Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten

 

Mareice Kaiser sitzt hinter der Glasscheibe eines Cafés mit aufgeklapptem Laptop und einer Kaffeetasse daneben an einem Tisch, tippt und schaut gle...

 

Aus Muttersicht
Gerhard Einsiedler

Und wie machst du das

„Ich bin Mareice und interessiere mich für alles; vor allem für Menschen und ihr Zusammenleben. Warum es manchmal so schwer ist oder gemacht wird, und manchmal so leicht – und wie es leicht gemacht werden kann. Deshalb finde ich Inklusion wichtig. Auch, weil dieses Menschenrecht noch lange nicht gelebt wird in einer Welt, in der Bildung vom Status der Eltern und gesellschaftliche Teilhabe von der körperlichen und psychischen Leistungsfähigkeit abhängig ist. Ich mag Empathie und Musik, Blumen und Empörung. Auf diesem Blog mache ich mir Gedanken, halte sie fest und lasse sie los.“

So beginnt die freie Journalistin Mareice Kaiser ihren Blog „Kaiserinnenreich“ (http://kaiserinnenreich.de/blog). Nach ihrer langen Elternzeit, die aus der Pflegebedürftigkeit ihrer ersten Tochter resultierte, versuchte Kaiser, wieder beruflich Fuß zu fassen. Erster Schritt zurück ins Berufsleben war ihr Blog „Kaiserinnenreich“, auf dem sie seit 2014 über ihr inklusives Familienleben und dadurch verbundene gesellschaftspolitische Stolpersteine schreibt. „Durch das Bloggen bin ich wieder zum Schreiben gekommen – die vergangenen Jahre drehte sich ja alles um Kinder, Kacke und Krankenhäuser“, erinnert sich Kaiser zurück. Davor hatte sie als Redakteurin hauptsächlich für Werbeagenturen gearbeitet.

 

Mutterfragebogen

Die Autorin und Journalistin Okka Rohd hatte Kaiser im Oktober 2014 auf ihren Blog „SLOMO“ (https://okkarohd.com/) eingeladen, auf dem von ihr gestalteten Mutterfragebogen „Und wie machst Du das“ über ihr Leben zu erzählen – „eine der schönsten Internet-Einladungen, die ich mir vorstellen kann“, so Kaiser. Als sie das erste Mal die Interviews mit unterschiedlichsten Müttern las, war ihr erster Gedanke „So etwas müsste es auch für Mütter mit Special Needs geben!“ Da brauche es manchmal einfach nur das Gefühl, dass andere Mütter ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Das fühle sich dann gleich an wie eine „wärmende Hand auf dem Arm oder die Umarmung einer Freundin“. Gesagt – getan.

Kaiser fragte, ob sie dem Mutterfragebogen ein zweites Zuhause geben dürfe – ein Zuhause für alle Mütter mit Special Needs (und ihre Freundinnen). Rohd stimmte sofort zu. Die Fragen passte Kaiser an die besonderen Herausforderungen von Müttern behinderter Kinder an. Getreu dem Motto „Zusammen ist man weniger allein“ stellen sich auf diesen Fragebögen Mütter vor, die den Alltag mit besonderen Strategien bewältigen (müssen). Es eröffnet sich ein Einblick in das Leben der unterschiedlichsten Familien aus allen Ecken Deutschlands – bewegend und oft auch inspirierend. Kaisers Resümee: „Es scheint, als entwickelten wir alle magische Kräfte durch unsere Kinder.“ Auf den folgenden zwei Seiten kann man sich davon überzeugen – die Interviews der zufällig ausgewählten Mütter sind gekürzt wiedergegeben.

 

Kaisers Buch „Alles inklusive“

Über das Leben mit ihrer ersten Tochter, die im Alter von vier Jahren starb, schrieb Mareice Kaiser im Jahr 2016 ihr im Fischer-Verlag erschienenes Buch: „Alles inklusive“ (siehe Rezension von Wolfgang Jantzen in Behinderte Menschen 1/2017. In der gleichen Ausgabe erschien auch ein Beitrag von Barbara Vorsamer: „Mareice Kaiser – die mit dem behinderten Kind“). 

„Wie sehr ich mich auf meine Sinne verlassen kann. Wie effektiv und fokussiert ich arbeiten kann. Wie nah Leben und Tod beieinander liegen. Wie sich bedingungslose Liebe anfühlt. Dass es kein Recht auf ein gesundes Kind gibt. Dass mein Perfektionismus unnötiger Quatsch ist. Dass ich gut bin, wie ich bin. Dass einfach SEIN lebenswert ist. Das hat mir meine taubblinde Tochter gezeigt“ – so fasst Kaiser ihre Erfahrungen als Mutter und ihre Zeit mit ihrer behinderten Tochter Greta zusammen.

Neben einem Textzitat liegt ein zerrinnender Eislutscher. Artwork: Eva-Maria Gugg
Foto: Ilse Achilles
Fachthema
Ilse Achilles

Was wird, wenn wir mal nicht mehr sind

Die Sorgen alter Eltern um ihre nun auch älter gewordenen Kinder – und welche Hoffnungen es für sie gibt

„Ich bemühe mich sehr, nicht darüber nachzudenken. Nur nachts geht’s mir im Kopf herum: Wer kümmert sich um meine Tochter, wenn ich ein Pflegefall oder tot bin? Dann kann ich einfach nicht mehr einschlafen. Das macht mich ganz kaputt.“ (Petra H., 75)

Der im Rollstuhl sitzende Yorick zieht mit freudigem Gesicht an Raschelketten, die in seiner Augenhöhe am Griff eines Küchenherdes festgemacht sind.
Der im Rollstuhl sitzende Yorick zieht mit freudigem Gesicht an Raschelketten, die in seiner Augenhöhe am Griff eines Küchenherdes festgemacht sind.
Fotoessay
Marika Bauer

Fotoessay aus Yoricks und Marikas Welt

Marika (17) lebt mit ihrem behinderten Bruder Yorick (15) und ihren Eltern im gemeinsamen Haushalt. Die Eltern, Andrea Linsi und Manuel Bauer, leben getrennt und fliegen abwechselnd ein und aus – das Nestprinzip.

Sanft mit dem Zeigefinger bemalt der Partner von Birte Müller deren hochschwangeren nackten Bauch mit einem lachenden Gesicht, dem Symbol für männl...
Sanft mit dem Zeigefinger bemalt der Partner von Birte Müller deren hochschwangeren nackten Bauch mit einem lachenden Gesicht, dem Symbol für männl...
Willis Insiderwissen
Birte Müller

Schwangerschaft – 12 Wochen Probezeit?

Kürzlich traf ich einen sehr netten Kollegen. Wir waren schon oft gemeinsam auf Lesereise, sind an freien Nachmittagen durch die Berge gewandert und haben so manches Bier zusammen getrunken und jedes Mal viel, sehr viel geredet.

schmidt-beitragsbild
Porträtfoto von Thomas Schmidt – Foto: privat
Fachthema
Thomas Schmidt

Permanente Vaterschaft

Welche Tätigkeiten nehmen Väter von erwachsenen Menschen mit Behinderung in ihrer Familie wahr? Welche Handlungsstrukturen und -motive lassen sich aus ihrer Sicht rekonstruieren? Diesen Fragen wurde in der qualitativen Studie: „Permanente Vaterschaft“ nachgegangen. Bisher standen explizit Väter im heilpädagogischen Kontext selten im Fokus. Insgesamt elf Väter (Jahrgänge 1929 bis 1953) von erwachsenen Menschen mit einer geistigen Behinderung erzählten für diese Untersuchung ihre Lebensgeschichte. Die biographischen Rekonstruktionen zeigten deutlich, dass diese Väter zentral und prägend für das Familiensystem waren und sind. Zudem lassen sie sich nicht nur auf die Rolle als Vater eines Kindes mit Behinderung beschränken. Selbstverständlich und gleichzeitig sind sie auch Männer mit einer eigenen Familiengeschichte und -tradition, sie waren / sind Ehepartner, hatten / haben Berufe und üben Freizeitinteressen aus. Gerade diese erweiterte Perspektive kann eine wichtige Ressource in der heilpädagogischen Zusammenarbeit mit ihnen selbst und ihrem Familiensystem eröffnen. Eine Hinführung.