Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten

 

Mehrfärbiges abstraktes Kunstwerk

Sigrid Reingruber, o.T., Grafit, Ölpastelle auf Papier, 40 x 40 cm, 2014 – Sigrid Reingruber ist eine Künstlerin der Kunstwerkstatt Lebenshilfe Gmunden und Mitglied des Kunstvereins Kunstforum Salzkammergut.

Fachthema
Chris Piller

„…der Gang durch die Institutionen kann doch nicht die Lösung sein!“

Erfahrungsbericht aus der Fachbegleitung von Teams in einer psychiatrischen Klinik und eines Wohnheimteams in der Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung und psychischer Beeinträchtigung

Herr AB ist ein 24 Jahre junger Mann mit schwerer Intelligenzminderung und ausgeprägter Verhaltensstörung mit aggressivem und sexuell enthemmtem Verhalten, der wegen untragbarem Verhalten von einem Wohnheim für Erwachsene mit einer geistigen Behinderung in eine psychiatrische Klinik verlegt worden war. Zur Entlastung des Personals dieser ersten Klinik wurde er nach fast zwei Jahren von der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde ab Oktober 2014 zu uns in eine andere psychiatrische Klinik überwiesen. Herr AB muss hier (wie auch schon während der vorangegangenen Betreuung) fast ununterbrochen im geschlossenen Sicherheitszimmer 5-Punkt-fixiert im Bett liegend betreut werden, ansonsten verletzt er gezielt Mitmenschen, greift dabei in deren Intimregion, räumt sich selbst anal aus, um Mobiliar und Zimmer mit Stuhl zu verschmieren. Für die Körperpflege kann er nur unter Aufsicht von mehreren männlichen Pflegepersonen kurzzeitig entfixiert werden. Eine Veränderung dieser äußerst einschränkenden, freiheitsbeschränkenden Maßnahmen erscheint nicht absehbar und stellt das Behandlungspersonal und die Klinikleitung vor ein immenses menschliches und ethisches Problem. Der aktuelle Zustand ist für uns äußerst problematisch und inakzeptabel – sowohl für Herrn AB als auch für das Betreuungspersonal.

Die an unser Fachteam an der Hochschule für Heilpädagogik Zürich gerichtete Anfrage war an Dringlichkeit kaum zu überbieten. An einem ersten Treffen erarbeiteten wir zusammen mit dem Pflegeteam und der ärztlichen Leitung eine Arbeitsvereinbarung. Der Auftrag bestand darin, das Tages- und das Nachtteam der psychiatrischen Klinik im Sinne einer dynamischen Fachberatung (ein Zwischending zwischen Supervision und Expertenberatung) zu begleiten und zu unterstützen. Als Ziel wurde formuliert, dass der „Patient“ in absehbarer Zeit wieder in ein Wohnheim für Erwachsene mit einer geistigen Behinderung übertreten sollte. Glücklicherweise war es möglich, dass das für die nachfolgende Betreuung vorgesehene Team des Wohnheims bereits ab dem zweiten Termin an den Fachberatungen teilnehmen konnte. Dadurch ergab sich insbesondere im ersten Teil der Begleitung eine etwas größere Gruppe mit bis zu 20 Teilnehmenden.

Im Sinne einer Zusammenfassung und Rückschau soll in der Folge versucht werden, die verschiedenen Ebenen, Prozesse und Inhalte dieser Begleitung zu analysieren und in einen Zusammenhang zu bringen. Festzuhalten bleibt, dass die Analyse und der Blick auf die gewonnenen Resultate aufzeigen, wie vielschichtig und dynamisch sich die Arbeit rund um ein solches Setting zeigen und entwickeln kann.

Die Geschichte und die aktuelle Situation des jungen Mannes

Der Blick in die Biographie lässt vermuten, dass in der Entwicklung und Sozialisation von Herrn AB einige Prozesse suboptimal verlaufen sind und lebens- bzw. entwicklungsbelastende Ereignisse aufgetreten und nicht oder nur teilweise aufgearbeitet worden sind. In jüngerer Zeit haben einander bedingende Faktoren zu einer belastenden Lebenssituation geführt, welche von Herrn AB mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln und Kompetenzen nicht mehr zu bewältigen ist:

 

Notfallkaiserschnitt in der 33. Schwangerschaftswoche.

Unauffällige frühkindliche Entwicklung (bis auf eine Spracherwerbsverzögerung). 

Altersgerechte Einschulung in den Kindergarten der Regelschule, Überforderungserscheinungen und zeitgleiches Auftreten einer Epilepsie, enge Begleitung durch die Heilpädagogische Früherziehung und Übertritt in eine Heilpädagogische Schule.

Besuch der Heilpädagogische Schule bis ins Alter von zwölf Jahren als externer Schüler; Bewältigung des Schulweges selbstständig mit dem Fahrrad.

Vermutung, dass Herr AB von seinen Eltern, insbesondere dem Vater, geschlagen wird.

Ab dem Alter von zehn Jahren Auftreten von „aggressivem Verhalten“, Sachbeschädigungen, auch von eigenen Lieblingsobjekten und Spielzeugen; daher Übertritt in das Internat der Heilpädagogischen Schule.

Im Jugendalter Übertritt in eine offene Wohngruppe mit acht Mitbewohnern, nach Problemen im Zusammenleben in eine Gruppe von vier Mitbewohnern.

Tod des Vaters.

In der Folge weitere Zunahme des „aggressiven Verhaltens“, zuerst gegen Objekte, später auch gegen Betreuungspersonen und sich selbst.

Spätere Abtrennung „in einem abgeschlossenen Einzelzimmer“, Beschmieren des Wohnraumes mit Fäkalien und Verletzung von Betreuungspersonen.

Einweisung und Aufenthalt von knapp zwei Jahren in einer ersten psychiatrischen Klinik wegen untragbarem Verhalten.

Überweisung an eine zweite psychiatrische Klinik aufgrund einer Verstärkung der oben aufgeführten sowie des zusätzlichen Auftretens von sexualisierten und grenzüberschreitenden Verhaltensweisen.

 

Zusammenfassend zeigt sich zu Beginn der Prozessbegleitung das Bild eines jungen Mannes mit einer leicht- bis mittelschweren geistigen Behinderung, welcher durch den ungünstigen Verlauf seiner Biographie und/oder einer suboptimalen Unterstützung in eine fast ausweglose Situation geraten ist (Abwärtsspirale). Er wird in einem abgeschlossenen Raum auf seinem Bett fixiert, kann verbal nicht über seine Bedürfnisse (und Verletzungen!) Auskunft geben und kommuniziert mit der personalen Außenwelt vor allem über „aggressives“ Verhalten. 

 

Es ist allen Beteiligten ein großes Anliegen, dass der erneut bevorstehende Wechsel an ein für Menschen mit geistiger Behinderung und psychischen Auffälligkeiten spezialisiertes Wohnheim von Herrn AB positiv erlebt werden kann – und nicht zu einer Retraumatisierung führt.

Fachliche Inhalte: Heilpädagogik und Psychiatrie im Dialog

In beiden Disziplinen steht der Mensch im Mittelpunkt. Es geht darum, sein Verhalten und Erleben zu verstehen und dadurch die richtigen Entscheidungen zu fällen oder Interventionen zu veranlassen. Unterschiedlich sind jedoch die Vorgehensweisen und vor allem auch die vorgegebenen institutionellen Settings. Das Team der psychiatrischen Klinik hat die Aufgabe, in einem akuten Notfall einen psychisch in Not geratenen Menschen zu seiner eigenen Sicherheit sowie der Sicherheit anderer Personen ins Gewahrsam zu nehmen. Im vorliegenden Falle wurde den Beteiligten schnell klar, dass die psychische Beeinträchtigung „nur“ ein Teil des Problems war – ebenso deutlich wurde, dass über die standardisierten Interventionen (Einweisung, medikamentöse Beruhigung, Aufbau von personalen Beziehungen und zeitlich/räumlichen Strukturen) hinaus eine dauerhafte und stabile Gesamtsituation aufgebaut werden sollte. Dafür ist ein Wohnheim für Menschen mit einer geistigen Behinderung langfristig besser geeignet als eine psychiatrische Klinik. Zu klären war daher, wie das Setting in der Nachfolgeinstitution auszusehen hätte, damit die Verantwortung für den jungen Mann vollumfänglich weitergegeben werden konnte.

 

In diesem spannenden Prozess erhielten beide Teams Einblick in die jeweiligen fachlichen Inhalte, Strukturen, Gegebenheiten, Aufgaben und Einschränkungen. Zusammenfassend gesehen wurde an den folgenden Themen und Inhalten gearbeitet:

 

Auf welchem Entwicklungsstand steht Herr AB? 

Genauer betrachtet wurden der kognitive Entwicklungsstand (Hintergrundtheorien: kognitive Entwicklung nach Piaget, Handlungstheorie nach Galparin/Wygotsky/Leontjew), der Stand der sprachlichen Entwicklung (Hintergrundgrundtheorie nach Zollinger) und der Stand der sozioemotionalen Entwicklung (Hintergrundtheorie: Persönlichkeitsentwicklung nach Došen).

Welche Handlungskonzepte / Interventionsstrategien stehen zur Verfügung?

Gemeinsam besprochen wurden Aspekte und Instrumente der Unterstützten Kommunikation und der Gebärdensprache, der Verhaltensmodifikation und der TEACCH-Methode2, der analytischen Heilpädagogik, Möglichkeiten und Grenzen von lerntheoretischen Programmen und das große Thema von (frühkindlichen) Traumatisierungen. Aufgrund der nicht eindeutigen Diagnose wurden auch Behinderungsbilder wie Autismus und geistige Behinderung sowie das Erscheinungsbild der Deprivation thematisiert.

Wie sieht die medikamentöse Begleitung aus?

Während der akuten Phase erhielt Herr AB verschiedene Beruhigungsmittel in abnehmender Dosierung, ein Antiepilektikum zur Behandlung der Epilepsie und ein antiandrogenes Hormonpräparat zur Aggressionshemmung und Dämpfung des Sexualtriebs.

Professionelle Haltung und professioneller Zugang

Der humanistische Zugang zur Heilpädagogik betont, wie wichtig es ist, vor der Wahl von Methoden, Strategien und Interventionen die eigene Haltung zu bestimmen und damit einen Blick auf die eigenen Anteile zu werfen. Damit wird deutlich, dass ein interaktionaler Zugang gewählt wird. In Ergänzung dazu bieten sich die Struktur und Begrifflichkeit der ICF3 an, welche sich gut für die Darstellung und Koordination eines multiperspektivischen Zugangs eignet. Aus dieser Perspektive wird „auffälliges“ oder „aggressives“ Verhalten nicht als Ausdruck einer Psychopathologie oder einer Verhaltensdisposition wie zum Beispiel Aggressivität gesehen, sondern als Ergebnis einer Wechselwirkung zwischen Individuum und Umwelt. Daraus ergibt sich, dass die Veränderung der (schwierigen) Situation nicht ausschließlich über Interventionen beim Individuum, sondern gleichermaßen, wenn nicht sogar vorwiegend über die Veränderung der Umweltfaktoren geschehen muss.

Entsprechend oft standen in den Fachberatungen nicht nur die Verhaltensweisen und vermuteten Emotionen von Herrn AB im Fokus, sondern auch die Aktivitäten und Gefühle der professionellen Helfer. Damit erweiterte sich der Zielhorizont beträchtlich: Es ging nicht nur um die Lösung des konkreten Problems mit Herrn AB (Lösung erster Ordnung), sondern darüber hinaus um die Beziehungen, die Einstellungen und Haltungen der beteiligten Helferpersonen zum Problem (Lösung zweiter Ordnung). In diesem Zusammenhang ist zu bemerken, wie wichtig die Mitberücksichtigung von Humor ist. Die oft aus dem Beobachtungsjournal deutlich spürbare Disstress-Stimmung konnte so wirkungsvoll zu konstruktivem Eustress im Sinne einer gemeinsamen Herausforderung („Das schaffen wir schon!“) umgewandelt werden.

Verwendete Methoden und Instrumente

Die Beobachtung ist in den Sozialwissenschaften sowie der Erziehungswissenschaften und der medizinischen und (päd-)agogischen Diagnostik nach wie vor eine der wichtigsten Methoden. Alle Beteiligten machen in der Ausübung ihrer Tätigkeiten Beobachtungen, sei es beim zu begleitenden Menschen und/oder bei sich oder anderen Teammitgliedern. Die Beobachtungen können zufällig und unerwartet sein, je nach Perspektive und Ziel aber auch bewusst und systematisch. Wichtig ist es, die gemachten Beobachtungen systematisch zu sammeln, zu besprechen und auszuwerten.

Innerhalb des Begleitprozesses der Teams rund um die Person von Herrn AB spielten dabei Videoaufnahmen und verschiedene Beobachtungsprotokolle eine große Rolle. Besonders in der ersten Phase der Begleitung wurden verschiedene Videoaufnahmen, welche entweder durch eine Portable-Kamera oder aber durch die an der Decke montierte Überwachungskamera gemacht wurden, analysiert und besprochen. In der zweiten Phase unterstützten die sorgfältig erstellten Beobachtungsprotokolle die Überprüfung von Hypothesen und Vermutungen und sicherten so auch die Dokumentation des laufenden Prozesses.

Zur Überprüfung des vermuteten Entwicklungsstandes in den verschiedenen Bereichen wurden verschiedene Testverfahren und Beobachtungstabellen verwendet, auf welche an dieser Stelle aber nicht eingegangen wird.

Die Struktur und Form der Prozessbegleitung

In Bezug auf die Prozessbegleitung der Teams spielt sicher die verwendete Struktur der Beratungssitzungen eine große Rolle. Wie bereits erwähnt, formulierten die Auftraggeber den Wunsch, eine Mischform zwischen Teamprozessbegleitung und Expertenberatung zu etablieren. Die Person der Fachberatung musste also gleichermaßen Experte sein sowohl für Teamprozesse als auch für die Heilpädagogik und den Behinderungsbereich.

Die Beratungseinheiten dauerten zwei Stunden und wurden in zwei Teilen durchgeführt. Im ersten Teil berichteten die Anwesenden über den „Stand der Dinge“, besondere Gegebenheiten, Humorvolles und belastende Situationen in der täglichen Arbeit. Die nachfolgende Analyse dieser Sequenzen durch die Prozessleitung ermittelte in der Folge Inhalte und Themen, welche in der folgenden Beratungssitzung im zweiten Teil der Einheit im Sinne eines theoretischen Inputs vorgestellt und diskutiert werden konnten. Damit ergab sich der Ablauf wie in Abb. 3 dargestellt.

 

Jeweils im Anschluss an eine Beratungseinheit erstellte die Prozessleitung ein ausführliches Protokoll, welches über die Teamleitungen allen Beteiligten zur Verfügung gestellt wurde. Zu verschiedenen Zeitpunkten wurde den Teams auch „Hausaufgaben“ gegeben – so zum Beispiel das Erstellen von Beobachtungen zu bestimmten Fragestellungen oder das Einschätzen des Entwicklungsstandes anhand einer Einschätzungstabelle.

Prozessthemen

Über die bereits vorgestellten fachlichen Inhalte und Themen hinaus wurden an den Beratungseinheiten auch teamdynamische und persönlichkeitsspezifische Aspekte und Themen spür- und sichtbar. Diese Inhalte wurden je nach Dringlichkeit zur Kenntnis genommen, mit dem Auftraggeber und den Teamleitungen explizit besprochen und/oder mit den Teams bearbeitet.

 

Eine Auswahl dieser Themen:

Herr AB zeigte geschlechtsspezifisch unterschiedliches Verhalten. Weiblichen Fachpersonen gegenüber zeigte er deutlich seine Zu- oder Abneigung. Beobachtet werden konnte auch, dass die übergriffigen Handlungen (an die Brust oder zwischen die Beine greifen, Kratzen oder Kneifen) nicht bei allen Personen in gleichem Maße auftraten. Deutlich sichtbar war für beide Teams, dass sich Herr AB mit Vorliebe männliche Bezugspersonen suchte, zu denen er einen näheren Kontakt aufbaute bzw. zuließ. Besonders in der ersten Phase der Begleitung löste die (betriebsstrukturell) bedingte Abwesenheit dieser Bezugsperson über mehrere Tage oder Wochen individuelle Krisen aus, welche zu einer erneuten Zunahme der als problematisch geschilderten Verhaltensweisen führte. Anspruchsvoll in der Begleitung sind in diesem Zusammenhang Gefühle der eigenen Unzulänglichkeit bzw. Inkompetenz bei den einen Mitarbeitenden, gleichzeitig aber auch eine gesunde Distanz zur vermeintlichen „Auswahl“ oder „Bevorzugung“ bei den anderen.

Ein ganz spezifisches Thema bei der Arbeit mit Herrn AB war sicherlich das Thema „Exkremente“ und „Urin“. Vor allem in der Anfangsphase neuer Settings (in der Psychiatrie, aber auch im Wohnheim) beschmierte Herr AB sich selbst, sein Bettzeug und bei Möglichkeit auch die Wände und Böden seines Zimmers mit Exkrementen und/oder urinierte in das Bett oder auf den Fußboden. Auch mit zunehmendem Verständnis für die psychische Notlage von Herrn AB bei gleichzeitig basalen Kommunikationsmöglichkeiten führte dieses Verhalten bzw. dessen Konsequenzen in den Teams zu einer großen Belastung und einem hohen Veränderungsdruck. 

Mit dem Ausschluss körperlicher Ursachen konnte dieses Verhalten als Interaktion und im spezifischen Sinne auch als Kommunikationsversuch gedeutet werden. Die zunehmende Entspannung im Gesamtsetting führte denn auch zu einer deutlichen Reduktion der Frequenz und Heftigkeit der gezeigten Verhaltensweisen bis hin zu anhaltend symptomfreien Zeitabschnitten.

Wie funktioniert das spezifische Team in akuten und/oder chronischen Belastungssituationen? Bereits als Belastungsfaktor erwähnt wurde der Umgang mit Exkrementen und dem Urinieren. Weitere große Belastungsfaktoren waren die besonders in der ersten Phase nötige dauernde 2:1(!)-Begleitung, welche die Fachpersonen zum Teil in einen Konflikt in Bezug auf die anderen zu begleitenden Personen brachte oder der Umgang mit Aggression seitens des zu begleitenden Herrn AB. Immer wieder wurde auch die medikamentöse Begleitung diskutiert sowie der Umgang mit der Notwendigkeit der Fixation.

Wie geht die Teamleitung / die Bereichsleitung mit dem Anspruch an „mehr Ressourcen“ um? Teams in Not haben verschiedene Strategien, um mit Belastungssituationen umzugehen. Eine häufige Reaktion ist der Ruf nach mehr Ressourcen und Unterstützung durch die Leitung. In gegenseitiger Absprache wurde daher beschlossen, dass die Fachberatungen mit einer Ausnahme immer von den Teamleitungen mitbesucht wurden, oft jedoch auch mit Teilnahme der Bereichs- oder sogar Institutionsleitungen.

Spannend erwies sich der Umgang mit den Motiven der Sicherheit und der Exploration (Theoriehintergrund: Motivationsentwicklung nach Stern). Einige der herausfordernden Verhaltensweisen von Herrn AB konnten auch als „Langeweile“ interpretiert werden. Das heißt, das Ergebnis des Aufbaus von sicherheitsspendenden Strukturen (z. B. Infrastruktur der beiden Zimmer, geregelte Abläufe, gleichbleibende und in ihrem Verhalten vorhersagbare Betreuungspersonen) ergab eine (über-) strukturierte Situation, welche den Aktivitätsspielraum von Herrn AB zu sehr beengte. Dies führte dazu, dass das Setting rund um Herrn AB laufend hinterfragt und den Gegebenheiten angepasst werden musste. Dieser Punkt – das Infragestellen eben erst erfolgreich etablierter Maßnahmen – ist eine wichtige Aufgabe der externen Prozessbegleitung.

Einsichten

Herausfordernde Menschen, Situationen und Prozesse haben glücklicherweise das Potenzial, die Fachleute in ihrer professionellen Arbeit und ihrer Persönlichkeitswerdung maßgeblich zu unterstützen. Es lohnt sich daher beim Abschluss von Prozessberatungen, einen kritischen Blick auf gewonnene Einsichten zu werfen. Aus unserer Sicht waren dies:

 

Die Suche nach schnellen Lösungen erster Ordnung ist angebracht bei einem System in einer akuten Notlage. Dauert die Situation an, muss der Blick über das im Fokus stehende Individuum hinaus auch auf die eigenen Anteile (Lösungen zweiter Ordnung) gerichtet werden.

Veränderungen geschehen eher, wenn sich die Umwelt den Bedürfnissen des Klienten anpasst und weniger, wenn der Klient gezwungen wird, sich den Gegebenheiten oder Strukturen des Systems anpassen zu müssen.

Der „große“ Erfolg kommt vielleicht noch. Innerhalb des Prozesses ist es wichtig, auch die „kleinen“ Erfolge zu erkennen und gebührend zu beachten. Es ist daher auch nicht schlimm oder als Misserfolg zu werten, wenn ursprünglich formulierte Entwicklungsziele als zu optimistisch erkannt werden und angemessen zurückformuliert werden müssen.

Die Forderung der Teams nach mehr Ressourcen kann (nebst anderen Möglichkeiten) interpretiert werden als Ruf nach mehr Beachtung und Würdigung der geleisteten Arbeit. In diesem Falle war es daher günstig, dass die Teamleitungen sowie die Bereichs- und Institutionsleitung immer bzw. sporadisch an den Beratungssitzungen teilnahmen und so ihre Wertschätzung und Anteilnahme unter Beweis stellten.

Es kann für das System entlastend wirken, wenn in akuten und/oder chronischen Belastungssituationen ein „Zeitgefäß“ eingerichtet wird, welches zudem extern geleitet wird.

Komplexe Fälle erfordern ein mehrdimensionales, das heißt komplexes Vorgehen. Die Prozessbegleitung berücksichtigt dabei mehrere Ebenen, welche in wechselseitiger Abhängigkeit zueinanderstehen.

 

 

 

Die Arbeit an der Schnittstelle bzw. am Übergang von der Psychiatrie zum sozialpädagogischen Wohnheim war für alle Beteiligten ein intensiver und gewinnbringender Prozess. Herr AB wohnt aktuell immer noch in der beim Übertritt gewählten Wohngruppe. Die Begleitung und Betreuung sind immer noch sehr zeit- und personalintensiv. Sie ist aber im Vergleich zu Startphase deutlich weniger belastend – sowohl auf Seiten des Personals als auch auf Seiten von Herrn AB.

Literatur

Zur besseren Lesbarkeit des Artikels wurde darauf verzichtet, Theorien, Ideen, Ansätze und Namen gleich mit einer Quellenangabe zu versehen. An dieser Stelle werden dafür die für die Arbeit im vorliegenden Falle konsultierten und benützten Fachbücher kurz vorgestellt.

 

Arn, Ch. (2016): Agile Hochschuldidaktik. Weinheim und Basel: Beltz Juventa.

Lehrende, welche wahrnehmen, was bei den Lernenden passiert, lehren besser, sind aber auch stärker gefordert, denn sie passen ihr Vorgehen in der Lehre laufend ihren aktuellen Wahrnehmungen an. Dies geschieht nicht nur in der Lehre, sondern natürlich auch in der Begleitung von Fachteams. Ein interessanter, aber auch anspruchsvoller Ansatz.

 

Birgmeier, B. (Hrsg.) (2011): Coachingwissen. Denn sie wissen nicht, was sie tun? Wiesbaden: Springer Fachmedien.

Das heutige Verständnis von Beratung und Begleitung von Einzelpersonen und Teams in der professionellen Arbeit impliziert einen Standpunkt zwischen den vormals getrennten Berufsdisziplinen von Supervision, Organisationsentwicklung und Coaching.

 

Došen, A. (2010): Psychische Störungen, Verhaltensprobleme und intellektuelle Behinderung. Ein integrativer Ansatz für Kinder und Erwachsene. Göttingen: Hogrefe.

Das Buch liefert einen fundierten Überblick zur Entstehung, Diagnostik und multimodalen Behandlung von psychischen Störungen und Verhaltensproblemen bei Kindern und Erwachsenen mit einer intellektuellen Behinderung. Sehr empfehlenswert – allerdings wird ein breites Grundlagenwissen in Heilpädagogik, Entwicklungspsychologie und Psychiatrie vorausgesetzt.

 

Geißler, P. (Hrsg.) (2016): Sternstunden – Daniel Sterns Lebenswerk in seiner Bedeutung für Psychoanalyse und Psychotherapie. Gießen: Psychosozial-Verlag.

In diesem Überblick über das Werk von Daniel Stern wird das Hauptaugenmerk auf die Beachtung nonverbaler impliziter Prozesse im interaktiven Wirkgeschehen professioneller Arbeit in der Psychotherapie gelegt. Die wesentlichen Erkenntnisse können ohne weiteres auf die Arbeit von Fachpersonen mit Menschen mit einer geistigen Behinderung übertragen werden.

 

Ingenkamp, K. & Lissman, U. (2008): Lehrbuch der Pädagogischen Diagnostik. Weinheim und Basel: Beltz.

Das Buch beinhaltet unter anderem ein spannendes Kapitel, in welchem die Beobachtung als wissenschaftliche Methode vorgestellt wird.

 

Theuretzbacher, K. & Nemetschek, P. (2015): Coaching und Systemische Supervision mit Herz, Hand und Verstand. Stuttgart: Klett-Cotta.

Das Buch ist sicherlich für praktisch tätige Coachs und Supervisoren gedacht. Es bietet jedoch auch eine Fülle von Ideen und nicht ganz einschlägig bekannten Vorgehensweisen. Ein spannender Ansatz für die Begleitung von Einzelpersonen und Teams.

 

Wilke, H. (2007): Einführung in das systemische Wissensmanagement. Heidelberg: Carl Auer.

Der Klassiker für das systemische Wissensmanagement! Das Werk empfiehlt sich als wertvolle und effektive Hilfestellung überall dort, wo eine zunehmende Menge von Wissen entsteht und zu bewältigen ist.

 

Wüllenweber, E. (Hrsg.) (2014): Einander besser verstehen: Hilfe und Ansätze für Menschen mit geistiger Behinderung, mit Lernbehinderung und bei Autismus. Band 1: Kommunikation und Beziehungsgestaltung. Band 2: Gesprächsführung, Beratung und Begleitung. Marburg: Lebenshilfe.

Kommunikation, Beziehungsgestaltung, Gesprächsführung und Beratung sind in der Praxis der Behinderten- und Eingliederungshilfe zwar Alltagsaufgaben, dennoch agieren die Fachkräfte bei diesen Themen meist aus dem „Bauch heraus“. Mit diesen beiden zwei Bänden erhalten Praktiker(innen) eine schnelle und verständliche Übersicht über diese komplexen Themen und Theorien. Sehr zu empfehlen!

Fußnoten

1 er vorliegende Artikel entstand im Anschluss an den Abschluss der Fachberatungen in enger Zusammenarbeit zwischen der externen Fachperson der Hochschule für Heilpädagogik Zürich und der Wohngruppe Windspiel im Lukashaus in Grabs (Team Windspiel, Lukashausstiftung, Lukashausstrasse 2, CH-9472 Grabs).

2 EACCH = Treatment and Education of Autistic and related Communication handicapped Children

3 ICF = International Classification of Functioning, Disability and Health

 

Chris Piller, lic. phil.

Dozent am Institut Behinderung & Partizipation, Dienstleistungen & Studienschwerpunkt für Menschen mit einer geistigen Behinderung

Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik Zürich

chris.piller@hfh.ch

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