpunkten der Pariser Vorstädte. Selbst als Kind deutscher Eltern im Pariser Großraum geboren und dort sowie in Deutschland aufgewachsen, hat sie im Rahmen ihres Psychologie- und Soziologiestudiums (in Amiens und Paris) ihr Interesse für Prozesse der Identitätsbildung und kultureller Integration vertieft und über den Weg eigener Erfahrung als Mutter dreier ebenso zweisprachiger Kinder begonnen, die hiermit verbundenen Fragestellungen im Bereich frühkindlicher Pädagogik zu erforschen. Die parallel erfolgte Ausbildung in der Feldenkrais-Methode veranlasste sie, einen Ansatz zu entwickeln, der bereits an der vorsprachlichen Begegnung mit den Allerjüngsten anknüpft, um diese aktiv und sinnbildend in ganzheitliche Konzepte der Erziehung und insbesondere der Fremdbetreuung einzubinden. Im Rahmen verschiedener Lehraufträge vermittelt sie ihre Erfahrungen aus Theorie und Praxis an Lehrer/-innen, Erzieher/-innen, Tagesmütter, Therapeuten und Therapeutinnen sowie Psychomotoriker/-innen weiter. 

Jedes Interesse an ihrer Arbeit, konstruktive Kritik und weiterführende Anregungen werden den uns anvertrauten Kindern zugutekommen und sind an folgende Adresse gerne willkommen:

annette.orphal@orphal.fr

Emmy ist ein fünf Jahre altes, aufgewecktes Mädchen mit Trisomie 21. Mit ihren langen, blonden Haaren steht sie mitten im Laub und hält ein Blatt.
Emmy ist ein fünf Jahre altes, aufgewecktes Mädchen mit Trisomie 21. Mit ihren langen, blonden Haaren steht sie mitten im Laub und hält ein Blatt.
Fotoessay
Mario Wezel

One in eight hundred

Mario Wezel dokumentiert in seiner preisgekrönten Arbeit das Leben einer dänischen Familie mit deren Tochter, die das Down-Syndrom hat. Seine Fotos zeigen den Alltag von Emmy und ihrer Familie, also wie es ist, ein Kind mit Trisomie 21 großzuziehen.

Emil, 13 Jahre alt, ist ein cooler Junge mit Trisomie 21: Er trägt Brillen, eine Haube hat die Hände in seiner schwarzen Jacke.
Emil, 13 Jahre alt, ist ein cooler Junge mit Trisomie 21: Er trägt Brillen, eine Haube hat die Hände in seiner schwarzen Jacke.
Inklusive Gesellschaft
Sebastian Hofer

Leider nein

Österreich lässt junge Menschen mit Behinderung systematisch im Stich. Ein Beispiel unter vielen: Emil, Teenager mit Down-Syndrom.

Die Farben Blau, Gelb, Orange und Grün dominieren das Bild. Florale Formen, die mit Schwarz umrandet und dann ausgemalt sind.
Porträtfoto von Dr.in Silke Reimer.
Fachthema
Silke Reimer

„Hat er denn auch schön mitgemacht?“ – Entwicklungspsychologisch orientierte Musiktherapie bei Menschen mit komplexer Mehrfachbehinderung

Wie kann Kontakt mit Menschen mit komplexer Behinderung gelingen? Wie kann Gemeinsamkeit erlebt werden, wenn ein Mensch in seiner eigenen Welt verschlossen zu sein scheint? Wie können Ruhe und Aufmerksamkeit entstehen, wenn ein Mensch im Alltag häufig unruhig und angespannt ist? Und vor allem: Was kann Musiktherapie zu einem positiven Erleben und zur Entwicklung von Beziehungsfähigkeit beitragen?

Eine Kissenschlacht: Die Pflegemutter Kerstin Held und ihr Pflegekind Cora haben richtig Spaß.
Eine Kissenschlacht: Die Pflegemutter Kerstin Held und ihr Pflegekind Cora haben richtig Spaß.
Leben mit behinderten Pflegekindern
Vivian Pasquet, Jacobia Dahm

Leben mit behinderten Pflegekindern

„Mach was aus deinem Leben!“, sagten Freunde zu ihr. „Ich mach doch was“, antwortete Kerstin Held – und nahm Pflegekinder mit Behinderungen bei sich auf, neun im Lauf der Zeit: Kinder mit Autismus, Kinder mit Behinderungen durch den Alkoholabusus ihrer Mütter, Kinder mit begrenzter Lebenserwartung. Warum tut sie das?

Ein Herbstbild, das durch seine Farbenvielfalt besticht. Es leuchtet in Grün, Gelb, Blau, Orange und Rot. Zu sehen sind Äpfel, Blätter und ein Stamm.
Porträtfoto von Anna Mitgutsch.
Essay
Anna Mitgutsch

Diagnosen können retten oder zerstören