Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten

 

Eine Mutter umarmt ihr Kind. Beide sitzen in einem farbigen und lichtdurchtränkten Raum und sind sichtlich beeindruckt.

Mit allen Sinnen genießen – der Themenpark De Belevenis im niederländischen Arnheim macht’s möglich.

Foto: www.debelevenis.nl
Anderswo
Oliver Schulz

Ein Vergnügungspark für alle Sinne

Der Themenpark De Belevenis im niederländischen Arnheim ist genau das Richtige für Menschen mit Behinderung oder Demenz, aber auch für schwerkranke Kinder. Sie können hier mit allen Sinnen genießen und sich nach Herzenslust austoben, fühlen, hören und sehen.

Kinder rollen durch eine Tür mit runden Bögen in einen Raum. Auf die Wände sind Symbole und Figuren, Buchstaben und Landschaften projiziert. Sie fassen darüber und geometrische Formen fliegen mit einem luftigen Geräusch hoch wie Schmetterlinge. Eine Windmühle beginnt sich zu drehen. Eine stilisierte Blume schlängelt sich über die interaktive Wand. „Oh“ und „Ah“ rufen sie, als die Wand dunkler wird und die Nacht eintritt. Das Video, das die ehrenamtlichen Mitarbeiter haben machen lassen, zeigt das „Theater“ in De Belevenis, einem Themenpark der besonderen Art. Übersetzt heißt De Belevenis: „Das Erlebnis“. Und genau darum geht es hier.

Nicht die Einschränkungen, sondern ihre Möglichkeiten sind hier für alle Aktivitäten von zentraler Bedeutung. Gemeinsam mit ihren Betreuern, Eltern oder mit der ganzen Familie können Menschen mit Behinderung einen Ausflug unternehmen, zusammen genießen, Erfahrungen sammeln und sich gegenseitig inspirieren. Die Stärke und Erfahrung der Besucher steht dabei im Mittelpunkt.

Endlich dauerhafter Standort

Jahrelang war De Belevenis eine mobile Angelegenheit, untergebracht in einem schlichten weißen Großraumzelt. Um möglichst viele Betroffene zu erreichen, zog der Park zunächst wie ein Zirkus durch die Niederlande. 2012 wurde dann die Stichting De Nieuwe Belevenis gegründet, die „Stiftung Neues Belevenis“. Ziel war es, einen dauerhaften Ort für den Park zu schaffen. In Absprache mit der Gemeinde Arnheim und der Pflegeorganisation Siza fand die Stiftung schnell einen geeigneten Platz.

Heute umfasst De Belevenis zwei Angebote: Das mehr auf die passive Erfahrung ausgerichtete Angebot Mini-Belevenis gibt es schon länger. Ende letzten Jahres eröffnete zudem das auf Interaktion ausgerichtete Belevenis-Theater. Dort können die Besucher mit dem Auto, Boot, Zug oder Ballon sozusagen eine Reise unternehmen. Sie können auf besondere Art und Weise fühlen, hören und sehen – jeder in seinem eigenen Tempo.

Aktion und Ruhe im Gleichgewicht

Die Attraktionen, die Landschaft, die Musik, die Klänge, die Licht- und Videoeffekte, das Spielmaterial und die Aktivitäten – all das soll die Sinne anregen. Anreize bieten, um für die Umwelt zu sensibilisieren, ihn oder sie dazu anregen, etwas damit zu tun und Kontakt mit jemand anderem und dieser Umgebung aufzunehmen. Es ist eine Art des Erlebens, die zu den Wünschen und Möglichkeiten eines jeden passt – mit einem feinen Gleichgewicht zwischen Aktion und Ruhe.

Im Video über den Themenpark gehen und rollen die Kinder weiter durch die verschiedenen Räume des Theaters. Einer krabbelt auf allen Vieren über den Boden. Im nächsten Raum hängen Ballons von der Decke. Nebenan setzen sich die Besucher in ein stilisiertes weißes Cabriolet. Drücken die Hupe. Ein Film läuft ab, ein Simulator. Sie spüren den Wind in ihren Haaren.

In einem runden, turmartigen Raum sind fast surreal anmutend auf Borden gelbe Holzschuhe, russische Matrjoschka-Puppen, japanische Winkekatzen, ein Holzpferd und ein hölzernes Segelboot, ein roter Spielzeugbus aufgebaut. In einem weiteren Raum sind Koffer an der Wand angebracht oder liegen auf Borden. In einigen liegen bereits Objekte: Reisekataloge, eine Schwimmbrille, ein schwarzes Schmusetier mit einem Auge. Die Kinder können ihren eigenen Koffer mitnehmen und alle Andenken genießen.

Farbenpracht

Aber natürlich sollen sich die Gäste von De Belevenis auch entspannen. Im anschließenden Raum ziehen vor den Fenstern einer roten Bettstatt gemächlich gemalte Landschaften vorbei, Wiesen und Kuh, Gärten und Holzhaus, Städte mit schmalen mehrstöckigen, typisch holländischen Häusern. Ein Mädchen liegt mit der Betreuerin lachend auf dem roten Sofa. Noch mehr Entspannung bietet Mini-Belevenis gleich nebenan: eine Unterwasserwelt, ein schöner Dschungel, der orientalische Garten und eine Winterwelt. Die Besucher genießen die Farben und die vielen Dinge, die sie anfassen können.

Individuelle Bedürfnisse

Petri Embregts, Professorin für Sozial- und Verhaltensforschung an der Universität Tilburg, hebt besonders den individuellen Ansatz von De Belevenis hervor. „Jeder Mensch, egal wie begrenzt oder verrückt, ist einzigartig. Jedes Individuum hat das Recht auf ein Leben, das wirklich mit der eigenen Persönlichkeit übereinstimmt. Was mir an den Theatern besonders gefällt, ist, dass De Belevenis dabei helfen kann, (neu) herauszufinden, was zu Menschen mit Behinderung oder Demenz passt und was nicht. Wenn sie dies gemeinsam mit anderen entdecken, ist es besser möglich, ihrem Leben zusätzliche Qualität zu verleihen. Und das alles wird dann zu einem gemeinsamen Erlebnis, weil auch Eltern, Kinder, Brüder, Schwestern und Fachleute diesen schönen Ort besuchen. Sie können zusammen Spaß haben, Erfahrungen sammeln, lernen, miteinander in Kontakt treten und sich gegenseitig inspirieren. Die Theater wurden so entwickelt und gestaltet, dass sie Menschen mit und ohne Einschränkungen zusammenbringen. Mit dem Belevenis-Theater wurde eine Umgebung geschaffen, die den Kontakt anregt.“

Gemeinsames Erlebnis

Menschen mit Behinderung oder Demenz seien meist Pflegeobjekte, für die Interpretation ihrer Bedürfnisse und Wünsche auf andere angewiesen. Andere bestimmten oft für sie, was gut und angenehm ist. „Aber für diese Menschen ist es sehr wichtig, dass sie selbst beeinflussen können, was sie wollen. Dafür bieten die Theater sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinn Raum. Außerdem kommen hier auch Fachleute auf der Grundlage einer gemeinsamen Erfahrung miteinander in Kontakt und versuchen herauszufinden, was die andere Person außerhalb der vielen Pflegetätigkeiten braucht, die im täglichen Leben dieser Menschen stattfinden. Zusammen erleben sie einen ,Nicht-Pflege-Moment‘“.

Es werde für die Gesellschaft immer wichtiger, dass nicht nur Experten, sondern auch informelle soziale Netzwerke wie die Familie in die Betreuung eingebunden werden, betont die Wissenschaftlerin: „Nicht nur, um praktische Unterstützung zu bieten, sondern auch, weil sie emotionale Unterstützung, Sicherheit und Vertrauen bieten können. Die Theater von De Belevenis fördern diese Bewegung. Sie können zu einem Ort werden, den sie öfter besuchen möchten. Weil es schön ist, gemeinsam dort zu sein, aber auch für sich selbst. Um gemeinsame Erfahrungen zu sammeln und gute Erinnerungen aufbauen. Um wieder nur ein Kind sein zu können – oder Elternteil, Bruder, Schwester, Freund oder Kumpel.“

Selbst bestimmen

„Große Konzepte werden Wirklichkeit, wenn man sie klein macht“, sagt Embregts: „Jede Erfahrung in De Belevenis ist klein, aber groß an sich, großartig geradezu, weil es Erfahrungen sind, bei denen Menschen mit Behinderung oder Demenz die Kontrolle über das übernehmen können, was sie wollen, fühlen, hören und sehen wollen. Weil es sie in die Lage versetzt, die Kontrolle über die andere Person, ihre Familie, ihren Vorgesetzten zu übernehmen. Und weil die andere Person, der Vorgesetzte oder das Familienmitglied (neu) entdeckt, was der Vater oder die Mutter mit Demenz, der Sohn oder die Tochter mit der mehrfachen Behinderung, abgesehen von Momenten der Pflege nur als Person, als einzigartige Person benötigt. Und das ist, glaube ich, für das tägliche Leben besonders wichtig.“

Um all das zu ermöglichen, ist ein erheblicher Aufwand nötig. Sechs Ehrenamtliche arbeiten derzeit für De Belevenis. Möglich gemacht wird das Projekt aber auch durch die vielen Organisationen, die dahinterstehen. Zudem bedarf es aber finanzieller Ressourcen. De Belevenis ist als Stiftung auf Unterstützung angewiesen. De Belevenis sei ein Erfolgskonzept, sagt Stephan Weiland von der Organisation Siza, der ehrenamtlich für de Belevenis arbeitet. „Es ist einfach schön zu sehen, dass diese Art von Animation für behinderte Menschen sehr gut funktioniert.“ Aber es sei bis heute eine Herausforderung, Ehrenamtliche dafür zu gewinnen, bei der täglichen Arbeit zu helfen. Auch weitere Unterstützer für die Stiftung zu finden, damit sie wachse, sei eine zentrale Aufgabe.“

Inspirierende Erfahrungen

Im Video über den Themenpark ziehen die kleinen Besucher weiter. Auf einem weißen kleinen Segelboot wackelt ein Bett. Im Hintergrund fliegen auf einem Bild, das die ganze asymmetrische Wand einnimmt, Möwen. Ein Ballon schwebt darüber. Die Kinder jauchzen. Das sind die inspirierenden Erfahrungen, die die holländische Professorin Petri Embregts in ihrer Einschätzung von De Belevenis meint.

www.debelevenis.nl

Willi sitzt vor einer großen Trommel und bearbeitet diese lustvoll mit zwei Schlägeln, seine Mutter lacht im Hintergrund.
Willi sitzt vor einer großen Trommel und bearbeitet diese lustvoll mit zwei Schlägeln, seine Mutter lacht im Hintergrund.
Willis Insiderwissen
Birte Müller

Teilhabe oder Ganzhabe?

Im letzten Jahr ging der Fall der 14 Jahre alten Hannah Kiesbye durch die Medien: Sie hatte keine Lust mehr, einen Schwerbehindertenausweis vorzeigen zu müssen. Sie wollte stattdessen lieber einen Schwer-in-Ordnung-Ausweis.

Farbenkräftige Landschaft mit zwei Figuren: Die kleinere Figur blickt den Betrachter an, die zweite ist von hinten zu sehen.
Porträtfoto von Professor Dr. Wolfgang Hinte, dem „Vater“ des Konzepts Sozialraumorientierung.
Fachthema
Wolfgang Hinte

Sozialraumorientierung – ein Fachkonzept für die Behindertenhilfe

„Sozialraumorientierung“ wird im Fachdiskurs mittlerweile nahezu beliebig für alle möglichen Debatten und Aktivitäten herangezogen, die sich in irgendeiner Weise auf Wohnquartiere, Stadtteile oder „Sozialräume“ beziehen. Dabei steht häufig der territoriale Aspekt im Vordergrund, was regelmäßig zu Verkürzungen führt, die nahelegen, dass es bei der Sozialraumorientierung um Regionalisierungsprozesse, die Ablösung professioneller Tätigkeit durch ehrenamtliche Personen aus dem Quartier oder um eine verbesserte Kooperation verschiedener Einrichtungsträger ginge. Tatsächlich jedoch handelt es sich bei dem Fachkonzept Sozialraumorientierung um ein über viele Jahre hinweg in enger Verzahnung von Theorie und Praxis entwickeltes, in der Tradition der Gemeinwesenarbeit stehendes Konzept für Soziale Arbeit, das zunächst in der Jugendhilfe entwickelt wurde und im Rahmen der Inklusionsdebatte in der Behindertenhilfe enorme Aufmerksamkeit erfährt (dazu Theunissen 2012; Krammer 2017).

Eine Frau – sie hat MS – wird aus dem Auto gehoben. Ihre rechte grazile Hand hält sich an der Schulter einer anderen Frau fest.
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Fotoessay
Sina Niemeyer

Mama hat MS

2006 hat Konny Hoffmann die Diagnose Multiple Sklerose erhalten. Zwei Jahre lang begleitete die Fotografin Sina Niemeyer die mittlerweile 52-Jährige und ihre Tochter Lea, 26. – entstanden sind berührende Fotos.

Zwölf Menschen – einer im Rollstuhl, einer mit Trisomie 21 – sitzen im Halbkreis in der Wiese und genießen ihr Zusammensein.
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Sozialraumprojekt in Österreich
Waltraud Engl

„Ich mach mir die Welt, so wie sie mir gefällt!“

Das Projekt P.I.L.O.T. – Begleitung für junge Menschen mit erhöhtem Unterstützungsbedarf

Kleinteilige, farbige Flächen, die sich aus baumartigen, spitzen und runden Formen zusammensetzen.
Porträtfoto von Marlis Pörtner.
Fachthema
Marlis Pörtner

Die personzentrierte Arbeitsweise

Die personzentrierte Arbeitsweise, die ich in meinen Büchern beschrieben habe, ist ganz auf die praktische Arbeit im Alltag sozialer Institutionen zugeschnitten: Einrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung, für alte und pflegebedürftige Menschen, psychiatrische Kliniken, usw. – also im weitesten Sinne für Menschen, die in irgendeiner Form Betreuung brauchen. Es vermittelt den Mitarbeiterinnen konkrete Handhaben, wie sie mit den ihnen anvertrauten Menschen, vor allem auch solchen mit geistiger Behinderung, personzentriert arbeiten können.