Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten

 

Kleinteilige, farbige Flächen, die sich aus baumartigen, spitzen und runden Formen zusammensetzen.

Die Bilder zu den Thema-Artikeln stammen aus der malwerkstatt von Jugend am Werk in Graz: Peter Milosavljevic, o. T., Edding auf Papier, 71 × 100 cm, 2016.

Foto: Copyright Peter Milosavljevic
Fachthema
Marlis Pörtner

Die personzentrierte Arbeitsweise

Die personzentrierte Arbeitsweise, die ich in meinen Büchern beschrieben habe, ist ganz auf die praktische Arbeit im Alltag sozialer Institutionen zugeschnitten: Einrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung, für alte und pflegebedürftige Menschen, psychiatrische Kliniken, usw. – also im weitesten Sinne für Menschen, die in irgendeiner Form Betreuung brauchen. Es vermittelt den Mitarbeiterinnen konkrete Handhaben, wie sie mit den ihnen anvertrauten Menschen, vor allem auch solchen mit geistiger Behinderung, personzentriert arbeiten können.

Erfreulicherweise findet die personzentrierte Arbeitsweise allmählich zunehmend Verbreitung. Es hat sich gezeigt, dass es nicht nur den betroffenen Menschen besser geht, wenn so gearbeitet wird, sondern auch den Mitarbeitenden, weil die Arbeit auf diese Weise für sie leichter und befriedigender ist.

Das Konzept beruht auf der Grundlage des Ansatzes von Carl Rogers, dem Begründer der personzentrierten Psychotherapie. Er vertrat die Überzeugung: Wir wissen nicht, was für andere Menschen gut ist, unsere Fachkompetenz besteht darin, ihnen behilflich zu sein, das für sich herauszufinden.

Was heißt personzentriert arbeiten?

Personzentriert arbeiten heißt: nicht von Vorstellungen ausgehen, wie Menschen sein sollten, sondern davon, wie sie sind, und von den Möglichkeiten, die sie haben. Personzentriert arbeiten heißt, andere Menschen in ihrer ganz persönlichen Eigenart ernst nehmen, versuchen ihre Ausdrucksweise zu verstehen, und sie dabei unterstützen, eigene Wege zu finden, um – innerhalb ihrer begrenzten Möglichkeiten – angemessen mit der Realität umzugehen. 

Personzentriert arbeiten heißt: mit den betroffenen Personen, nicht für sie Probleme lösen, Projekte entwickeln und Entscheidungen treffen. Es heißt: ihre unterschiedlichen Fähigkeiten, Bedürfnisse und Ansichten erkennen und einbeziehen und ihnen im Rahmen ihrer Möglichkeiten Selbstverantwortung zutrauen. Personzentriert arbeiten heißt: die Ressourcen eines Organismus – sei das nun eine Person oder eine Gemeinschaft – aufspüren und fördern. Mit „fördern“ ist jedoch nicht gemeint, für andere Menschen Ziele festzulegen, die sie erreichen sollen (auch wenn sie uns noch so sinnvoll erscheinen mögen), sondern: Bedingungen schaffen, in denen Menschen Entwicklungsschritte machen können, aber nicht müssen.

Personzentriert arbeiten heißt auch: den jeweiligen Bezugsrahmen klar erkennen. Da ist einerseits der gegebene Rahmen: das Umfeld, in dem der betreffende Mensch lebt – sei es allein in einer eigenen Wohnung, mit anderen zusammen in einer Wohngemeinschaft, in der Familie oder in einer Einrichtung für behinderte Menschen – die finanziellen Mittel, die zur Verfügung stehen, die Kompetenzen und Aufgaben der beteiligten Personen usw. All das muss berücksichtigt und transparent gemacht werden. Andererseits kann es in gewissen Bereichen und in bestimmten Situationen manchmal notwendig sein, einen Rahmen zu setzen, damit Ressourcen frei werden und Fähigkeiten sich entwickeln können. Wie dieser Rahmen beschaffen sein soll, damit er nicht einengt, sondern Schutz bietet und Freiraum absteckt, ist je nach Berufsfeld, Aufgabe und individuellen Gegebenheiten verschieden. Den geeigneten Rahmen zu erkennen und zur Verfügung zu stellen, ist ein zentraler Aspekt personzentrierter Arbeit mit Menschen, die in irgendeiner Form Betreuung oder Begleitung brauchen.

Entscheidend ist dabei, die Menschen weder zu überfordern noch zu unterfordern. Beides ist dem seelischen Wohlbefinden nicht zuträglich und begünstigt psychische Störungen. Von dieser Gratwanderung zwischen Überforderung und Unterforderung fühlen sich die Bezugspersonen selbst manchmal überfordert, denn der Grat ist sehr schmal, und es ist nicht immer leicht, hier die richtige Balance zu finden. Rezepte dafür gibt es nicht – das gilt grundsätzlich für diesen Arbeitsbereich –, aber es gibt konkrete Orientierungshilfen.

Einige der Orientierungshilfen, die ich in Ernstnehmen, Zutrauen, Verstehen formuliert habe, sollen nachstehend kurz skizziert werden. Die in dem Buch dargelegten Handlungsgrundlagen und Richtlinien für den Alltag haben sich aus meiner langjährigen Erfahrung als Supervisorin und Praxisberaterin sozialer Institutionen ergeben, sowie aus meiner psychotherapeutischen Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung. Sie bieten ein Gerüst, an dem sich das Handeln orientieren kann und überprüfen lässt. Die zur Verfügung gestellten Kriterien beziehen sich auf die Lebensqualität und auf Entwicklungsmöglichkeiten der betreuten Personen und sind deshalb auch ein geeignetes Instrument für die Qualitätssicherung. Das Konzept definiert die gemeinsame Arbeitsgrundlage, einen verbindlichen Rahmen, der für alle beteiligten Mitarbeiter gelten muss, und steckt zugleich einen gewissen Spielraum für individuelle Arbeitsgestaltung ab. Damit sind wir bei einem ersten zentralen Aspekt dieser Arbeit: sowohl die betreuenden Personen als auch die Menschen, für die sie arbeiten, brauchen beides: einen verbindlichen Rahmen ebenso wie genügend Spielraum, um ihre individuellen Ressourcen nutzen zu können. 

Das Gleichgewicht zwischen Rahmen und Spielraum 

ist ein tragendes Element der Alltagsgestaltung. Dieses Gleichgewicht ist keine feste Größe, sondern muss immer wieder neu gefunden werden. Die Frage: Wie ist es in dieser konkreten Situation, für diesen Menschen, unter diesen Rahmenbedingungen und was hat Priorität? stellt sich stets von neuem. Rahmen und Spielraum bedingen sich gegenseitig, das eine ist nichts ohne das andere. Ein Rahmen ist nur dann sinnvoll, wenn er zugleich Spielraum absteckt, und Spielraum kann nur dann genutzt werden, wenn er überschaubar ist, also einen klaren Rahmen hat. Ist der Rahmen zu weit und für den betreffenden Menschen nicht überschaubar, kann das massive Unsicherheit und Ängste auslösen. Ist er zu eng und zu einschränkend, führt das – je nach Persönlichkeit – zu Apathie und Abstumpfung, oder zu Auflehnung und Aggressionen. 

Manchmal fehlt bei Menschen mit geistiger Behinderung oder bei alten Menschen mit Abbauerscheinungen nur ein kleines Verbindungsstück, eine Verknüpfung, die sie nicht machen können, um eine Situation zu überblicken oder zu bewältigen. Wenn die Bezugspersonen solche Lücken differenziert wahrnehmen, können sie dem betreffenden Menschen eine Stütze anbieten, die es ihm ermöglicht, sie zu überbrücken.

Stützen für selbständiges Handeln

können den persönlichen Spielraum erheblich erweitern und sind zugleich Bausteine für einen Rahmen, der hilft, aber nicht unnötig einschränkt. Dabei ist es wichtig, dass die Betreuenden sensibel auf die Reaktionen der betroffenen Menschen achten, denn ob das gefundene Gleichgewicht ihnen tatsächlich entspricht, können wir nur von ihnen selbst erfahren. Auch deshalb müssen Bezugspersonen

Die „Sprache“ des Gegenübers finden

Das ist etwas vom allerwichtigsten bei dieser Arbeit. Wenn wir die „Sprache“ eines Menschen nicht verstehen, sind wir nicht in der Lage, angemessen mit ihm umzugehen. Mit „Sprache“ ist hier nicht nur die verbale Sprache gemeint, sondern die gesamte Ausdrucksweise eines Menschen. Gerade bei denen, die nicht sprechen, ist es besonders wichtig, auch die ganz feinen nicht verbalen Signale wahrzunehmen und darauf einzugehen: ein kaum merkliches sich Anspannen oder Entspannen, eine Veränderung im Gesichtsausdruck, ein tiefer Atemzug, um nur einige zu nennen.

Wir müssen uns jedoch nicht nur darum bemühen, die Menschen, mit denen wir es zu tun haben, zu verstehen. Wir müssen auch eine „Sprache“ finden, die sie verstehen und die ihrem Erleben nahe ist. Nicht immer geht es dabei um die „richtigen Worte“, sondern oft auch um die „richtigen Gesten“. Die „Sprache“ des Gegenübers finden, heißt: anschaulich machen, sichtbar machen, Dinge so darstellen, dass sie für den anderen Menschen begreiflich und nachvollziehbar werden. Das kann auch heißen: ihn an der Hand nehmen und ihm etwas zeigen. In diesen Zusammenhang gehört ein weiterer Aspekt, der nicht sorgfältig genug beachtet werden kann:

Klarheit

ist für Menschen mit geistiger Behinderung und / oder psychischen Problemen, ebenso wie für alte Menschen mit Abbauerscheinungen und Orientierungsschwierigkeiten, ganz besonders wichtig, denn sie hilft ihnen, sich in der Realität zu orientieren. Das wird oft unterschätzt. Klare verständliche Information, selbst wenn sie etwas Negatives beinhaltet, ist eine unbedingte Notwendigkeit. Dabei muss stets der Bezugsrahmen des Gegenübers berücksichtigt werden: Was uns selbst klar und offensichtlich erscheint, ist es nicht immer auch für andere, besonders wenn ihre Auffassungs- und Denkfähigkeit eingeschränkt oder verlangsamt ist. Durch einfache, klare Hinweise in einer „Sprache“, die sie versteht, muss die Situation für die andere Person überschaubar und verständlich gemacht werden. Die Erfahrung zeigt immer wieder, wie sehr diffuse oder zweideutige Botschaften Menschen mit psychischen und geistigen Beeinträchtigungen verunsichern und verwirren und auffälliges Verhalten auslösen können.

Nicht was fehlt, ist entscheidend, sondern was da ist

Auch dieser Grundsatz der personzentrierten Sichtweise gilt nicht nur, aber ganz besonders für Menschen mit geistiger Behinderung. Für die Bezugspersonen heißt das: nicht ständig nur auf die Symptome der Behinderung starren, sondern viel aufmerksamer auf die Fähigkeiten achten, die der betreffende Mensch entwickelt, um mit dem Alltag zurechtzukommen und schwierige Situationen zu bewältigen – auch wenn diese ganz persönliche Art und Weise vielleicht nicht ganz dem entspricht, was üblicherweise erwartet und als „normal“ betrachtet wird. Menschen mit geistiger Behinderung müssen mit dem leben, was ihnen zur Verfügung steht, und dabei brauchen sie unsere Unterstützung. Wenn sie dauernd nur mit dem konfrontiert werden, was ihnen fehlt und was sie nicht können, untergräbt das jegliches Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten und entmutigt sie immer mehr. Das Potential zu Veränderung und Weiterentwicklung liegt nicht in den Defiziten, sondern in den ganz persönlichen Ressourcen – die möglicherweise verschüttet, nicht zugänglich oder nicht entwickelt sind. Auf die kommt es an, die gilt es aufzuspüren und zu fördern. Es ist manchmal erstaunlich, zu welch unerwarteten Schritten behinderte Menschen plötzlich fähig sind. Schritte, welche die Bezugspersonen ihnen niemals zugetraut hätten oder die ihnen gar nicht in den Sinn gekommen wären. Selbst wenn diese Schritte nicht sehr groß sind, so weisen sie doch darauf hin, dass etwas da ist, das entwickelt und genutzt werden könnte.

Die kleinen Schritte

werden im Alltag allzu leicht übersehen. Sie können jedoch gar nicht genug beachtet und ermutigt werden, denn jeder Schritt, und sei er noch so klein, beweist die Fähigkeit, Schritte zu machen und birgt das Potential zu weiteren Schritten.

Menschen mit geistiger Behinderung sind in der Regel langsamer und können weniger große Abschnitte überblicken als wir. In einem weitgehend vom Tempo der „Normalen“ bestimmten Alltag erleben sie permanent, dass sie überrannt werden und nicht mitkommen. Leichter behinderte Menschen entwickeln oft ein erstaunliches Geschick, das zu überspielen. Die Bezugspersonen merken es meist gar nicht und überfordern sie noch mehr. 

Die Erfahrung des Ungenügens, des Nicht-Nachkommens ist für viele Menschen mit Behinderungen so allgegenwärtig und erdrückend, dass ihnen die Bedeutung der kleinen Schritte, die ihnen hin und wieder gelingen, gar nicht bewusst wird. Es lohnt sich, solche kleinen Schritte geradezu „mit der Lupe zu suchen“ und sie zu bestärken, selbst wenn sie eine andere Richtung einschlagen als die Bezugspersonen erwarten. Das schafft ein Gegengewicht zu dem ständigen Gefühl, nicht zu genügen und minderwertig zu sein, das vielen Menschen mit geistiger Behinderung, aber auch älteren Menschen, deren Fähigkeiten abnehmen, sehr zu schaffen macht. In diesen Zusammenhang gehört auch der nächste Punkt: 

Der Weg ist ebenso wichtig wie das Ziel

Sich als jemanden zu erleben, der in der Lage ist, sich auf den Weg zu machen und etwas zu verändern, ist viel entscheidender, als ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Die Problematik sogenannter Verhaltens- oder Erziehungsziele besteht darin, dass Erfolg stets nur daran gemessen wird, ob sie erreicht werden oder nicht. Der Blick ist starr auf das Ziel gerichtet. Impulse, die in eine andere Richtung weisen, bleiben unbeachtet, obschon sie ganz neue Perspektiven eröffnen könnten, wenn die Bezugspersonen nicht so fixiert wären auf das von ihnen formulierte Ziel. So werden bei behinderten Menschen Gefühle wie „ich schaffe es nicht“, „ich kann nichts“, „ich lerne es nie“ verstärkt – und damit die Anfälligkeit für psychische Probleme.

Eigene Erfahrungen ermöglichen und auf das Erleben eingehen

Wann immer es geht, muss Menschen mit geistiger Behinderung – auch solchen mit schwerer Behinderung – ermöglicht werden, eigene Erfahrungen zu machen. Ganz einfache Dinge, die oft ohne nachzudenken schnell für sie erledigt werden, verbauen ihnen die Chance, eine Erfahrung zu machen und daraus zu lernen. Anstatt Herrn K. zu sagen: „Zieh die Jacke an,“ ist es viel sinnvoller, mit ihm vor die Tür zu gehen und ihn ausprobieren zu lassen, ob er mit der Jacke zu warm oder ohne Jacke zu kalt hat. Es zeigt sich immer wieder, dass Menschen mit geistiger Behinderung sich sehr viel besser mit einer Tatsache abfinden, die sie real erfahren – auch wenn sie ihren Wünschen entgegensteht –, als wenn sie es als Willkür der Bezugspersonen erleben.

Ihr Augenmerk auf das Erlebenzu richten, ist für viele Bezugspersonen ungewohnt. Sie sind viel mehr auf das ausgerichtet, was geschieht, als darauf, wie etwas geschieht und wie es erlebt wird. Der Betreuer versucht, die behinderte Frau zu überzeugen, dass die Situation in Wirklichkeit ganz anders ist, als sie meint, anstatt darauf einzugehen, wie sie es erlebt, und von da aus nach Lösungen zu suchen. Veränderung kann nur aus dem eigenen Erleben entwickelt werden, nicht von außen. Deshalb ist es so wichtig, dass Bezugspersonen sich einfühlen können in das Erleben der Menschen, die sie betreuen. Wenn ihre Wahrnehmung erst einmal sensibilisiert ist für die Art und Weise des Erlebens des jeweiligen Gegenübers, eröffnen sich ihnen ganz neue Aspekte der Beziehung und Kommunikation.

Gefühle – auch „negative“ – wahrnehmen und zulassen zu können, trägt ganz wesentlich zum seelischen Gleichgewicht und zum Wohlbefinden bei. Wenn Bezugspersonen akzeptierend auf solche Gefühle eingehen, können sie der emotionalen Entfremdung entgegenwirken, an der so viele Menschen mit geistiger Behinderung leiden. Meist muss bei ihnen der Zugang zu den eigenen Emotionen und zum eigenen Erleben überhaupt erst angeregt werden. Sie werden im Laufe ihrer Entwicklung selten dazu ermuntert, ihren Gefühlen zu trauen, besonders, wenn diese auf befremdliche, für ihre Umgebung schwer nachvollziehbare Weise zum Ausdruck kommen. So lernen sie, ihre Gefühle mehr und mehr zu unterdrücken oder ihr Erleben gar nicht mehr wahrzunehmen. Da dies nur bis zu einem gewissen Grad möglich ist, brechen die aufgestauten Emotionen von Zeit zu Zeit umso heftiger und inadäquater hervor. 

Wenn die Bezugspersonen im Alltag immer wieder einmal das Erleben ansprechen (zum Beispiel: „Du ärgerst Dich jetzt, weil Du abtrocknen musst.“ Oder beim Duschen: „Sie mögen es, wenn Ihnen das warme Wasser über den Rücken rieselt.“), hilft das dem anderen Menschen, sein Erleben und seine Gefühle deutlicher wahrzunehmen. Auch lässt sich auf diese Weise manche aggressive Eskalation vermeiden. Zumindest aber wird die Entfremdung vom eigenen Erleben, die bei so vielen Menschen mit geistiger Behinderung zu beobachten ist, nicht noch weiter verstärkt.

Eigenständigkeit unterstützen

Das Postulat, die Selbständigkeit zu fördern, ist heutzutage unbestritten. Doch wenn wir genau hinsehen, beinhaltet es meist sehr genaue Vorstellungen davon, was die betroffenen Personen „selbständig“ tun sollten. Ob das auch dem entspricht, was sie selbst wollen, wird selten gefragt. So kippt, was als Förderung von Selbständigkeit gedacht ist, häufig ins Gegenteil um und wird zur Bevormundung. Ich spreche deshalb lieber von Eigenständigkeit. Eigenständig handeln kann manchmal auch heißen, sich nicht so zu verhalten, wie die Bezugspersonen es möchten. Das sollte von diesen nicht als persönliche Kränkung aufgefasst und bekämpft, sondern als eigenständige Regung begrüßt und – wo immer der Rahmen es zulässt – unterstützt werden. Eigenständig handeln kann auch heißen, einmal einen Sonntagvormittag im Bett zu verbringen oder nicht am gemeinsamen Ausflug teilzunehmen. Eigenständig handeln heißt immer auch: Verantwortung für sich selbst übernehmen. Diese Verantwortung muss Menschen mit geistiger Behinderung, wo immer es geht, zugestanden und zugetraut werden, auch wenn sie sich dann vielleicht nicht so verhalten, wie es die Bezugspersonen gern hätten.

Menschen, die weitgehend fremdbestimmt leben müssen, haben meist ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Eigenständigkeit, selbst wenn sie vordergründig zu Überanpassung neigen. Wenn für dieses Bedürfnis zu wenig Spielraum vorhanden ist, kann es sich an Kleinigkeiten festhaken, die den Bezugspersonen völlig nebensächlich erscheinen, für die betroffenen Menschen aber äußerst wichtig sind. Menschen mit geistiger Behinderung empfinden dieses Autonomiebedürfnis oft sehr diffus und bringen es durch widerspenstiges, für ihre Umgebung unverständliches Verhalten zum Ausdruck. Wenn wir dieses Verhalten nicht ausschließlich als etwas Störendes betrachten, das bekämpft werden muss, sondern als Ausdruck von Eigenständigkeitsbestrebungen zu verstehen versuchen, dann lässt sich nicht nur mancher fruchtlose Machtkampf vermeiden, sondern es eröffnen sich auch ganz neue Gesichtspunkte für Veränderungen und Weiterentwicklung. Um eigenständig handeln zu können, braucht es

Überschaubare Wahlmöglichkeiten

Eine Wahl haben, selbst entscheiden können: Das trägt in hohem Maße zur Lebensqualität bei. Deshalb ist es unverzichtbar, Menschen mit geistiger Behinderung, wo immer es geht, Wahlmöglichkeiten zu bieten. Das fördert die Eigenständigkeit und stärkt das Selbstwertgefühl. Auch für sehr schwer behinderte Menschen lassen sich immer – wenn auch manchmal nur winzige – Entscheidungsmöglichkeiten ausfindig machen, die den Bezugspersonen belanglos erscheinen mögen, aber für das Lebensgefühl der betreffenden Person von entscheidender Bedeutung sind. Vielleicht kann sie – beispielsweise – zwischen zwei Kaffeetassen wählen oder selbst entscheiden, wann beim Händewaschen das Wasser abgestellt werden soll? Wichtig ist, dass solche Angebote die behinderten Menschen nicht überfordern, sondern ihren individuellen Möglichkeiten entsprechen und für sie überschaubar sind.

Auf einen Aspekt möchte ich noch hinweisen, dem meines Erachtens viel zu wenig Beachtung geschenkt wird:

Die schwierigen Anforderungen des Gruppenlebens

In einer Gruppe zu leben – noch dazu in einer, die nicht selbst gewählt werden kann –, stellt hohe Anforderungen an die sozialen Fähigkeiten geistig behinderter Menschen. Es ist erstaunlich, wie selbstverständlich ihnen – die ja in der Regel auch als sozial behindert gelten – diese Anforderungen zugemutet werden. Erstaunlich sind auch die beachtlichen Leistungen, welche geistig behinderte Menschen in dieser Hinsicht erbringen – Leistungen, zu denen wir selbst wahrscheinlich nicht ohne weiteres bereit wären. Wie wäre uns wohl zumute, wenn wir so eng mit anderen Menschen zusammenleben müssten, die wir uns nicht ausgesucht haben und deren Verhalten oft mühsam und manchmal sogar bedrohlich ist? Immer wieder stelle ich fest, wie belastend für viele Menschen mit geistiger Behinderung die Verhaltensauffälligkeiten ihrer Kolleginnen und Kollegen sind. Es wäre sinnvoll, hier die Ansprüche etwas herunterzuschrauben – sie entsprechen ohnehin meist mehr den Gruppenidealen von Pädagogen und Psychologen als den tatsächlichen Bedürfnissen der betroffenen Menschen. Gewiss, die Möglichkeiten sind oft begrenzt, doch können auch unter den gegebenen Rahmenbedingungen immer gewisse Rückzugsmöglichkeiten geschaffen und in der einen oder anderen Hinsicht individuellere Lösungen gefunden werden. Und wo das gar nicht geht, sollte zumindest die Problematik der Situation erkannt und den Schwierigkeiten, die viele Bewohnerinnen damit haben, Verständnis entgegengebracht werden. Das allein bewirkt schon eine gewisse Entlastung.

Die hier angesprochenen Aspekte können nur angemessen berücksichtigt werden, wenn wir die Menschen ernst nehmen, um die es geht. 

Ernst nehmen 

Zum einen geht es dabei um die ganz grundlegende Haltung, andere – für uns vielleicht fremde oder auch befremdliche – Formen menschlicher Existenz zu respektieren. Sie sind nicht nur auf unsere Akzeptanz und Unterstützung angewiesen, sondern wir können durchaus auch von ihnen lernen. Zum anderen geht es ganz einfach darum, im täglichen Leben Menschen mit Behinderungen ernst zu nehmen: ihre Gefühle, auch wenn sie uns unangemessen erscheinen oder sich gegen uns richten; ihre Wünsche und Bedürfnisse, auch wenn wir sie nicht erfüllen können. Menschen mit geistiger Behinderung oder mit anderen Beeinträchtigungen müssen auch dann ernst genommen werden, wenn ihre Äußerungen unverständlich und ihre Verhaltensweisen absurd erscheinen. Etwas versucht sich darin auszudrücken, das nicht einfach mit dem Stempel „behindert“ oder „gestört“ oder „verwirrt“ abgetan werden darf, nur, weil wir es nicht verstehen können. Allein schon das Bemühen um Verstehen, der Versuch, sich in die subjektive Welteines anderen Menschen einzufühlen, bewirkt, dass dieser sich besser angenommen fühlt, und das wiederum fördert sein Wohlbefinden und stärkt sein Selbstvertrauen. 

Diese Arbeitsweise erfordert nicht mehr Zeitaufwand. Es geht vielmehr darum, Schwerpunkte anders zu setzen, den Blickwinkel zu verändern und Prioritäten neu zu überdenken. Meist sind es Nuancen, die sich ganz entscheidend auf die Lebensqualität auswirken, nicht nur auf die der behinderten Menschen, sondern auch auf die, die in diesem anspruchsvollen – und manchmal überfordernden – Berufsfeld arbeiten. Das Wissen um diese Nuancen und die Sensibilität dafür eröffnen ganz neue Perspektiven, welche die tägliche Arbeit sowohl entspannter als auch spannender werden lassen und allen Beteiligten mehr Befriedigung ermöglichen.

Das internationale „Netzwerk Personzentriert Arbeiten“

Das „Netzwerk Personzentriert Arbeiten“ ist eine lose Verbindung von Fachpersonen, die in ihren Einrichtungen auf der Grundlage der in meinenBüchern entwickelten Konzepte für die Begleitung und Betreuung von behinderten und alten Menschen arbeiten oder dabei sind, diese Arbeitsweise einzuführen, sowie von Kolleginnen und Kollegen, die sie in Fachberatung, Supervision, Lehre, Aus- und Weiterbildung vertreten und verbreiten2. Seit 2011 trifft sich das Netzwerk jährlich zu einem Fachtag der jedes Jahr von einer anderen zum Netzwerk gehörigen Organisation gestaltet wird. Sinn dieser Treffen ist gegenseitiges Kennenlernen, Erfahrungstausch und Vernetzung sowie die Verbreitung der personzentrierten Arbeitsweise in diesem Bereich. 2011 aus einer spontanen Idee heraus ins Leben gerufen, haben sich diese Fachtage inzwischen fest etabliert und wurden bisher in Lenzburg, Bremen (dort bereits zweimal), Vorarlberg, Linz, Stein-Säckingen, Berlin und Schweinfurt durchgeführt. Sie stoßen auf reges Interesse und tragen dazu bei, dass sich die personzentrierte Arbeitsweise Schritt für Schritt weiterverbreitet.

Literatur

Ernstnehmen, Zutrauen, Verstehen. Personzentrierte Haltung im Umgang mit geistig behinderten und pflegebedürftigen Menschen (12. Auflage 2018)

Brücken bauen. Menschen mit geistiger Behinderung verstehen und begleiten (5. Auflage 2018)

Alt sein ist anders. Personzentrierte Betreuung von alten Menschen (4. Auflage 2016)

Praxis der Gesprächpsychotherapie. Interviews mit Therapeuten (1994)

Alte Bäume wachsen noch. Neue Erfahrungen in späten Lebensjahren (4. Auflage 2015)

Geschenkte Jahre. Glücksmomente und Herausforderungen (2016)

Prä-Therapie, gemeinsam mit Garry Prouty und Dion VanWerde (5. Auflage 2015)

 

Alle Bücher sind im Klett-Cotta Verlag Stuttgart erschienen.

 

Marlis Pörtner

Geb. 1933, Psychologin, personzentrierte Psychotherapeutin, Autorin, arbeitete während mehr als 30 Jahren in eigener Praxis in Zürich. Zu ihren Klienten gehörten von Anfang an auch Menschen mit geistiger Behinderung. Darüber hinaus war sie viele Jahre lang in Beratung und Weiterbildung von Mitarbeitenden sozialer Einrichtungen tätig. Die konkreten personzentrierten Handlungskonzepte, die sie für verschiedene soziale Berufsfelder entwickelt hat, finden zunehmend Verbreitung. Einige ihrer Bücher wurden ins Englische, Französische, Holländische, Dänische und Tschechische übersetzt.

mpoertner@bluewin.ch

Eine Mutter umarmt ihr Kind. Beide sitzen in einem farbigen und lichtdurchtränkten Raum und sind sichtlich beeindruckt.
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Willi sitzt vor einer großen Trommel und bearbeitet diese lustvoll mit zwei Schlägeln, seine Mutter lacht im Hintergrund.
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Fachthema
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Eine Frau – sie hat MS – wird aus dem Auto gehoben. Ihre rechte grazile Hand hält sich an der Schulter einer anderen Frau fest.
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Sina Niemeyer

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