Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten

 

Thema der Ausgabe 2/2018:

Mein Autismus

Das Autismus-Spektrum hat viele Gesichter. Mit der Kategorie „Störung“ versperren wir nur den Zugang zum individuellen Verständnis.

 

Intro:

Josef Fragner, Chefredakteur

Mein Autismus

„Versuchen Sie mal mit Autismus zu leben“, fordert uns Gee Vero in ihrem Beitrag auf. Sie lässt uns in ihre Welt eintauchen. Reize sind für sie immer wieder neu und damit potenziell gefährlich, zu viele Reize bewertet ihr Gehirn als zu wichtig, ihre Wahrnehmungsfilter sind zu durchlässig. „Für mich ist jeder Tag immer wieder ein komplett neuer Tag“. Sie schildert ihre Strategien, wie sie ihr System beruhigt, da es zu viele Gefahren meldet. Das eröffnet uns Perspektiven des Verstehens. 

Personen mit Autismus-Spektrum lassen uns in ihre Wahrnehmung der Welt blicken. Für Peter Schmidt droht Chaos, wenn haltgebende Strukturen unerwartet wegbrechen. Hajo Seng sucht nach den passenden Lebensumständen, indem er Stress und Wahrnehmungsreizen aus dem Weg geht, was ihm lange nicht gelang. Dietmar Zöller, der das unterstützte Schreiben als große Hilfe bei der Stressbewältigung erfährt, muss leider mit zunehmendem Alter erfahren, dass seine Unruhezustände wieder zunehmen.

Matthias Huber nimmt uns mit in seinen Alltag, in dem er manchmal drinnen, manchmal vollkommen daneben ist, aber er ist immer wieder fasziniert von dem, was alles „Alltag“ ist. Christine Preißmann beschreibt nicht nur ihre Strategien, mit Stress umzugehen, sondern sie lässt auch viele andere Personen zu Wort kommen. Ihre Lösungen sollen dazu anregen, individuelle Hilfen zu finden, um den Alltag zu meistern.

Die authentischen Beiträge werden durch die biographischen Vignetten, die unser Textchef Gerhard Einsiedler verfasst hat, eindrucksvoll ergänzt.

Christina Feschin und Georg Theunissen zeigen das Zusammenwirken von Autismus-Spektrum und ADHS auf, diskutieren typische Erscheinungsformen und bieten Anregungen für den Umgang problematischer Verhaltensweisen an. Dass Menschen mit Autismus-Spektrum als Experten in eigener Sache im Rahmen des Peer Counseling tätig sein können, bekräftigt Georg Theunissen in seinem zweiten Beitrag. 

 

Peter Rudlof, die unermüdliche Seele dieser Zeitschrift, treibt immer wieder herausragende Geschichten auf. Christine Izeki hat für uns den japanischen Bestsellerautor Takuji Ichikawa getroffen und mit ihm über sein Werk, aber auch über sein persönliches Leben gesprochen. Der Schriftsteller Paulus Hochgatterer ermutigt uns, mit „Zwei Wörter“ über die gegenwärtige Situation nachzudenken. Birte Müller lässt uns diesmal in die schulische Welt von Willis Schwester Olivia blicken: „Es hätte mir sehr zu denken geben müssen, dass Olivias neue Schule von keinem einzigen behinderten Kind besucht wurde: ein ganz schlechtes Omen!ì Wir dürfen ein Kind nicht nach unserem Willen formen, so Christel Manske in ihrem Essay. Sie schildert, wie sie ihr Therapiewissen zurückstellt, um sich auf die Einzigartigkeit von Ferdinand einzulassen. 

Sabine Findeisen drückt die Einzigartigkeit von Kylie M. durch Fotos aus. Kylie ist ein 13 Jahre altes Mädchen mit frühkindlichem Autismus und aus jedem Foto spürt man, wie sie in ihrer Welt lebt. In einer anderen Welt lebt der Künstler Tim ter Wal, den wir mit seinen detailgenauen Kunstwerken vorstellen. Er braucht keine Kamera, seine Bilder, die oft in wochenlanger Arbeit entstehen, ruft er aus seinem fotographischen Gedächtnis ab. Alles – wie das gesamte Heft – sorgfältig und einfühlsam aufbereitet von unserer Art-Direktorin Eva-Maria Gugg.

Reinfried Blaha entdeckt die Welt des Wilden Westens nicht auf dem Rücken eines Pferdes, sondern auf den Rädern seines Rollstuhls. Über einen völlig neuen Therapieansatz, demzufolge das Kind für seine Situation das „richtige Verhalten“ zeigt, berichtet Gerhard Einsiedler. Und wie immer, schmunzelnd erzählt, aber mit tiefgründigen Gedanken, die Kolumne von Erwin Riess. „Ohrenschmaus“-Literatur und ihre Autorinnen und Autoren holen Gerlinde Hofer und Franz-Joseph Huainigg vor den Vorhang.

 

Das Autismus-Spektrum hat viele Gesichter. Mit der Kategorie „Störung“ versperren wir nur den Zugang zum individuellen Verständnis. Der Versuch des individuellen Verstehens eröffnet uns Wege, jede Person in ihrem So-Sein anzunehmen und wertzuschätzen.

 

Leseproben:

Eine feingliedrige detailreiche Graphitzeichnung zeigt eine Vorstadtlandschaft mit Wohnhäusern, Baumalleen, Straßen und einem Fluss.
Porträt von Christine Preißmann Foto: privat
Fachthema
Christine Preißmann

Stress und Entspannung bei Menschen mit Autismus

Menschen mit Autismus fühlen sich in allen Lebensbereichen ganz erheblichem Stress ausgesetzt. Lange wurde das nicht als Problem erkannt, und erst allmählich beginnt man, sich im Zusammenhang mit Autismus auch mit den Themen Stress und Entspannung zu beschäftigen. Die Betroffenen selbst beschreiben sehr deutlich, dass sie sich im Rahmen therapeutischer Maßnahmen vor allem Unterstützung im Hinblick auf den alltäglichen Stress wünschen – also Hilfe dabei, wie sie sich in solchen Momenten gut schützen können (Vogeley 2012; Preißmann 2013). Das zeigt, wie belastet sie sich fühlen und welch große Bedeutung dieser Themenbereich hat. Wichtig ist es dabei, vor allem die Erfahrungen von Betroffenen zu erfragen und die Strategien zu beachten, die Menschen mit Autismus für sich erarbeitet haben. In diesem Beitrag kommen daher viele betroffene Menschen selbst zu Wort, die beschreiben, was ihnen hilft. Ihre Lösungen sollen dazu anregen, individuelle Hilfen zu finden, um den Alltag zu meisten.

Der Bestseller-Autor Takuji Ichikawa in seinem voll angeräumten Arbeitszimmer vor seinem Computer.
Der Bestseller-Autor Takuji Ichikawa in seinem voll angeräumten Arbeitszimmer vor seinem Computer.
Autor und Asperger-Autist
Christine Izeki

Wie der japanische Bestsellerautor Takuji Ichikawa die Welt sieht

Die Journalistin Christine Izeki ist in Deutschland zu Hause und sie liebt Japan. Jahrelang lebte sie in der Nähe von Tokio – so entstand auch ihr Buch „111 Orte in Tokio, die man gesehen haben muss“. Für eine Exklusivreportage in der Zeitschrift Behinderte Menschen traf sie kürzlich Takuji Ichikawa: Schriftsteller, 55 Jahre alt – und Asperger-Autist.

Ein Mädchen mit Haube, Jacke und über dem T-Shirt sichtbarem Ernährungsschlauch spaziert durch eine Straßenallee entlang eines Flusses. Im Hintergr...
Ein Mädchen mit Haube, Jacke und über dem T-Shirt sichtbarem Ernährungsschlauch spaziert durch eine Straßenallee entlang eines Flusses. Im Hintergr...
Fotoessay
Sabine Findeisen, Fotografin

Kylie M. – Im Hier und Dort

Seit eineinhalb Jahren folge ich Kylie M. immer wieder auf Schritt und Tritt. Dabei möchte ich mich nicht nur auf den Autismus beschränken, sondern ihr spezifisches Menschsein zeigen.

Eine feingliedrige detailreiche Graphitzeichnung zeigt den Innenhof eines mehrstöckigen Hauses mit Graffitis an den Wänden und einer Eisentreppe, d...
Dr. Peter Schmidt ist Diplom-Geophysiker, SAP-Experte, Autor und Referent. Im Alter von 41 Jahren fand er - ohne danach zu  suchen - heraus, dass e...
Fachthema
Peter Schmidt

Meine Ordnung beherrscht das Chaos

Autisten haben wie andere Menschen auch nicht selten nützliche Talente. Autistische Menschen können sich zum Beispiel im Gegensatz zu Menschen mit einer reinen ADHS, die leicht ablenkbar sind, sehr ausdauernd auf eine Sache fokussieren. Doch nur den wenigsten Autisten gelingt es, ihre Kenntnisse und Stärken sowohl für die Gesellschaft als auch für sich selbst Nutzen bringend zu verwerten.

Der rollstuhlfahrende Autor hat seine Freundin am Schoß. Beide lachen freudig und zeigen in die Landschaft. Hinter den beiden sieht man die Felsfor...
Der rollstuhlfahrende Autor hat seine Freundin am Schoß. Beide lachen freudig und zeigen in die Landschaft. Hinter den beiden sieht man die Felsfor...
Grenzenlos Reisen in den USA
Reinfried Blaha

Ein Roadtrip auf acht Rädern

Inspiriert von den Karl May Geschichten faszinierten mich die Landschaften der US-amerikanischen Nationalparks schon als Kind. Fast 30 Jahre später mache ich mich mit meiner Freundin Brinda auf, diesen Teil der Welt zu erobern. Allerdings kann ich ihn nicht erkunden wie Winnetou. Ich sitze nicht auf einem Pferd, sondern auf einem Rollstuhl.

Inhalt:

Artikel
Mein Autismus
Autismus-Spektrum und ADHS
Mein Autismus
Stress und Entspannung bei Menschen mit Autismus
Mein Autismus
Versuchen Sie mal mit Autismus zu leben
Mein Autismus
Meine Ordnung beherrscht das Chaos
Mein Autismus
Faszination Alltag
Mein Autismus
Die passenden Lebensumstände finden
Mein Autismus
Möglichkeiten der Stressbewältigung
Mein Autismus
Peer Counseling
Autor und Asperger-Autist
Wie der japanische Bestsellerautor Takuji Ichikawa die Welt sieht
Denkanstösse
Zwei Wörter1
Aus Elternsicht
Zwischen Wunderkind und Pflegefall
Willis Insiderwissen
Schulversagen
Aus der Behindertenanwaltschaft Österreichs
Gemeinsam zum Erwachsenenschutzgesetz
Fotoessay
Kylie M. – Im Hier und Dort
Essay
Jedes Kind ist einzigartig
Grenzenlos Reisen in den USA
Ein Roadtrip auf acht Rädern
Wissenswertes
Aufblasbare Westen helfen bei Unruhe, Stress und Angst
Wissenswertes
ways2see: Selbstverständlich selbstständig durch die Welt
Wissenswertes
Ein Mythos: „Es gibt immer mehr Menschen mit Autismus“
Wissenswertes
Nullschwellen-Petition für Baden-Württemberg
Wissenswertes
Deutschland: Wertvolle Hilfe für Fahrgäste mit Demenz
Wissenswertes
Weltautismustag: Weckruf für Respekt und Achtsamkeit
Wissenswertes
Jobfit für Menschen mit Autismus-Spektrum
Wissenswertes
Neues D-A-CH für Inklusive Medizin
Wissenswertes
Informationen über Gewalt in Leichter Sprache
Wissenswertes
Autismus-Pionier Asperger im historischen Zwielicht
Wissenswertes
Forderung nach einheitlichen Standards für Heimopfer
Mifne-Zentrum in Israel
Bedingungslose Liebe für besondere Kinder
Sport
Tischtennis verbindet die Welt von Christoph Teppich mit anderen
Sport
Die etwas anderen Paralympischen Spiele
Aus Grolls Skizzenbuch
Im Marchfeld bei Obersiebenbrunn
Einfach Ohrenschmaus. Einfach Literatur.
Ohrenschmaus aufgeblättert!
Film
Sandmädchen – Ein Film von Mark Michel
Kurz nachgedacht
Kurzmeldung mit Behinderung
Künstlerporträt
„Mein Gedächtnis ist meine Kamera“